holding back the years

das dritte Weihnachten als Single-Mama. zwei Jahre Berg- und Talfahrt. zwei Jahre voller „ich glaube jetzt geht es“ und „verdammt“. und noch immer suche ich nach einer Haltung, die mir entspricht. nach einem Blick, den ich in Worte fassen kann. nach einer Universal-Perspektive, die mir erlaubt, all das weiter zu betrachten als von Krise zu Krise.

ja, möglicherweise bin ich oft zu misstrauisch. gleichzeitig erlaubt aber dieses Misstrauen Überraschungen, die ansonsten drohen würden, Gewohnheit zu werden. verstehst Du? ich werfe mich immer wieder auf mich selbst zurück, um meine Träume nicht in anderen suchen zu müssen. das fühlt sich immer wieder an wie „alleine sein“. aber es ist tatsächlich mehr sowas wie eine emotionale Yoga-Übung.

damit ich nicht andere Menschen in die Pflicht nehmen will/muss, mir zu helfen, bleibe ich bei mir und ertrage die Verzweiflung, in die hinein andere treten können, die aber diese anderen auch wieder verlassen können. genauso halte ich es auch mit den Kindern: unser Gemeinsam-sein manifestiert sich in unserer Wohngemeinschaft. wir verbringen Zeit miteinander und die beiden dürfen selbstverständlich in mir suchen, was ihnen fehlt. sie müssen eben auch mit meiner Begrenztheit zurechtkommen. auch mit unserer Begrenztheit. aber ich suche nicht in den Kindern das, was ich von mir kenne. ich bin überrascht, wenn ich Gemeinsamkeiten erkenne.

das Glück meiner Kinder ist an dieser Stelle, dass ich echt ein kindliches Gemüt habe, wenn es ums spielen geht. ich mag nicht immer spielen. aber wenn ich spiele, dann voller Freude. ich kann problemlos in die Welten der beiden einsteigen und staunen und dort agieren. das macht es sicherlich leichter, Nähe zu spüren. wir laden einander in unsere Welten ein. aber wir bleiben dort nicht. und wir können auch mal einen Tag lang jedes in seiner Welt bleiben.

wenn ich jetzt wieder zu mir und meiner Perspektive zurückkomme, spüre ich nach wie vor, was mir fehlt. gleichzeitig spüre ich aber auch, was ich habe. wirklich gleichzeitig. ich denke mir: „verdammt, das Geld reicht nicht!“ und „ich hab genug zu Essen da.“ oder „ach, ein Urlaub wäre schön“ und „wir waren schon länger nicht am Bach, da kommen wir ja auch mit dem Bus hin“

„wie schade, dass wir kein Haustier haben können“ und „wow, sind das viele Sperlinge hier im Hof“

„oh, das kleine Päckchen Lachs wars dann wohl dieses Jahr“ und „verdammt, schmeckt der Haferbrei lecker“

was ich damit sagen will:
auch wenn ich manchmal für eine Weile den Fokus auf das richte, was fehlt oder weh tut, bedeutet das nicht, dass ich nicht das andere sehe. anderes herum auch: nur weil ich mich wirklich freue, heißt das nicht, dass die sonstigen Probleme fort sind.

ja, das klingt völlig banal. aber tatsächlich stellt das die Essenz des Lebens für mich fest. die Gleichzeitigkeit von allem. links kann sich die Nachbarin neu verlieben und rechts kann der Partner sterben. ich kann Körperkontakt vermissen und trotzdem einen Horror vor sowas wie Beziehung haben. ich kann spüren, dass ich mich durch meine Erfahrungen verändert habe, aber ich kann auch spüren, dass mein inneres Licht davon nicht berührt wurde. ich kann mit meinen Kindern lachen und gleichzeitig wissen, dass unsere Politik zulässt, dass Familien auf dem Mittelmeer zerbrechen.

ich werde jetzt 41 (noch drei Mal schlafen). aus lauter Spaß hab ich gerade ein Take That Album angeschmissen (der Weihnachtsjazz und das Instrumental und meine Indie-Playlists gehen mir gerade auf den Keks). 2018 hat mir beigebracht, dass die Welt schöner wird, wenn ich sie gestalte. also zumindest meine ;-). meine Kinder und ich sind näher zusammengerutscht. und aktuell hinterfrage ich ganz grundlegende Haltungen zum Thema „angemessenes Umfeld für Kinder“. ich habe einen alten Mann innerlich verhöhnt und den anderen schriftlich kritisiert (mit einer deprimierend vorhersehbaren Reaktion…meine Güte, meine Güte). ich hab Autofahrer angepöbelt und Kassiererinnen Komplimente gemacht. ich habe Freundinnen geholfen, mich selbst unterschätzt, mich geärgert, mit der Welt gehadert, innerlich twitter sicher 8 Mal abgefackelt. ich hatte 50 Krankheitstage, kenne mich jetzt mit Läusen aus, und hab mein Fundament mit Magma ausgegossen. Ergebnis: ich bin wer!

meine Kinder und ich hatten ein herrliches Weihnachten. sozusagen aus unserem eigenen Bilderbuch. der Große beginnt zu lesen und der Kleine vervollständigt angenervt seine angefangenen Worte.

wir leben in einer wunderschönen neuen Wohnung in einem wunderschönen alten Haus mit wunderbaren Menschen. ich arbeite in einem unfassbar vielfältigen und herzenswarmen Team. nachts höre ich Menschen auf der Straße singen. tagsüber toben die Kinder im Kindergarten gegenüber fröhlich durch den Garten. meine Worte hier werden gelesen und beantwortet. Menschen schicken liebe Briefe (die Einkaufstasche trage ich ständig mit mir herum…und der kleine Eulen-Essenbeutel wandert regelmäßig mit in die Grundschule). Badezusatz, Karten, Bücher, Geschenke…

so viele Menschen haben mich dieses Jahr ein Stück weit getragen. immer wieder. ja, es ist traurig, dass ich das so oft nicht selber konnte, aber es ist wunderschön, dass ich in meiner Not gesehen wurde.

und all diese Hilfe fällt nicht etwa in ein schwarzes Loch und vermodert dort. nein. sie bildet den Nährboden für die Zukunft. irgendwann wachsen unsere Blumen hier hoch genug und wir können das, was ihr uns geschenkt habt, weiter schenken! weiter geben an andere Menschen, die in Not geraten sind. und wir werden uns nicht lumpen lassen. alle Träume keimen klein.

ich möchte an all dem wachsen und davon lernen. und ich möchte weitergeben, was ich habe. Ideen, Wirklichkeiten, Haltungen, Blicke, Vertrauen.

meine Kinder und ich, wir wünschen Euch allen ein paar zarte letzte Tage voller 2018 und einen liebevollen Start in das nächste Jahr! lasst Euch nicht verunsichern! und fühlt Euch gesehen!

Danke.

Minusch

4 Antworten auf „holding back the years

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