weites Meer

da sitze ich.
heute ist mal niemand krank und danke lieber Hilfe können wir tatsächlich am Sonntag nochmal ins Kino gehen (Drachen zähmen leicht gemacht gemacht 3-preview, jippieh!). das Jahr hatte schon im Januar ein paar Überraschungen…unangenehme, sehr schöne. und ich dümple in Gedanken über Entscheidungsspielräume, Ängste und Möglichkeiten.

ja, ich fände eine Kur schön, glaub ich, also…ich weiß es nicht. ich bin etwas vom Medizin-Glauben abgefallen und fürchte mich ein wenig vor dem klinischen Kontext. also diese Furcht ist so ein Unbehagen, wenn ich daran denke, dass wir alle drei uns Freiheit wünschen und uns dort nur wieder in Strukturen bewegen dürfen. ist es da ratsam, zu hoffen, eine Klinik direkt in Strandnähe zu finden, um wenigstens nach 16:00 frei zu sein?

wie hoch gewichte ich das Unbehagen?

immerhin bin ich mir schon klar, dass ich nicht dafür dankbar sein muss, überhaupt zu den Kur-Kandidatinnen zu gehören. es ist nur…also…gibt es sowas wie eine politische Mutter-Kind-Kur? etwas, wo nicht versucht wird, mich zu optimieren sondern die Verhältnisse, die dazu führen, dass es mir nicht soooo gut geht? ich mag keine Tipps für den Alltag. das, was ich tue und wie ich es tue, ist soweit ziemlich gut reflektiert. und ich will auch niemandem erklären, warum es so viele Prozesse gibt, in die ich die Kinder mit einbeziehe.

ich weiß einfach schon, dass es in allen meinen Lebensbereichen kaum Menschen gibt, die mich verstehen. irgendwo schweifen wir immer ab. ich beziehe die Kinder in zu viele Prozesse ein, sie sind doch keine Partner! ich arbeite zu wenig, ich könnte den beiden schon mehr zumuten! meine Ansprüche an unser Zuhause (lies: Haushalt) sind zu hoch, völlig offensichtlich! mein Netzwerk ist nunmal also…daran sollte ich echt mal arbeiten. als Feministin bin ich zu radikal oder zu wenig radikal (echt beides gleichzeitig, je nach dem, wen Du fragst). als Partnerin bin ich zu ängstlich/vorsichtig. als Angestellte bin ich zu oft krank.

das Ding ist: ich finde mich gut. die Kritikpunkte sind Kritikpunkte von außen. schon mein ganzes Leben erfahre ich nirgendwo ein „hej, alles easy, Du machst das schon“, sondern grundsätzlich: „da gäbe es noch das eine oder andere zu verbessern…“ und dann steht da ein Mädchen in einer jungen Frau in einer erwachsenen Frau und alle drei schütteln den Kopf und denken sich: gehts noch?

ich WEISS, dass ich viel Zeit brauche. ich WEISS aber auch, dass das nun eben oft so ist. wieviele dieser Entwicklungsprozesse bis hier hin habe ich unter Dauerfeuer absolviert? wie oft habe ich gerade die letzten Schritte bis ich es kapiert habe, im Sprint hingelegt? es gab eine Phase, in der ich mir wirklich entgegen allen Zeitgeist-Empfehlungen Zeit genommen habe. eine ALG I Phase zwischen zwei Jobs. die Kohle hat gut gereicht und ich habe mir eigene Ziele gesetzt. damals ging es mir um meine Sexualität. und was sich mir dann eröffnet hat war eine Explosion von Lebendigkeit. das war vor über 10 Jahren. ich war sicher und fokussiert und konnte selbst entscheiden und habe innerhalb von 4 Monaten so viel gelernt. ich konnte verschiedenes verknüpfen und durchdenken. manchmal in mehreren Ansätzen.

ich würde das sehr gern wieder tun.

ich kann spüren, dass in mir nicht alles kaputt ist. dass nicht ich die problematische Konstante an meinem Leben bin. also, ich weiß es auch, weil ich als Feministin schon lange die Fähigkeit habe, die Kontexte anders herzustellen und die Realität aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. es gibt nichts daran zu rütteln: gäbe es nicht so irre viel Druck und so wenig Anspruch auf Hilfe, eine Menge Frauen wären vor allem stark und nicht vor allem müde.

und am meisten nervt mich, dass die Dauer dieser Belastungen schon so lange anhält, dass ich weiß, dass genau das auch noch etwas in mir grundlegend verändert. meine Zeit mit ALG II hat damals auch lange genug gedauert um mit jeder Faser noch jetzt zu spüren, dass das nicht meine Reißleine für den worst case ist sondern mein Horror. ich habe Angst vor ALG II. gibt es nicht als Codierung im DSM V, ist aber sicherlich ohne Probleme nicht nur bei mir messbar.

ich habe auch Angst vor einer neuen Beziehung. flirten finde ich nach wie vor schön, aber bitte komme mir kein Mensch näher. bildlich gesprochen gehöre ich zu den geschlagenen Hunden, denen Du erstmal ein paar Wochen lang was zu fressen hinstellen müsstest, ohne traurig zu sein, dass der Hund es nicht anrührt.

und wisst ihr was? ich finde beide Ängste angemessen. sie sind nicht übertrieben. sie sind auch nicht irrational. sie schützen mich.

ja, sicher, ich bin jetzt älter und weiß noch mehr und wenn ich jetzt eines von beidem (ALG II oder eine Beziehung) erleben würde, könnte ich sicher klar kommen. ich hab es einmal geschafft und schaffe es nochmal. blablabla. aber der Preis dafür, steht nicht im Kleingedruckten. der Preis steht vielleicht auf der Packung für Bluthochdruck-Medikamente. oder auf der therapeutischen Abrechnung. oder in meinem Darlehensvertrag. und eben irgendwo in mir.

da sitze ich. mit einem inzwischen genetischen Bedürfnis alles zu erklären, damit ich endlich in Ruhe gelassen werde. manchmal denke ich, dass ich ganz kurz davor bin, in der Balance Ruhe zu finden um ENDLICH nach mir zu schauen (so wie vor 10 Jahren). und dann gibt es wieder ne Deadline. vielleicht bald ein amtlicher Brief vom Exvermieter, dem ich seine zweite Renovierung plus den Mietausfall nicht schon längst freiwillig bezahlt habe. oder eine Krankheit. oder einen Kindergeburtstag.

was für ein Mensch wäre aus mir geworden, wenn mir irgendwann mal jemand in einer signifikanten Phase geholfen hätte, mir selbst zu vertrauen? vielleicht werde ich diesen Prozess mit 50 abgeschlossen haben. gut ist: ich krieg das auch ohne Hilfe hin. blöd ist: es dauert ewig, kostet viel und brauchte viele Misserfolge.

sich selbst mögen. eines der großen Tabus des Spätkapitalismus. mit mir ist nicht mehr viel Geld zu machen. die Welt sah noch vor 20 Jahren irgendwie komplett anders aus. ich muss nachdenken…

Liefs,
minusch

2 Antworten auf „weites Meer

  1. ich stelle mit es richtig schwer vor, Nähe überhaupt wieder zuzulassen, allem guten Willen und positiver Einstellung zum Trotz. Der Kopf macht in unbeachtet Momenten sein eigenes Ding.

  2. Die Kurklinik…. also. Du hast keine wirklich positive Grundeinstellung zu dieser Art von medizinischer Maßnahme. Ich kanns verstehen. Denn natürlich ist eine Kurklinik alles, aber nicht die große Freiheit, sich ein paar Wochen treiben zu lassen, Zeit zu haben… Und irgendwie kann es das doch sein. Ich war mit meinem Sohn drei Wochen in Sellin auf Rügen in einer Eltern-Kind-Kurklinik. Das Meer war um die Ecke. Nachmittags war frei. Es gab in Maßen Schulunterricht für die Kinder, es gab sehr viel Angebote für die Kinder. Und ich hatte sehr viel Zeit. Keiner wollte mich optimieren oder mir erzählen, was ich tun soll. Ich habe nette Menschen kennen gelernt, war viel am Meer und habe nur gute Erinnerungen. Aber mein Sohn war acht, war schon mit zwei ganztags in der Kita und in der Schule im Hort. Er mochte Gruppen immer und hatte kein Problem mit der Vormittagsbetreuung, dem Unterrichtsangebot und dem Kinderprogramm. Ich selbst war eher ein ängstliches Kind, das am liebsten zu Hause war, für mich wäre das nichts gewesen. Mit Kleinkind stelle ich mir das auch eher anstrengend vor. Aber so war es gut, hilfreich und sehr entspannt.
    Ich musste mich da nicht erklären oder rechtfertigen für das, was ich tue. Mir wurde zugehört und keiner hat mir irgendwelche Tipps gegeben. Ich habe das mehr als Zeit empfunden, die ich bekommen habe, um mal mit etwas Abstand zum Alltag über mein Leben nachzudenken. (super Essen, Schwimmbad und ruhige Umgebung – wie gesagt, direkt am Meer)

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