15 Jahre Tod

mein Schatz,
nie war dieser Tag so wie heute. morgens hatte ich noch so ein flaues Gefühl im Magen, aber dann dachte ich an den Urlaub und dass ich mit den Jungs die Kasseler Glücksfamilie besuchen mag und dann meldete die Glücksfamilie sich und ich stand heulend im Klassenraum, weil ich nicht einfach vor Glück schreien konnte.

als ich mittags weinend im Blumenladen stand (ich habe mir zum ersten Mal einen Strauß selber binden lassen für diesen Tag und hatte das auf einmal so unfassbar bewusst), löste sich wieder etwas…dann zuhause das Besuchskind und der Große in einem wilden Durcheinander wie das Wetter…Sonne, Regen, Sonne, Regen…

ich habe Nudelauflauf gemacht und extra viel Tomatenmark für Dich reingerührt (rot). zum Nachtisch gab es Sahnequark mit versteckten Himbeeren (für Dich). und dann löste sich wieder was und ich rührte Brownieteig, rieb Zitronenschale ab für die Waffeln und dann folgten fast 2 Stunden lachen und staunen und zärtliche Ironie mit der Glücksfamilie zwischen Ranunkeln und Kerzen.

jetzt wird es langsam abend…ganz langsam. behutsam. hier stehen zwei wunderschöne Sträuße und ich habe noch den Zitronengeschmack auf der Zunge. hier ist ein Chaos um uns herum getobt und ich war in mir und habe hinausgeschaut und so viel Lächeln gesehen.

Himmel, ich hätte Dir so gern mehr von dieser Welt gezeigt. diese vielen Formen von Liebe. andererseits wäre ich nicht die, die ich bin, wärest Du geblieben. so vieles, was ich heute weiß, weiß ich nur, weil Du bei mir warst und wieder gingst. daran halte ich mich fest. immer wieder. nur durch Dich wurde ich, wer ich bin. durch Dich habe ich verstanden, was Liebe bedeutet. durch Dich weiß ich einiges über die Unsterblichkeit von Gefühlen. durch Dich lebe ich jetzt mit Deinen Halbbrüdern in Sicherheit in einem Zuhause, das sich Tag für Tag füllt mir unserem Geist. unseren Träumen und Ängsten und Liedern.

Sand in der Küche, Puderzucker auf dem Bett und die leisen Stimmen der Kinder.

Du wärst dieses Jahr 16 geworden. ich sehe diese großen Jungs auf dem Schulhof und denke, einer davon hättest Du sein können. diese klugen jungen Kerle, die alles ausdiskutieren. oder die Sportidealisten, die für ihren Sport brennen. die Buddies. die Nerds. die Checker. wer wärst Du gewesen?

ich wage gerade, mehr nach mit selbst zu schauen. es ist eine Balance. aber sie ermöglicht mir, wieder mehr zu spüren. oder genauer zu spüren. nicht nur diesen dicken Kloß sondern auch ein paar Nuancen. ich habe den Tag mehr gespürt als gedacht. zum ersten mal seit bestimmt 8 Jahren.

die Amsel ist wieder hier und singt. die Jungs bringen dem Klassenkameraden die Hausaufgaben. in der Küche stapeln sich Teller und Erinnerungen.

Deine Brüder sprechen ganz selbstverständlich von Dir und erzählen anderen, warum wir heute rote Blumen kaufen und warum Mama Kuchen backt. „das ist unser Bruder. aber der lebt nicht mehr. wann ist er gestorben, Mama?“

vor 15 Jahren…heute vor 15 Jahren bist Du gestorben. Dein Bild hängt bei den Bildern Deiner Brüder. Du gehörst zu unserer Familie. Du bist hier. immer.

ich liebe Dich,

Deine Mama

6 Antworten auf „15 Jahre Tod

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