Wandas weekly 15

Neun Stunden. Die Kinder hatten den ganzen Tag gebettelt und Wanda hielt es nicht mehr aus. In einem Banshee-Schrei hatte sie ihren Körper verlassen, alle Regeln, alle Pflichten, und sich einfach mit dem Laptop bei geschlossenen Türen auf das Bett gesetzt. Der Sportlehrer produzierte irgendwo im Wald platte Reifen („toll, hier hätte er Frühstück haben können“), die Kinder forderten permanent Screentime und alle anderen Lieben waren in familiärer Österlichkeit verstrahlt.
Also. Dann war es so. Wanda loggte sich ein, beantwortete freundlich die ersten 5 Flüsteranfragen und blieb hängen an dem Mann aus Bayern, der ALLES verstand. Was für eine beunruhigende Abwechslung in der Matrix. Entweder er war wunderbar oder gierig. Beides gleichzeitig war ausgeschlossen. Es war nämlich so: Männer konnten so wunderbar sein, wenn das Ziel Koitus gesetzt worden war. Sie waren eloquent, verständig, interessiert, empathisch, entzückend und voller herzwärmender Komplimente. Solange Wanda den Anschein erweckte, selbst kurz vor dem Eisprung zu sein und sich nach Hingabe zu sehnen, blieb sie eine Königin.
„jmd da, der über Sex am Arbeitsplatz reden mag“?
„suche schlanke Sie für ein heißes Gespräch. flüster mich an!“
„(flüstert) möchtest Du mir Deinen Kot spenden?“
Alles wie immer.
„jmd da, der über Einsamkeit reden mag?“ tippte Wanda in den Channel und freute sich über ihren Mut. Sie könnte noch immer einen Witz daraus machen. Irgendwas ironisches.
„(flüstert) bist Du einsam?“
Wanda antwortete wacker und wies die Prinzen auf den weißen Schimmeln ab. Der verständige Bayer blieb am Ball und pries ihre Offenheit und ihre Sensibilität.
„das klingt total depressiv“
„ich bin nie einsam. ich hab immer wen neben mir herlaufen“

Nagut, es war nach hinten losgegangen. Wanda beschrieb die Biene in ihrer Gardine.
„ich finde Bienen scheiße“
„bring sie raus“
„Bienen sind eh am aussterben“

Sie wurde traurig. Das zarte Brummen war schön gewesen, aber die Biene hatte wohl allein den Weg hinaus gefunden (im Gegensatz zu Wanda) und im Chat interessierte das niemanden.
„Meine Biene ist fort“ schrieb Wanda ins Open. Jetzt war alles egal.
„Erst wenn alles scheißegal ist, macht das Leben wieder Spaß“ zitierte Sie Element of Crime.
He: „(flüstert) Ich habe eine Biene für Dich“
Her: „(flüstert) oh, wie schön, dann kann ich mit ihr aus dem Fenster schauen“
He: „(flüstert) wie in einem schwarz-weiß Film nur in Farbe“
…und Wanda war mal wieder verloren.

Ein Mensch wie einem Buch entsprungen und Wanda vergaß das Alles um sich herum. Worte verwoben sich zu einem zärtlichen Gespinst. Träume verdichteten sich in einem Haushaltsfilter zu Momenten. Das Lächeln kondensierte am Badezimmerspiegel und dieser Mensch blieb da. Er hatte versprochen, mit der Biene zu bleiben, bis Wanda schlafen konnte. In Gedanken saßen sie auf dem Balkon und hörten Musik, schoben einander Buchstaben zu, verhedderten sich in Missverständnisse und blieben doch. Unbequeme Stille wie zu schnelle Annahmen. Und 8 Stunden später siegte die hormonelle Schwerkraft. Beide waren bereit, sich aneinander zu vergehen. Beide waren bereit, es sich mit links selbst zu machen, während sie mit rechts tippten, was die andere Seite spüren soll. Und spürte. In herzlicher Unausweichlichkeit näherten sich beide Mitternacht, um kurz vor 12 in getipptem Schweigen kurz alle Muskeln anzuspannen und dann mit einem Lächeln letzte Spuren ihrer Wertschätzung zu hinterlassen.

Er hatte sie geleckt und befasst und geschmeckt. Sie hatte ihn gesaugt und geknetet und beseufzt. Beide rochen schon nach 5min virtuell nach einander. Und beide waren freiwillig geblieben.

Der verständige Bayer hatte sich immer wieder kurz beunruhigend gemeldet um sein Interesse an einem Date deutlich zu machen. Ein Musikliebhaber war sauer geworden, weil er vergessen hatte, dass Wanda vor 7h schon die Frage nach dem Line-Up aktueller Festivals beantwortete hatte. Der Kot-Mann flüsterte ein weiteres Mal vorsichtig. Und immer wieder:
„na? Auch geil“
„Bock auf in heißes Sep?“
„stehst Du auf Afro-Schwänze?“
„Ich bin der Peter. 48. Meine Frau ist nicht da“.

Manchmal fragte sich Wanda, ob sie die Realität zu wenig leiden konnte. Aber was war realer als ein Mensch, den sie nicht kannte, der ihr schrieb, was sie berührte und der fast zeitglich (wenn auch nicht ortsgleich) mit ihr einen Orgasmus haben konnte? Wie real war die Aufbackpizza der Kinder? Wie real war ein grüner, 2-dimensionaler Oger im Fernsehen? Wie real waren Osternester? Dachrinnen-Singvögel? Besoffene Menschen auf der Straße? Wanda hatte während all dem Fragen beantwortet, Playstation erlaubt, RTL gesucht, den Anfang von Jurassic World mit den Kindern geguckt bis es gruselig wurde (Ausbruch das Indominus…oder der Indomina?), zum Zähne putzen aufgefordert, das Bett aufgeschüttelt und das Licht ausgeschaltet. War das realer in seiner Gebetsmühlenartigen täglichen Wiederholung? Oder konnte Realität nicht auch das sein, was in ihrem Kopf geschah, während außerhalb von ihr die Zeit an ihrem Körper fraß?

Noch jetzt konnte Wanda ihn spüren. Die zarten Spuren seiner Fingerspitzen in ihrem Lexikon. Er hatte Worte benutzt wie „wahrlich“, „derart“, „gewiss“. In ihrem Kopf hatte er einen Gehrock getragen. Über Jeans und T-Shirt. In seinem Kopf war es immer ein wenig schräg geneigt zum Nachdenken. Sein Rücken war gerade und kantig gewesen und seine Beine still. Die Stimme hatte den Nachhall eines Weinkellers im August und aus den Augenwinkel wehte hinter ihm immer eine Gardine. Die Biene hätte auf der Schulter sitzen können. Oder in die Brusttasche kriechen. Und wäre Wanda mit ihm ausgegangen, sie hätte sicherlich immer wieder kurz still neben ihm gestanden, wenn er etwas bemerkt hätte, was ihm seltsam vorkam. Oder anmutete. Und sie hätte geschwiegen.
Er hatte an Wanda gedacht, da draußen auf dem Balkon. Eine beiläufig beinah unerwähnenswerte Sorge. Er wäre gegangen, war aber geblieben. Gut, der Riesling war eine Spur zu lieblich, aber lieblich war ebenso ein Wort, dass in den Wortschatz passte und gehörte. Und aus dieser Richtung hatte es das Bild vertieft und nicht zerfleddert.

Wie lieblich der Gedanke an eine Zusammenkunft unter der Kastanie am Kantplatz. Gemeinsam aus der Zeit zu fallen und dann vorgegebenen Wegen folgend in Wörtlichkeiten versinken bis zur Haustür. Verlegenheit, entschlossene Türen und kein Licht. Seine Haut auf Wandas Baumwolle. Wandas Haut auf seinen Lippen. Das Lachen der abendlichen Kneipenliebhaber im Fenster. Und das knappe Lieben der Achtsamen auf dem Parkett bis in die Nachtkälte hinein. Es könnte schön gewesen sein, sich am nächsten Morgen daran erinnert haben zu können. Wanda stand auf und ging in die Küche. Ohne Gewissheit. Ohne Eile. Sie erinnerte sich an ihre Träume für heute. Morgen ist ein andermal. Sie kehrte in ihren Körper zurück, setzte Kaffee auf und füllte die Futterstelle für die Singvögel nach. Dann noch Blumen gießen, den Tisch abräumen und Frühstück machen. Und bei jeder Biene kurz erschauern, als hätte mit der Gardine jemand den Raum betreten, der herzlich willkommen ist.

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