müdiglich

ach, ach, ach…acht Wochen Grundschulkindfamilie. wie sind wir gestartet? wo stehen wir jetzt? und ist die Vergangenheit abgehakt?

ich hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend wird, ein Grundschulkind zu haben. also: ein Grundschulkind ohne Hortbetreuung. es hat wunderschöne Seiten und ich hätte sicher nicht so schnell bemerkt, dass wir etwas abzuklären haben, wenn es ums Lesen geht, wenn er im Hort gewesen wäre. aber es kostet unglaublich viel Kraft. uns alle.

was ich bemerkenswert finde: ich koche jeden Tag. wirklich wahr. also, nicht jeden Tag kreativ deutsch-toskanische Fusion-Food mit Extra-Linsen, aber ich koche: Eierpfannkuchen, Kürbissuppe, Tomatensauce, Bratlinge mit Kartoffel-Möhren-Gemüse, Pasta alla Panna, Pizza, Pasta Bolognese…und mir fällt dauernd was ein und ich wiederhole mich maximal monatlich und nicht wöchentlich. gut, ich nehme mir zwei Mal die Woche auf dem Heimweg vor, mit dem Sohnemann zu Golden Arches zu fahren und Pommes zu essen, aber umgesetzt haben wir es nie. dafür koche ich wochenends kaum noch. an den Wochenenden bin ich einfach so angenervt von unserem Alltags-Takt unter der Woche, dass ich regelmäßig alle Leinen loslasse und nur rudimentäres Zeug geregelt bekomme (wenn schon nicht das ganze Bad, dann doch wenigstens das Klo geputzt kriegen).

was ich unterschätzt habe: den Neubeginn an der Weiterführenden Schule mit meinem dortigen Schützling. und das Nähebedürfnis meines Kleinen und dessen Freundschaftsquerelen im Kindergarten. die Müdigkeit des Großen nach der Schule und auch meine Müdigkeit. wenn wir beide gerade aus der Schule kommen, sind wir beide völlig angenervt und hungrig und ich schlafe Tag für Tag nach dem Mittagessen für 15min ein. wenn wir es danach noch schaffen, mit dem Kleinen einkaufen zu gehen, ist der Tag eigentlich schon zu voll.

abends sind wir ab 20:00 schlecht gelaunt und ab 20:30 in der ersten Schlafphase. und zur Zeit bin ich so erschöpft, dass ich nicht mal wie sonst um 5 aufwache und Lust habe, mich mit Kaffee und Laptop in die Küche zu setzen um Mails zu schreiben oder zu twittern. ich bin so erschöpft.

nein, nein, hier ist nach wie vor so vieles wunderbar. wunderbare Menschen hier im Haus, die miteinander reden. die andere Familie im Haus tut mir so gut, auch wenn ich manchmal meine Mühe habe, uns nicht zu vergleichen. es fällt mir sehr schwer. aber ich übe. die Kinder können miteinander spielen, wir Mamas können miteinander reden. in unserer Wohnung wächst die Struktur, die uns entspricht. die Zimmer wurden zum Teil nochmal umgeräumt und umgeschoben, aber wir haben nach wie vor keine Möbel kaufen müssen. der Keller steht zwar voll, aber gut. noch hat nicht alles seinen Platz gefunden. aber es gibt immer schöne Blickachsen.

dennoch müde. dichter Alltag. dichte Sorgen. so viel zu regeln. so viel unklar. der Umzug und die Renovierung waren so teuer und ich frage mich immer wieder, ob wir damit unsere Verhältnisse überschritten haben. der Exvermieter fordert nach wie vor Geld und Geld und Geld (er hat eine wunderbare Fantasie, was ich alles hätte renovieren sollen in der alten Wohnung). die Waschmaschine ist kaputt. das Lastenrad ist platt. zwei Steuererklärungen drängen. die Rentenzeiten sollen für die Scheidung überprüft werden. und ich bin doch so oder so ständig erschöpft.

„Minusch, mach mal ne Mutter-Kind-Kur…“ öhm, ja, klar…und alles, was ich in der Zeit nicht schaffe, räume ich dann danach auf? wer vergleicht für mich Versicherungen? wer bringt mein Fahrrad weg (und finanziert die Wartung plus den Reifenwechsel?)? „Minusch, Du darfst Dich nicht aus dem Blick verlieren!“ ja, ne, is klar, deswegen haben wir ja auch so ein wunderbares administratives System, das uns auffordert, gerade dann, wenn wir wirklich Ruhe brauchen, erstmal Anträge auszufüllen und Türklinken zu putzen.

ich fühle mich, als würden alle meine Ideale langsam eingekocht zu etwas ungenießbarem. und es ist kein Ende absehbar. ich schlittere von einem wirtschaftlichen Desaster ins nächste und das einzige, was ich tun kann, ist, mich krank melden? ernsthaft? bin ich arbeitsunfähig, wenn ich so viel zu arbeiten habe, dass ich nur versagen kann? bin ich krank, wenn ich vor Erschöpfung kaum noch mitkriege, was für eine Tageszeit wir haben? ja? krank? in einem Land, das so viel Wissen über Menschen hat, existieren trotzdem unfassbar viele Menschen, die über ihre Grenzen gehen und denen danach irgendwer kluges ins Gesicht scheißt: „ja, da hätten Sie mal besser auf sich achten sollen…tststs“

ist es eigentlich irgendwie nachvollziehbar, dass meine Schulden anwachsen, obwohl ich nur lebe? ist das irgendwie logisch? ich meine: kein Auto, keine Zigaretten, kein Alkohol, kein Urlaub, kein Sportverein, keine Hobbies…wir erfüllen nur unsere Pflichten und machen nie was teures. nicht mal Kino. oder Erlebnis-Bad. oder irgendein teurer Zoo. nichts. ich habe ein Handy. nicht drei. eins. wir hören Hörspiele auf Spotify. wir kaufen ab und zu mal ein Kinderbuch. eigentlich müsste das hier doch alles wie am Schnürchen laufen, aber das tut es nicht. warum?

nein, depressiv bin ich derzeit nicht. aber überlastet. seit Jahren. überlastet durch Sorgen, Konflikte, Aufgaben, Bürokratie. was lebe ich meinen Kindern vor? was für eine Mutter bin ich? ich löse gigantische Probleme aber keine Lösung führt dazu, dass der fiktive Knoten platzt und wir endlich wieder Freiheit spüren können. ich kann meinen Kindern nicht erklären, wie andere Menschen Weltreisen finanzieren. ich kann nicht erklären, wie andere Menschen ein ganzes Haus bewohnen. oder ein Pferd halten. mir ist schon ein Rätsel, wie jemand an ein Klavier kommt. oder ein Auto. wir können vom Bett aus Flugzeuge von Frankfurt aus abfliegen sehen…da am blauen Himmel kleine weiße Flugzeuge. da sitzen sicher auch Familien drin. aber wie bezahlen die das?

ich stehe vor meinem eigenen Rätsel. eine Frage zwischen Anerkennung und Leistung. Frage nach Nähe zwischen Menschen. und nach Glück.

üb ich mich in Bescheidenheit und erkenne an, dass es uns noch besser geht als anderen? frage ich mich, was ich hätte anders machen müssen, um jetzt mehr Sicherheit zu haben? oder lasse ich das Vergleichen sein und erkenne einfach an: dieses Leben ist meines uns hier läuft etwas falsch, wenn ich es nicht schaffe, mich sicher zu fühlen?

ich wäre gern eine Weile unantastbar. unberührbar. taub. eine kurze Weile. bis meine Synapsen wieder freiwillig senden und nicht unter Dauerfeuer Stresshormone transportieren. ich war mal ruhig. ausgeglichen. glücklich. sicher. ich hätte das gern wieder. und brauche davon etwas zurück. bald. bitte. was muss ich dafür tun?

Liefs,
Minusch

2 Antworten auf „müdiglich

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