online dating falsch verstehen

guten Morgen.

ja, das Thema gab es hier schon. und auf twitter habe ich mich gestern meiner selbst versichert um damit zu enden, dass es ganz schön deprimierend ist, nicht in seiner gesamten seraphischen Erscheinung gewürdigt zu werden sondern nur als Betthäschen betrachtet. well. ich seh das immer noch so. gut, meine Erscheinung mag nicht jedem seraphisch vorkommen. heute morgen seh ich tatsächlich eher aus wie ein Kakadu im Bowie-Shirt, aber das ist eigentlich auch gar nicht der Kern meines Thema. der Kern ist „Fickbarkeit“.

vielen ist es schon aufgefallen: Frauen erhalten von potenten Männern das Label „fickbar“ oder „unfickbar“ zugewiesen. „fickbar“ beschreibt eine Frau, die natürlich ein hübsches Gesicht hat, einen schlanken Körper, die sich feminin kleidet und sich auch sonst in dem Stereotyp „weiblich“ so wohl fühlt, dass sie Männern eben nicht ins Gesicht springt, wenn diese ihr in den Ausschnitt starren (weil das ist ein Kompliment) oder mal an den Arsch fassen (weil das ist ein Kompliment). fickbar sind Frauen, die sich anfühlen wie ein großes weiches Kissen, das Sorgen und Sperma aufsaugt. und das danach auch keine weitere Betreuung braucht.

„unfickbar“ sind alle anderen je nach Jahreszeit und Thema.

also um ganz deutlich zu werden: alle Frauen sind, wenn sie sich selber ernst nehmen, unfickbar. über Schönheit lässt sich streiten. über Schlankheit nicht, da haben wir eine sehr übereinstimmende Schablone im Kopf. über Menschenrechte lässt sich offensichtlich streiten. und dann wäre da noch der Begriff „weiblich“, der inzwischen so wundervoll von Männern gefüllt wird, dass wir Frauen uns gar nicht mehr überlegen brauchen, was denn weiblich eigentlich heißt.

wenn Du in der Lage bist, das alles zu akzeptieren, dann dürfte Online-Dating kein Problem für Dich sein. denn dann sind Männer wie sie sind. die müssen nunmal ihre Spermien spreadden. die können nichts dafür. und Männer stehen nunmal auf Titten (nicht Brüste…Titten). DAS. IST. DIE. NATUR. und Frauen die beim Sex an Gleichberechtigung oder Augenhöhe denken…naaaah…prüde.

für alle anderen schreibe ich diesen Leidfaden. *zwinkersmiley*

eventuell habe ich der einen oder anderen Frau etwas voraus: 21 Jahre Erfahrung im Online-Dating. ich glaube, damit zähle ich schon zu den Nerds (absolut unfickbar für den Durchschnittsficker). ich habe damals angefangen zu chatten. und wenn wir ehrlich sind, geht es im Chat zwar AUCH darum, sich zu unterhalten (chat), aber der Schwerpunkt in den (nicht themenspezifischen) Chatrooms ist schon mindestens cybersexuell, häufig auch real sexuell interessiert. mit Anfang 20 war mir das noch nicht so klar, aber: wow, kriegst Du mit weiblichem Nick viel Aufmerksamkeit. so lange Du lustiges Zeug schreibst, häufig *lacht* tippst und Flüsteranfragen freundlich Danke sagend annimmst. dann hast Du auf einen Schlag sehr viele Menschen in Deiner virtuellen Nähe, die Dich kennenlernen wollen, weil Du so fic – öhm – interessant bist.

da das schnell zu viel ist und Du irgendwann merkst, dass Du nicht allen gerecht werden kannst, kommt der erste von vielen Realitätsschüben und Dir werden zum ersten Mal virtuelle Parameter zu gesprochen, die die Unfickbarkeit erhöhen:
-Du hältst Dich wohl für was besseres?
-Du antwortest auch nicht jedem, was?
-arrogante Fotze.
-Du brauchst echt mal wieder einen Kerl, der Dich rannimmt.

…damit diese Label nicht überhand nehmen (die ersten dieser Beleidigungen tun schon weh, denn wer will schon ne arrogante Fotze sein?), flüsterst Du weiterhin mit mehreren gleichzeitig und passt auf, wie Du Dich präsentierst. dann passiert ein Fehler und Du verflüsterst Dich und dann passiert das:
-Du hältst Dich wohl für was besseres?
-arrogante Fotze.
-Du brauchst echt mal wieder einen Kerl, der Dich rannimmt.

ok, blöd. willst ja eigentlich nett sein und so. das Selbstbild zeigt eine charmante lustige Frau, die nur meistens abends zu alleine ist. Du passt Dein Chatverhalten wieder an und antwortest nicht mehr jedem:
-Du hältst Dich wohl für was besseres?
-Du antwortest auch nicht jedem, was?
-arrogante Fotze.
-Du brauchst echt mal wieder einen Kerl, der Dich rannimmt.

verdammt, das geht auch nicht reibungslos. also thematisierst Du das mal im open und beschreibst das Dilemma. mit dem Ergebnis, dass alle Dich dafür auslachen, weil Du versuchst nett zu sein. und sie haben Recht. was für eine blöde Idee. das kann ja gar nicht gehen…also schaust Du, wie die anderen pöbeln und machst einfach mal mit und wirst vom Admin vor die Tür gesetzt. Sperre 6 Tage, weil Du „Arschloch“ geschrieben hast.

nach dem Ban kommst Du zurück uns passt Deine Taktiken an: vorsichtiges pöbeln, Flüsteranfragen freundlich beantworten, Beleidigungen an den Admin melden. wow, es klappt. aber irgendwie bist Du immer schon nach 45min total müde und kannst kaum noch lesen, was auf dem Display steht…

ok, Chatten ist auch echt nerdy. vielleicht richtiges ehrliches Online-Dating?
an dieser Stelle fasse ich einfach mal zusammen, wie das auf allen Online-Dating-Platformen läuft, die ich kenne:

Du registrierst Dich als Frau kostenlos und füllst mit einem Kribbeln die unfassbar umfangreichen Fragebögen aus. cool sich so zu sehen. ein bißchen wie Marketing. und gleichzeitig so selbstreflexiv! was will ich wirklich, worauf steh ich, was macht mir im Bett Spaß, was würde ich politisch wählen, was ist mein Lieblingsspruch? dann scrollst Du stundenlang Deine Fotos durch (ok, vor 20 Jahren noch nicht…da konntest Du froh sein, wenn Du jemanden kanntest, der eine Digitalkamera hat) bis Du Dir sicher bist, die besten Fotos gefunden zu haben und Du speicherst Dein Profil und lehnst Dich zurück und dann fängt der Nachrichtenzähler an zu zählen. Hammer. so viele Nachrichten im Postfach. ok, in den meisten steht nur irgendein Synonym für „Hallo“, aber da hat jemand mein Profil angeschaut und mir geschrieben. wie cool! ich werde gesehen!!

dann antwortest Du. jedem. einzelnen. Du bist ja nett und die Leute sollen Dich nicht hassen und das wird schon. und dann endest Du nach 6h schreiben in einem lethargischen Zustand der 5 Gespräche mit Ein-Wort-Sätzen, drei Gespräche, die mit „hahaha, Scheißfotze!“ enden, 3 Offline-Meldungen und 2 tiefenpsychologisch fundierte (Ironie) Analysen Deiner Lebenssituation beinhaltet. und fühlst Dich geschmeichelt und benutzt und – well – nicht ganz gut.

im Alltag begleiten Dich inzwischen einzelne Vorwürfe und diese unangenehmen Analysen, aber als Frau bist Du es ja gewöhnt, von außen bewertet zu sein und das einfach zu verarbeiten, bis Deine Eigenwahrnehmung sich wieder mit der Fremdwahrnehmung deckt. puh. so wird das nichts. irgendwie fühlst Du Dich falsch verstanden. Freund*innen raten Dir, das Profil offener/markanter/fröhlicher/ernsthafter/aufregender zu gestalten und Du schraubst an den Bildern und der Selbstbeschreibung. Woche für Woche. dann wird ein Kontakt schöner. mehr. aufmerksam, witzig, interessiert. er fragt nach Deinem Leben, Deiner Sehnsucht. Du plauderst und fasst Vertrauen. und dann, nach 6 Wochen, gesteht er Dir, dass er verheiratet ist. Du fühlst Dich scheiße irgendwie und kannst es nicht in Worte fassen, denn er war so nett und es hat alles so gut getan. er beschreibt, dass er zum schreiben mit Dir im Keller sitzt und seine Frau auch nicht wissen darf, dass er schreibt. er spiele in Gedanken an Dich Klavier und habe Dich den ganzen Tag bei sich und seine Frau ahne nichts und er müsse los, weil Gäste kämen, auf Dir er sich gar nicht freut, weil er lieber bei Dir bliebe…und Du fühlst Dich zerrissen. die Schönheit ist nicht mehr so, wie sie war. irgendwas hat sich verändert. aber was…?

oder eine andere Geschichte:
es wird netter und dann schreibt er von seiner Ex-Beziehung, weil die völlig durchgeknallt gewesen wäre und er müsse jetzt auch mal an sich denken und könne keine Kompromisse mehr machen. und Du verstehst das total und würdest es genauso machen und dann wird er aggressiv, weil Du fragst, warum er die Verabredung zum Schreiben vergessen hat gestern abend und er beschimpft Dich als Kontrollfreak wie seine Ex und mit SOWAS wolle er nichts zu tun haben.

oder eine andere Geschichte:
diesmal auf twitter…Du kennst den Account schon länger durch seine großartigen Sprüche und plötzlich schreibt der Dir ne DM. und das Herz schlägt und Du schreibst, dass Du Dich freust und ihr seid beide in einer ähnlichen Situation nur, dass er verheiratet ist und unglücklich und seine Frau lässt ihn den ganzen Haushalt machen und was??? Du hängst die Wäsche so auf wie ich? was?? wir räumen die Spülmaschine gleich ein?? ein Zeichen! ja, das Buch kenne ich auch! wow, ich habe noch nie so ein schönes Gespräch gehabt. mit meiner Frau wäre das nicht drin. die ist übrigens total depressiv, die Frau…aber sie will keine Hilfe und das ist sooooo belastend. echt. er mache nicht nur Haushalt und arbeite 30h/Woche, er kümmere sich auch fast alleine um die Kinder. und er sei so verliebt in Dich. es tue so gut, mit Dir zu schreiben. Du seist etwas ganz besonderes und er wolle alles tun, um Dich zu sehen. und er finanziert Dir und Deinen Kindern ein Bahn-Ticket in seine Stadt und er holt Dich am Bahnhof ab und begleitet Euch in die Airbnb-Wohnung und am nächsten Tag führt er Euch rum und spendiert Pizza und Eis und einen Zoobesuch und ihr küsst Euch und die Sonne scheint und er strahlt Dich an und ihr haltet Händchen und Du denkst, dass es so einfach wäre…
und dann bricht er den Kontakt ab, weil er erkannt hat, wie wichtig seine Familie ist und weil er seine Frau so liebt.

oder…oder…oder…

Minusch, Du sendest echt falsche Signale. Dein Profil ist nicht gut genug. die Plattform passt nicht zu Dir. Deine Fotos sind zu „irgendwas“. Dein Anspruch ist zu hoch. Du kommunizierst Deine Erwartungen nicht. Männer sind so…schau, bei MIR (TM) hat es doch auch geklappt! also KANN es nur an Dir liegen.

tja, was bleibt mir zu sagen? ich als Frau kann da auch nicht anders. ich wünsche mir Nähe(voll weiblich). Vertrauen (haha, Weiberkram). Sicherheit (also doch einen Macho, was?). und eine Perspektive (KONTROLLFREAK!). ich stehe auf Tiefgang (arrogante Fotze) und hab es nicht so mit Smalltalk (Du hältst Dich für was besseres, oder?). ich bekomme diese Vorwürfe seit 21 Jahren zu lesen. ja, klar, zwischendurch hatte ich lange Beziehungen, während denen ich diese Vorwürfe nicht gelesen habe. aber ich werde nach wie vor darüber belehrt, wie Online-Dating geht, was ich falsch verstehe und dass ich das alles besser anders machen soll.

sorry, folks. wenn ich Online-Dating falsch verstanden habe, dann wird das auch nix mehr in diesem Leben. hört also besser nicht auf mich. ich empfehle uneingeschränkt, nur auf sich selbst zu hören und zu gehen, wenn es keinen Spaß mehr macht. Roulette können wir echt überall spielen. wobei: meistens sind auch bei den anderen Dating-Plattformen dieselben Kerle 😉

und um noch mal auf das unfickbar zurückzukommen: inzwischen bringt das Wort für mich auf den Punkt, was passiert, wenn eine Frau sich selbst ernst nimmt. sie wird unfickbar. es klingt schon beinah wie ein Kompliment an die Emanzipation. unfickbar eröffnet Räume neben den stereotypen Erwartungen. es geht nicht mehr um Sex. und die damit einhergehende Ignoranz zeigt ziemlich deutlich, wo wir gesellschaftlich stehen:
solange ich ficken will und weiblich bin, bin ich interessant (ein Synonym für fickbar wahrscheinlich).
aber eigentlich wäre ich gern so unfickbar wie Grundi aus den Neo-Magazin-Royale-Spots.

ich glaube, ich habe das Dilemma ganz gut umrissen.

schönen Vatertag Euch!

Minusch

6 Antworten auf „online dating falsch verstehen

    1. es sind nicht nur meine. ich bekam schon von vielen Frauen bestätigt, dass es ihnen ähnlich geht. dass ihnen vergleichbares passiert. dass sie gerade bei Dating-Apps oder Dating-Plattformen von Männern ziemlich unangenehm behandelt werden. dass gelogen wird, relativiert wird, dass von Frauen erwartet wird, „nicht so zickig zu sein wie die anderen“.

      es ist, als würde sich alles, was wir im Alltag immer besser hinbekommen, genau dort ins Gegenteil verkehren…dort, wo es privat wird.

    1. hej…wie ich bereits oben schrieb:
      diese Erfahrungen mache ich nicht alleine. viele Frauen kennen das.

      ich bin froh, dass ich das INZWISCHEN mit genügend Abstand sehen kann, um mich drüber lustig zu machen. aber für einen YouTube-Channel reicht es sicher noch nicht 😉

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