schöniglich

die Wäsche von gestern ist abgehängt und zusammengelegt. die Kinder drehen sich in den Betten nochmal um. von draußen zieht ein zarter Sommerwind durch die goldenen Gardienen. und die Ferien haben begonnen.

wir leben jetzt seit einem Jahr in diesem neuen Zuhause. ein Jahr. ich habe auch in diesem einen Jahr mehr gelernt, als ich ahnen konnte. vor allem anderes…

das erste, was ich gelernt habe, war das sicher schlafen. das hat sich sofort mit der ersten Übernachtung eingestellt. in der alten Wohnung habe ich vor dem Schlafengehen die Wohnungstür kontrolliert und alle Fenster nachgesehen. wenn wir bei offener Balkontür geschlafen haben, habe ich Gedankenübungen gemacht, um nicht immer wieder über potentielle kinderraubende Einbrecher zu grübeln. wenn ich dann die Einbrecher los war, habe ich an die ertrunkenen Kinder im Mittelmeer denken müssen. jede Nacht sah ich kleine Gesichter still im Dunkel der See verschwinden. jede Nacht.

mir war nicht bewusst, was das war. worum es ging. ich schrieb aber auch nicht drüber, weil es mich so traurig gemacht hat. es war einfach so.

das zweite, was ich gelernt habe, war das durchschlafen. ich bin früher mindestens einmal in der Nacht aus dem Schlaf aufgeschreckt, weil ich ein Knacken gehört habe, das vielleicht ein Schritt hätte sein können. ich war schlagartig wach. ging dann aufs Klo, sah die ganze Wohnung und ging wieder ins Bett, wo es eine Weile gedauert hat, bis ich wieder schlafen konnte (Kinder im Mittelmeer).

das ist alles fort. es geschieht nicht mehr. wir haben auch schon eine Nacht mit offener Wohnungstür geschlafen, weil wir irgendwas verdusselt haben. alles fort. diese Angst ist nicht mehr da. ohne Therapie oder Arbeit daran. wobei der Umzug schon sowas wie daran arbeiten war…eventuell.

überhaupt der Umzug: durch den ad-hoc-Umzug habe ich wieder spüren können, wie viele Menschen bereit sind, uns zu helfen. wenn ich so viel alleine bin, verliere ich diesen Bezug sehr schnell. und leider wirken negative Erfahrungen genauso wie negative Bewertungen hier wie bei vielen anderen länger und intensiver als positive. selbst wenn ich dagegensteuere, gibt es Phasen, in denen ich das einfach nicht spüren kann. wenn ich an den Umzug denke und die vielen daran beteiligten Menschen, spüre ich noch immer den Herzhüpfer, den ich hatte, als ich nach dem Laster-holen hatte um die Ecke des Hauses kam und dort 14 Leute standen um mir zu helfen. 14 Leute mit Kindern. Erinnerungen an unendliche Ketten von Kisten durch die Treppenhäuser, Pizza in der Sonne, Kuchenstücke in den Händen der Kinder, überall Wasserflaschen…und das wunderschöne Staunen meiner Helfer*innen, als sie die neue Wohnung gesehen haben. unser neues Zuhause. Sätze wie „diese Wohnung passt viel besser zu Euch“ und „es ist so wunderschön hier“. ein Tag der mit meinen Kindern auf einem Matratzenlager endete, in den Ohren die Klänge vom Heinerfest und in den Köpfen Erschöpfung von unserem Neuanfang. am zweiten Tag war unsere Familienfee da und hat Essen mitgebracht…Foccacia, Muffins, Fleischbällchen…in der Hitze bewegten wir uns vorsichtig durch die Wohnung und kamen so weit…
der Rest des Sommers verlief wie ein Tag. ich hatte 3 Wochen Zeit, die Schränke einzuräumen, dann war ich 10 Tage krank und dann hatten wir noch 1,5 Wochen Ferienzeit, bis zur Einschulung des Großen.

ich habe gelernt, dass ein Umzug mit Kindern etwas anderes ist, als ein Umzug als Paar oder Single. etwas völlig anderes. also komplett. ich hatte alles so gut vorbereitet, dass ich schon stolz auf mich war. ich hatte die Wohnung sehr schnell eingeräumt und die Kisten aus. ich habe schnell den Mahlzeiten-Rhythmus wieder hergestellt. aber meine Kinder waren erst Weihnachten wirklich angekommen. bis dahin war zu vieles neu. zu vieles anders. seit dem Umzug kam einmal im Monat der Vater der beiden vorbei. seit dem Umzug änderten sich unsere Wege im Viertel. und beide Kinder sprechen noch jetzt von ihren alten Zimmern und wie sehr sie sie mochten. sie sagen noch jetzt, dass sie die alten Wohnung vermissen und möchten immer wieder gern dort gegenüber bei dem Dönerladen essen gehen.

wir als Familie lernen gerade, uns zu trauen, den Garten zu benutzen. wir hatten diese Freiheit nie, uns auch einfach im Treppenhaus zu bewegen. und auch hier gefällt es natürlich nicht allen. aber die meisten nicken mir verständnisvoll zu und meinen damit „so sind Kinder…das ist ok“. wir lernen, dass wir mit Freunden im Garten spielen dürfen. dass wir das Planschbecken aufbauen dürfen. ja, ich hatte sogar bei allen anderen das Ok für den Hofflohmarkt bekommen. es war ok für die, die nicht mitmachen wollten aber drei hatten sogar Lust mitzumachen. wir verbrachten einen Tag zusammen im Hof mit ganz vielen Besuchern. die drei älteren Damen (eine Vermieterin hatte sich dazu gesetzt) saßen im Schatten und tranken Kaffee. ich lief hin und her. meine Kinder hatten Freunde da. es war ein wunderschönes Durcheinander zwischen dem Lavendel und den Rosen.

ich habe gelernt, dass Erinnerungen auch in Wänden stecken und nicht nur in Köpfen. dass ein neues Leben Kraft kostet. dass Veränderung nach wie vor ein Ausdruck von Vertrauen in das Leben ist. und dass wir liebenswert sind, auch für Menschen, die mehr von unserem Alltag mitbekommen. dass ich Konflikte wirklich lösen kann und es nicht an mir liegt, wenn es nicht gelingt. und vor allem habe ich jetzt selber spüren können, was für einen Einfluss die Umgebung auf Dich selbst hat.

hier, zwischen Kneipen, Buchladen, Bäcker und Eisdiele, in einer Kopfsteinpflasterstraße mit Oleander im Hof und Hortensiensträuchern im Garten. mit einem warmen Treppenhaus und ewigem Wind auf dem Balkon. mit liebevoll verzierten Wohnungstüren und einem Blick über die Stadt. mit Nachbaren, die wir alle duzen dürfen ,und die Anteil nehmen an unserem Leben und sich freuen, wenn wir Hilfe anbieten…hier atmen wir anders. freier. ruhiger. sanfter. wir hören fast nie Autos. aber abends viele angetrunkene lachende Menschen. der Sommer unter dem Dach ist zwar warm aber auch wunderschön faul. manchmal zieht von irgendwoher Grillgeruch. morgens zetern die Raben im Hof. abends kommen die Sperlinge wieder raus. wir hatten hier Schnee, Erdbeeren und jetzt den zweiten Sommer. die Kinder konnten Ostern im Garten Eier suchen. und ich habe gestern die Ferien mit einer kleinen Yoga-Session mit dem Kleinen im Hof begonnen.

der Gegensatz zu vorher macht mir nochmal deutlich, was für ein Glück wir hatten. Einsamkeit hier ist etwas anderes als Einsamkeit dort. hier weiß ich, dass sie vergehen wird. dort fühlte es sich an, wie eine Falle. diese Erkenntnisse erschüttern mich so sehr. sicher wusste ich schon vorher, wie belastend eine angespannte Wohnsituation ist. aber wie tief das reicht, wie sehr es Teil eines Menschen und seines Lebens werden kann, das war mir nicht klar. nicht bei einem so banalen Wechsel wie einem Umzug im selben Viertel.

vor uns liegt Freiheit.
die rechtlichen Angelegenheiten liegen in den Händen von Anwälten*innen. beruflich ist alles stabil. der Große hat ein so bezauberndes Zeugnis geschrieben bekommen, dass ich schon auf dem Schulhof in die Zeugnis-Sonnenblume weinen musste. seine Klassenlehrerin sieht in ihm etwas wunderbares und ich bin so dankbar dafür, dass sie das sehen kann und ihn so sanft begleitet. der Kleine bekommt einen sehr freundlichen jungen Klassenlehrer, der auch Sport unterrichtet. besser hätte ich es mir kaum wünschen können. er ist mit seinem besten Freund zusammen. sein Freund seit Krabbelstubentagen. noch ein Geschenk an meine Familie.

ich weiß das alles zu schätzen. so sehr. dieses Glück umgibt uns gerade wie ein Kokon. all die schlechten Nachrichten wiegen endlich nicht mehr schwerer als die guten. seit 10 Jahren zum ersten Mal. selbst wenn es sein kann, dass ich den Prozesse gegen meinen Ex-Vermieter verliere (der Anwalt sagt deutlich „Quatsch!“), selbst dann liegt hier noch viel mehr Glück in der Waagschale als nötig wäre und das auszubalancieren. wir werden als Familie gesehen und behandelt und gemocht. wir drei. wir haben befreundete Familien mit doppelter Elternspitze und werden nicht ausgegrenzt. und wir sind noch diesen Sommer auf zwei Geburtstagen eingeladen.

an unserer wirtschaftlichen Situation hat sich gar nicht so viel geändert. aber es fühlt sich anders an. ganz anders. tragbar. basal. grundlegend.

folgenden Text singe ich seit meiner Ausbildung zur Entspannungspädagogin 2016 immer wieder leise vor mich her:

„now I walk in beauty, beauty is before me, beauty is behind me above and below me“

er ist wahr. jetzt. hier. we walk in beauty.
Danke.

Minusch

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