sorry, not relatable at present

seit etwa einer Woche kaue ich zusammen mit einer anderen Bloggerin via verschiedenen Nachrichtensystemen auf einer Analyse des status quo unserer Timelines auf twitter herum. wir registrieren beide Veränderungen. sie ist etwas länger dabei als ich, aber unsere Seismographen haben einen irgendwie parallelen Ausschlag: wir haben angefangen, uns selbst zu zensieren, um Stress zu vermeiden. ganz grob gesprochen.

wir beide sind Feministinnen. wir beide diskutieren gern. wir beide lernen gern. wir beide haben als Ziel, offen zu besprechen, was uns ausmacht/beschäftigt/bewegt/interessiert/verwundert/entsetzt/anekelt/aufregt…und wir beide sehen uns als Teil einer sich immer weiter auffächernden feministischen Haltung. wir stehen nicht unbedingt in denselben Spektralabschnitten, aber wir sind nicht so weit voneinander weg. was uns richtig nah zusammenbringt, ist die Arbeit an der Sichtbarmachung struktureller Gewalt gegen Frauen und die gleichzeitige Sichtbarmachung einer weiblichen Sicht auf die Gesellschaft.

ich finde, das sind prima Aufgabenbereiche, antastbar nur von Maskulinisten und rechten Konservativen. mit den Gegnern kommen wir locker klar. die sind ohnehin schon immer da, folgen denselben Prinzipien wie immer, springen auf dieselben Schlüsselworte an und flamen alle im Prinzip dasselbe.

nur um das klar zu machen: ich halte mich nicht für einen besseren Menschen, weil ich mich engagiere (feministische Texte teile, meinen feministisch eingefärbten Gedankenkram veröffentliche und gewalttätige Äußerungen melde). es ist einfach mein Anliegen. mein Thema. nicht das Waschmittel für eine reine Weste. ich mache das, weil es mir wichtig ist und weil das ein Themenfeld ist, dass ich zumindest grob überblicke. nur grob, weil mir für fein einfach die Kraft/Zeit/Energie fehlt.

aber seit etwa zwei drei Jahren gerate ich durch Fragen etc. in eine andere Gruppe, die ich mir nicht ausgesucht habe. ich habe nur eine ganz grobe Idee, wieviele Accounts mich inzwischen geblockt haben, aber es sind schon einige. ich gelte gemeinhin als transfeindlich und werde den TERFS zugeordnet. TERF bedeutet „Trans Exclusionary Radical Feminist“. ich schließe Transfrauen sozusagen aus der feministischen Perspektive aus, so sagen die beurteilenden Menschen. und ich tue das, indem ich Fragen stelle. so weit, so einfach.

tatsächlich habe ich noch nie verhindert, dass eine Transfrau ob mit oder ohne Sternchen irgendwo rein darf, aber darum geht es ja auch nicht. sobald ich nachfrage, was es bedeutet, wenn Menschen vom Ego ausgehend die geschlechtliche Zuordnung verändern, bin ich schon in der Falle, denn: wenn ich wirklich Transfrauen als Frauen sehen würde, müsste ich ja wohl kaum fragen…

ich sehe das tatsächlich etwas anders. also, ich sehe eine Menge anders, aber gerade in diesem Punkt finde ich, übersehen die AktivistInnen etwas. und zwar die bisher recht fest umrissene Gruppe von Frauen, die im Großen und Ganzen eine Menge Erfahrungen teilt, an deren Sichtbarmachung ich mitarbeite und deren Tilgung aus den Geschichtsbüchern uns ziemlich beeinflusst hat. ja, auch Transpersonen kommen in Geschichtsbüchern nicht vor. auch wichtig. aber mein Schwerpunkt liegt bei der Hälfte der Weltbevölkerung. vielleicht utilitaristisch, aber ich habe mich entschieden.

ich kann mir vorstellen, dass Transfrauen sich schon immer als Frauen/Mädchen sahen und das aus der Diskrepanz zwischen innerer und äußerer Wirklichkeit Leid entsteht. vor allem, wenn das Umfeld gedanklich konservativ funktioniert und eine solche Nicht-Übereinstimmung ja gar nicht vorgesehen ist. was ich nicht kann: alle Aspekte dieses Leides abbilden und nachfühlen. ich kann dafür nicht Partei ergreifen, weil ich von der Innenperspektive nichts weiß. ja, es gibt Leute, die können zu allem was sagen und vielleicht bremst mich meine weibliche anerzogene Zurückhaltung, aber die Quintessenz ist: ich kann dafür nicht kämpfen. ich will auch nicht. selbst wenn ich wollte, müsste ich erst so viele Informationen sammeln, dass dafür kein Raum in meinem Leben bleibt. denn: ich WILL ja schon an anderer Stelle kämpfen. für Frauen.

ich könne doch meine Sprache einfach anpassen. das wäre ja wohl nicht zu viel verlangt. wer nicht bereit sei, sich sprachlich auf die Bedürfnisse der Transpersonen anzupassen, der sei eben ein Arschloch. und dieser Arschlochigkeit müssten wir uns halt bewusst sein, ne? klar. logisch.

sorry, nee. auch da steckt ein Denkfehler. denn: wenn ich beginne, das Wort „Frau“ aus dem Wortschatz zu streichen und nur noch von Menschen mit oder ohne Uterus zu reden/schreiben, dann kann ich nicht mehr dafür kämpfen, die weibliche Perspektive in die politische Wirklichkeit zu integrieren. wie denn? mir geht es um Frauen. nicht um Uteri (wow, ich musste echt den Plural googeln und Uterus wird männlich dekliniert…bemerkenswert). mir geht es um den strukturellen Missbrauch, die strukturelle Gewalt, die patriarchale Ignoranz gegenüber Frauen. nicht nur Gebärenden. auch Gebärenden. aber vor allem Frauen. mir geht es auch um Mütter. das Wort „Mutter“ ist auch ein Streitthema geworden, weil es Leute ausschließt, die qua Körperausstattung nicht Mutter werden können…für mich steckt in dem Wort „Mutter“ ein Universum an Geschichte und der Ursprung für die Unterdrückung von Frauen. ich will auf diesen Begriff nicht verzichten. ich werde auch nicht darauf verzichten.

schließe ich damit Transfrauen aus? oder kämpfe ich nur nicht an vorderster Front für sie? wem gebe ich meine Stimme? den Frauen, die von Männern unterdrückt wurden oder den Transfrauen, die in männlichen Körpern sozialisiert wurden? wenn ich mich entscheiden müsste, wäre meine Entscheidung klar. sicherlich aus Transsicht unfair. aus meiner Perspektive richtig.

erhalte ich ein fiktives binäres System am Leben? ist da so? in wiefern tut dann eine Transition genau das nicht? ja, ich verstehe gut, das trans* auch Menschen einschließen möchte, die innerlich zwischen den binären Polen unterwegs sind und das auch nach außen zeigen möchten und dass es dieses weite Feld dazwischen schon immer gab, so wie es auch intersexuelle Menschen schon immer gab und wie unser Hormonstatus nicht eindeutig männlich oder weiblich ist und unsere Gehirne da auch nur wenige Schlussfolgerungen zulassen und die sichtbarsten Inhalte der Stereotype sind anerzogen. das ändert in meinen Augen nichts daran, dass Frauen benachteiligt wurden und werden und ich hier noch einen Job zu tun habe. ja, auch Transpersonen werden benachteiligt. nur anders. es gibt sicher Überschneidungen. aber es ist nicht aufeinander abbildbar. das sind zwei Kämpfe, die parallel gekämpft werden. manche Personen können sich in beiden bewegen. ich kann es nicht, und das, obwohl ich mich selber nicht so sehr als Frau empfinde und per Definition sogar zu den trans* zählen könnte, wenn ich in Männerhosen und mit kurzen Haaren durch die Stadt laufe. der Unterschied: ich werde IMMER als Frau gesehen und behandelt (Körbchengröße E).

bin ich echt ein Arschloch, weile meine Kapazitäten nicht ausreichen, mich in zwei Themenbereiche einzuarbeiten? oder bin ich das Arschloch, weil ich die beiden Bereiche trenne? bin ich ein Arschloch, weil ich die falschen Vokabeln verwende? oder bin ich das Arschloch, wenn ich nicht von mir selbst aus jede denkbare marginalisierte Gruppe korrekt mitdenke? bin ich ein Arschloch weil ein Du sich von mir verletzt fühlt? bin ich ein Arschloch, weil ich mich abgrenze? bin ich ein Arschloch, weil ich meine eigene Überforderung vermeiden will?

ein Glück muss ich mich selten wirklich (TM) zwischen den „Fronten“ entscheiden. außer täglich auf Twitter, was die Verwendung der entsprechenden sprachlichen Attribute angeht. ich habe das Recht, mein Leben und die Inhalte meines Lebens selbst zu bestimmen. ich unterstütze Wege, die Diskriminierung abbauen. aber wenn diese Wege mit dem kollidieren, was mir an Rechten für Frauen wichtig ist, dann bleib ich bei meinem roten Faden. diskriminiere ich auf diese Weise? ich behaupte, ich diskriminiere nicht, sondern ich agiere politisch. ich will vieles unterstützen aber ich will nicht jeden Karren ziehen.

wenn mein Profil reicht, um mich als transfeindlich zu labeln, dann sagt das mehr über die Außenperspektive als über meine Haltung. ja, ich verstehe, dass ich Menschen damit enttäusche, die mehr von mir erwartet haben. das blöde ist nur: ich nenne Euch alle nicht pauschal Arschloch, weil ihr für etwas anderes kämpft als ich. ich respektiere Eure Ziele. ich diskutiere auch gern mit Euch. ich lerne gern dazu und ich hinterfrage gern meine Haltung. tatsächlich. ich mach das gern. nur fänd ich es eben irgendwie besser, mir, wenn ihr mich kritisiert, wenigstens die verbalen Attacken und Unterstellungen zu ersparen. ich habe nämlich auch schon anfangen müssen zu blocken. und wenn wir uns irgendwann mal alle durchgeblockt haben, kann niemand mehr dem anderen erklären, worum es ihm/ihr geht und die Kommunikation ist abgeschnitten.

aus meiner Sicht spricht überhaupt nichts dagegen, beide Kämpfe parallel zu führen und sich auszutauschen. wer weiß? vielleicht werden diese Themen irgendwann mal parlamentarisch diskutiert? wäre doch gut, es schon vorab mal zu versuchen, ohne Lobbyistinnen im Gepäck.

btw: wer sich sprachliche Sensibilität wünscht und im selben Atemzug mit Schimpfworten ankommt, sollte vielleicht für einen Moment genau darüber nachdenken…vielleicht. ich musste noch nie eine Frau Arschloch nennen, nur weil sie keine Feministin ist. fällt mir irgendwie nicht ein. vielleicht auch anerzogene Zurückhaltung? oder vielleicht: Respekt vor den anders-denkenden? vielleicht…

Liefs,
Minusch

PS: #Nazisraus

3 Antworten auf „sorry, not relatable at present

  1. da sagst du was. ich hatte dich nicht als besonders terfig empfunden, was zeigt, wie krümelkackerig diese sparte twitter ist. mir bricht jedes mal das herz, wenn ich dich von personen kritisiert sehe, die daheim die kinder versorgen während der mann das geld verdient. und die wollen dann, dass du ihren kampf mit austrägst. ich sende dir viel liebe und freue mich auf dein zukünftiges feministisches content!
    xoxo

  2. Huhu, ich bin gerade zufällig über den Beitrag gestolpert und habe ihn sogar bis zum Ende gelesen. Ich finde deine Einstellung absolut schlüssig und authentisch, ehrlich. Natürlich kann es damit zu Konflikten kommen, aber das darf es ja auch – sonst entwickeln wir uns ja nie weiter.

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