was bleibt

wie das so ist: wenn es einem gut geht, kommt das hoch, was nicht hochkommen durfte, als es einem schlecht ging. das ist so. und eines meiner verdrängten Themen ist der Umgang mit der Unausweichlchkeit.

„Minusch, Du bist so stark! das hätten nicht alle so geschafft, wie Du! Du bist eine tolle Frau, eine tolle Mutter! Du schaffst das!“

und ich wäre so schrecklich gern mal wieder nicht stark. so wie jetzt gerade. so wie, als ich mich verliebt hatte und plötzlich so leicht war und Pflichten so relativ. das war gut. dafür brauchte ich keinen 24/7 Kontakt und auch keine daily-Liebesbriefe. ich brauchte nur ein zwei Mal die Woche Aufmerksamkeit und alle zwei Wochen Körperkontakt und fühlte mich wie neugeboren.

als das kaputt ging, war der Absturz ordentlich. ich wusste das ja vorher, war gewappnet und konnte mir innerlich eine Woche frei nehmen dafür. Pflichten liefen weiter, aber etwas herzlos und…naja…dann wurde es leichter.

bevor ich mich verliebt hatte, war ich eigentlich dabei mir zurecht zu legen, dass ich alleine glücklich sein kann. „alleine? Du hast doch zwei Kinder!?!“…jaja, genau, ich denke diesen Satz verstehen nur Single-Moms in seiner ganzen Epik (sorry, folks). ich fand den Gedanken gut. ich malte mir eine Zukunft als verrückte alte Dame aus. ich überlegte mir Spleens, die ich haben könnte. ich fühlte mich gut. und dann dieser Meteoreinschlag und alles war plötzlich nicht gut genug, weil das andere so viel besser zu sein schien.

seit dem bemühe ich mich, die Ruhe von vorher zu rekonstruieren. allerdings kamen mir die Kindergeburtstage und Ostern derbe in die Quere. Holla, wieviele Menschen mir erzählt haben, dass sie ja Kindergeburtstage grundsätzlich nur feiern, wenn die/der Partner*in dabei ist. puh. aua. „Du bist echt ne tolle Mutter, Du“…und dann schwingt da immer noch was mit. sowas Unausgesprochenes.

ist alles zu viel? habe ich von irgendwas zu wenig?

ich habe wieder beim Online-Dating reingeschaut und bin nachdrücklich abgeschreckt. vor 20 Jahren dachte ich noch, dass diese Respektlosigkeit nur jüngeren Frauen begegnet, weil die ja so vieles noch nicht wissen können. aber ich gehöre ja inzwischen zu den Frauen, die eine Menge wissen, und was mir entgegenschlägt ist nicht mal im Ansatz auf Augenhöhe. ich kann froh sein, wenn in ganzen Sätzen geschrieben wird. oder zeitnah. oder überhaupt. dass Menschen sich mir zuwenden, ist nicht selbstverständlich, habe ich gelernt. schließlich haben die alle auch ein „anderes Leben“.

andererseits bin ich sexuell relevant, weil ich Brüste und eine Vulva habe. ich bin auch für mich selbst verantwortlich, logisch. aber wenn ich zu vorsichtig bin, lasse ich jeden ausbaden, was andere mit mir gemacht haben. vorsichtige Menschen, ziehen andere Menschen runter, habe ich gelernt.

es geht auch immer um Aufrichtigkeit. allen. also was die sexuellen Vorlieben angeht. da ist es wichtig zu sagen, was ich will. und wie. wie oft. wie lang. aus welcher Richtung und in welche Körperöffnung. mit wievielten Männern und mit welchen Spielzeugen. nur wer ehrlich darüber spricht, was sie/er will, kann das bekommen.

und überhaupt ist darüber zu sprechen ein wichtiger Bestandteil. dazu gehören auch die richtigen Vokabeln. wenn eine Frau von ihrer Vulva spricht und nicht von ihrer Möse/Fotze/ihrem Fickloch, dann outet sie sich schon als, najaaaaa…schüchtern wäre sicher ein höfliches blogbereinigtes Attribut dafür. und was mit schüchternen Frauen gemacht werden muss, wissen wir ja: sie müssen nur mal richtig lange verwöhnt werden. verwöhnen bedeutet dabei aber nicht:
ein Bad einlassen, Tee aufgießen, nach dem Bad massieren und im Zweifelsfalle mit Stolz tragen, dass sie einschläft.

verwöhnen heißt:
sie zieht sich aus, spreizt bereitwillig die Beine mit der rasierten Fotze und lässt sich erstmal lecken (das können Männer einfach gut, da braucht sich niemand was einreden lassen). wenn sie richtig nass geleckt ist, dann bläst sie ihm einen, während er vorsichtig aber sicher ihren Kopf hält, damit er spüren kann, wie der Schwanz im Hals anstößt (das Brechreizproblem wird großzügig ausgeblendet). eventuell spielt er mit einer Hand an ihren Titten (nicht Brüste sagen….es sind die Titten oder Euter). und dann kommt es darauf an, wie entschüchtern sie ist: sensibel ficken heißt mit Blickkontakt und richtig geil ist von hinten (warum kommt mit Stealthing in den Sinn?….seltsam). die richtig fürsorglichen Männer merken übrigens, dass sie kommen, und ziehen ihn vorher raus (haben aber noch nie was vom Eisprung gehört).

spätestens jetzt sollte die Frau auch schon virtuell einen Orgasmus haben. weil, ey, Sinnlichkeit ist wichtig! ohne Sinnlichkeit macht es überhaupt keinen Spaß!

und weil sexuelle Harmonie (sic!) so wichtig ist, muss es auch ein Treffen geben. unkompliziert und schnell. da sind wir bei meinem größten Problem: ich kann nicht unkompliziert und schnell. selbst wenn ich alle meine Nähe-Bedürfnisse ausblende und meinen Eisprung habe und selber rattig bin: es geht nicht, weil Mama. und weil ich das auch nicht bei mir zuhause will. und weil…es bei ihm irgendwie auch nicht geht (Ehrlichkeit. so wichtig).

das ist der Zeitpunkt, ab dem es richtig heavy wird. weil der Koitus einfach jede Existenz krönt, muss er vollzogen werden. er muss einfach. und wenn Frauen dafür Komplimente hören müssen, dann: GO!

„ich liebe Deine Stimme“
„es gibt so wenige Frauen wie Dich!“
„wow, Deine Einstellung ist so sexy“
„krass, Du plapperst ja nicht nur den Mainstream-Feminismus nach!“
„ich hätte Dich jetzt so gern bei mir“
„ich wäre gern bei Dir“
„ich kann Dich verstehen“
„ich möchte ein Date mit Dir“
„ich würde jetzt echt gern einfach nur festhalten“
„ich wusste von Anfang an, dass Du etwas besonderes bist“
„ich werde alles tun, um Dich glücklich zu machen“
„Du bist eine wunderschöne Frau“
„was wünschst Du Dir gerade?“

ganz kurz: warst Du schonmal einsam? hast Dich abends in den Schlaf geheult, weil niemand Dich festhält? niemand zuhört? hast Du einen twitter-Account, seit Du Kinder hast? erfährst Du im Alltag Anerkennung?
<<wenn auch nur eines davon Dich zum nachdenken bringt, bist Du in dem Moment schon in der Falle! diese Sätze sind richtig richtig gut! richtig gut! damit einen Menschen zu "knacken" ist so einfach. das warme Gefühl im Bauch, der zärtliche Ton, die Sehnsucht…Anerkennung…gesehen werden…
…vielleicht könnten wir uns doch kurz sehen…
"ich wäre so gern bei Dir"
vielleicht irgendwie?…
"wenn ich jetzt bei Dir wäre, wie sollte ich Dich verwöhnen?"

*zack*

ich sage an dieser Stelle, dass es mir zu schnell geht und begehe damit Königsmord. immer. wieder.

"ok, ja, verstehe. das war dumm von mir. dann sollten wir das besser beenden."

elegant ist, wenn es dann wirklich endet. künstlerisch bemerkenswert ist der Twist, wenn Du tatsächlich überrascht bist, das mitteilst und kurz zögerst.

"Du magst mich doch! ich merke das!"

…es ist schwer, ein solches Gespräch zu beenden. auf die Aufmerksamkeit zu verzichten. auf die netten Worte. es ist schwer, die Hoffnung aufzugeben. und niemand kann einem Menschen verübeln, dann weich zu werden. wir Frauen enttäuschen nicht gern, oder? wir haben das gelernt. wir stellen zufrieden. wir geben Menschen ein gutes Gefühl. wir kümmern uns.

das, was ich da beschrieben habe, ist eine Mischung aus mehreren Gesprächen, die ich hatte. mehrere Gespräche innerhalb einer Woche. sie begannen leicht. aber sie alle hatten gemeinsam, dass vor allem viel gefragt wurde und wenig erzählt. sie alle hatten gemeinsam, dass der Verlauf sehr schnell sexuell wurde (wogegen ich grundsätzlich nichts habe) und, dass das Ende sehr plötzlich im Raum stand. dass damit gespielt wurde, zu gehen. dass ich durch Wechselbäder der Gefühle gegangen bin, um für mich zu klären, worum es geht. es widerspricht meiner vertrauensvollen Haltung Menschen gegenüber, so skeptisch zu sein, aber dieses "Strickmuster" ist zu deutlich.

ich sage nicht, dass alle Männer so handeln. aber ich sage, dass auch Männer ernst nehmen MÜSSEN, was ihre Geschlechtsgenossen da zerstören. denn es findet Zerstörung statt. die Vorannahme, dass allen klar sei, worum es geht, ist nicht haltbar! die Vorannahme, dass die/der Empfängerin allein verantwortlich für die eigenen Gefühle sei, ist nicht haltbar! sich selbst vor Manipulation zu schützen ist wahnsinnig schwer (siehe Marketing). die Vorannahme, dass die Frauen damit angefangen haben, ist auch nicht haltbar. Frauen haben selbst ein Interesse daran, in Sicherheit zu sein, weil sie im Zweifelsfalle die Idiotinnen sind, die sich die Pille danach oder den Beratungsschein holen müssen, weil es eben keine gesellschaftliche Übereinkunft über Sexualverkehr gibt! es gibt sie nicht! wenn Männer ein "nein" nicht gehört haben, dann können wir auch nicht davon ausgehen, dass sie Kondome dabei haben, geschweige den vasektomiert sind (was ja auch gelogen sein könnte). wir können ja nicht mal mit Männern ausgehen, ohne unsere Drinks mit aufs Klo zu nehmen!

noch vor 20 Jahren war es anders. der Traffic war einerseits geringer. aber andererseits gab es einen Schambereich verbunden mit der Sexualität. heute wird Sex erwartet und führt zu Frust, wenn er nicht gewährt wird. schon vor dem ersten Treffen! Erniedrigungen, Beschimpfungen, seltsame Analysen über vermeintlich verschleppte negative Erfahrungen. die Männer von heute kennen ihre Pop-Kommunikation-Strategen und wissen, wie man eine Frau zum schweigen bringt.

Verführung ist nicht mehr ein wunderschöner gemeinsamer Abend voller verschwiegener Andeutung und dezenten Signalen. Verführung ist Herausforderung. Sex ist nicht mehr Liebe. Sex ist Selbstzweck. Grundrecht. Sport.

alles, was im Rahmen dieses Verhaltens zerstört wird, fällt wiederum auf die Frauen zurück. auf die, die es nicht bewältigen konnten, heimlich ohne Kondom gefickt worden zu sein. auf die, die es nicht geschafft haben sich zu wehren. auf die, die sich sogar auf eine missbräuchliche Beziehung eingelassen haben.
"als erwachsene Menschen müssen wir mit so etwas klar kommen"

"that's the spirit, girl! be tough, girl! Krönchen richten, weitergehen. so, als wären weder Dein Körper noch Deine Würde, weder Deine Intelligenz noch Deine Gefühle verletzt worden! zeig niemandem Deine Schwäche! Schwäche ist negativ! das will niemand in seinem Leben! das zieht runter! das raubt Energie! Mädchen, zu sowas gehören immer zwei und Du bist selbst dran schuld, wenn Du das nicht gleich kapiert hast! Du hättest das wissen müssen! Das ist hier so! nein, nicht Du hast Dich in mir getäuscht, ich hab Dich für stärker gehalten! Kleines, es tut mir echt leid. aber: das hatte ich schonmal…"

Du lernst Dein ganzes Leben lang, dass Du anderen gefallen musst. Du musst schön sein. und selbständig. Du brauchst ein schönes Bewerbungsbild. Ehrgeiz. Lust auf Hingabe.
"schau, die dahinten, die mit dem dicken Arsch, die will doch echt keiner ficken."
"und die da, die wollte dem einen Kind anhängen, das hat sie jetzt davon."
"die ist UNFICKBAR"
"dass der der Kerl weggelaufen ist, kann ich gut verstehen, Mann"

spürt, wie verletzend das ist. wie beeinflussend. wie verzerrend. wie verlogen. wie widerlich.

nein, es wird nicht besser, das hab ich vor 20 Jahren angenommen! so wie ich angenommen hatte, dass nicht nur ich meinen Müll trenne und mit dem Fahrrad fahre, um diesen Planeten zu retten. nein, es gibt da etwas, was verhindert, dass unsere Gesellschaft besser wird! es gibt da etwas, was nach wie vor Frauen einen Platz unterhalb der Männer zuweist und sie zu Objekten macht! zu Trophäen! zu Spielzeugen!

ich bin 41 Jahre alt. ich kann all das, von dem mir mit 20 gesagt wurde, dass ich es können muss, um einen guten Partner zu finden. ich weiß, was ich vermisse, was ich brauche. ich weiß, was mir schadet. ich kann beides voneinander trennen. und ich kann das Gute einfordern. und ich stehe immer wieder vor der Wahl: der oder keiner. und ich entscheide mich immer wieder für keiner.

Sexualität ist etwas so wunderschönes. ich kann die spirituelle Komponente darin finden. die sinnliche. die entspannende. die verbindende. aber das, was von mir verlangt wird, ist aktive Selbstobjektifizierung. eine Gummiepuppe sein, die lieb "Danke" sagt, nachdem ihr mit der Spermaladung der Hals verklebt wurde von einem Menschen, der danach "einen Termin" hat. oder alternativ eine Domina, die dem schwachen nichtswürdigen Wurm beibringt, wie das so funktioniert mit der Wertschätzung. perfide. beschämend.
"erniedrige mich! wenn Du willst, trage ich für Dich auch Frauenunterwäsche! und wenn ich was falsch mache, darfst Du mich bestrafen! ich steh auf Trampling und Ohrfeigen"

nein, meine Zeit, loszulassen, ist noch nicht da. ich werde noch stark sein müssen. da kommt noch einiges. aber es wäre gut, dafür nicht auch noch bewundert zu werden. freiwillig ist das nicht. wäre ich meinem Weg gefolgt, wäre ich tot. mein Weg, für den ich mich vor 25 entschieden habe, der Weg in die innere Ruhe und Zuversicht, wurde zugeschüttet von Menschen, denen das, was ich gebe, nicht wertvoll genug war. wäre ich dem Weg gefolgt und nicht mittendrin abgesprungen, ich hätte alles verloren. nicht ich habe den Weg verschüttet. es waren andere. und ich kann nicht mehr tun, als mein Herz davor zu bewahren abgrundtief zu hassen. ich will nicht schwarz sein vor Hass. ich will gleissend blenden. alle. immer wieder. bis ich unantastbar bin für alle diese Menschen, die noch nicht verstanden haben, dass wir nur dieses eine Leben haben und das daraus Verantwortung erwächst. auch Dein Gegenüber hat nur ein Leben! jedes Kind! jede Frau! jeder Mann! wir kommen nicht zurück!

ja, ich bin gerade schrecklich traurig über all diese Respektlosigkeit. ich bin traurig über die Ignoranz für das Leben anderer. ich bin traurig über die arroganten Bewertungen anderer Lebensentwürfe.

Respekt vor den Schmerzen der anderen. Respekt vor den Grenzen der anderen, den Körpern, den Geschichten. das ist nicht schwer. wir tragen alle in uns etwas, was erklärt, wer wir sind. wir tragen alle eine Traurigkeit. einen Schmerz. Sexualität könnte so heilend sein. zwei Menschen, die sich einander ganz zuwenden. sich verbinden…aber nein. lieber nur kurz ficken. wie zum Sport gehen.

Liefs,
Minusch

4 Antworten auf „was bleibt

  1. Oh das klingt wirklich übel. Ich war nie in einer Singlebörse angemeldet, aber genau vor sowas hätte ich auch Angst… eine Alternative hab ich leider auch nicht parat, denn „einfach so“ jemanden zu treffen, ist ja auch nicht leicht… ich wünsche dir das beste!

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