erkenntnest

Selbstzensur schon bei Gefühlen, Scham für äußeres bevor ich das Haus verlasse, Unfähigkeit, mir zu nehmen, was ich möchte.

dieser drei Klopper habe ich mir letzte Woche angeschaut. Holla, da hab ich wieder was zu tun. wobei: war ich da nicht schon dran? mir kommt das so verdammt bekannt vor. oder ist es mit der Selbsterkenntnis wie mit dem Geschmack? beides könnte sich alle 7 Jahre ändern. vielleicht müsste ich in der Lerntheorie nachschauen? in der Theologie? Philosophie? wie kommt es, dass ich in Abständen immer wieder mit denselben Themen befasse? was geschieht dazwischen?

also gut ist, dass ich nicht bei Null anfange. es gibt für alle drei Bereiche bereits Referenzen in meiner Vergangenheit. gut, ich hatte oft angenommen, dass ich es „jetzt endlich verstanden habe“. und ich zweifle auch nicht an meinem Verstand. aber ich gehe gerade heute davon aus, dass ich die Tiefe nach wie vor zu unterschätzen scheine.

Selbstzensur. das bedeutet, dass ich in der Lage bin, meine Gefühle zu kontrollieren, was an sich ja ziemlich schick ist. als Teenager war ich noch der Ansicht, dass nur alte Menschen sowas machen und es eigentlich pervers ist, das zu tun. naja, inzwischen mit 41 gelte ich für Teenager als alt, also hatte ich recht. nur das mit dem pervers…ich habe geübt, meine Gefühle zu kontrollieren. es ging über lange Strecken und richtig gut wurde ich erst, als ich aufgehört habe, mir zu wünschen, dass mir niemand mehr weh tut. nicht dass ich jetzt auf emotionale Verletzungen stehen würde. aber ich kann sie annehmen als Ergebnisse menschlicher Reibung, als Nebenprodukt von Nähe. es passiert.
wo verlaufen aber die Grenzen? ich habe nicht genau abgesteckt, was ich alles kontrollieren möchte oder sollte oder will. ich habe mich gefreut, dass es möglich ist. dass es MIR möglich ist. mir emotionalem Vulkan! inzwischen kaufen mir Menschen meine emotionale Tiefe nur noch ab, wenn sie mein Blog lesen ^^.
ja, eventuell kann ich jetzt wieder in die andere Richtung schauen. welche Gefühle möchte ich ungefiltert spüren und leben? und ich scheine bereits zu üben. denn ein wunderer Weg, mit Gefühlen umzugehen, ist tanzen. und wenn es um die Leidenschaft für das Gegenüber geht, ist Salsa sicher nicht die schlechteste Lösung. ich arbeite also daran…meine Gefühle, meine Sehnsüchte und Ängste. sie bekommen neue Plätze und neue Etiketten diesen Sommer.

ich schaue meinem Großen dabei zu, wie er sich im Spiegel betrachtet. wie er für ihn bedeutende Schmuckstücke oder Haushaltsgegenstände aussucht und damit experimentiert. es entsteht ein urtümlicher Tanz aus Gesten und Gesichtsausdrücken und ich kann spüren, dass es schön ist. wenn ich vor dem Spiegel stehe und mich betrachte, spüre ich erst, dass ich mich schön finde. und dann kommt da ganz langsam ein Lindwurm aus dem Glück gekrochen und meint, dass die Speckfalte am Rücken nicht zu übersehen sei und völlig unansehnlich. dass ich ja ganz schön zugenommen habe. dass ich vielleicht dieses Kleidungsstück besser aussortieren sollte. dieser Lindwurm ist ganz alt und spricht mit wohlwollender Stimme auf mich ein, bis ich mich umdrehe und gehe oder klein und grau auf dem Teppich sitze. umdrehen und gehen kann ich schon gut. muss ich auch. sonst käme ich ja nie zu Arbeit. aber diese Woche auf der Straße hatte ich den Gedanken, dass ja vielleicht der erste Moment, der des mich-schön-findens, eigentlich am meisten mir selbst entspricht. ohne Aggression oder Wut oder Trotz. ganz schlicht: ich bin schön.
das Besondere daran ist nämlich, dass ich tatsächlich selbst gar nichts auf Schönheitsideale gebe. andere Menschen finde ich wegen meiner eigenen Parameter toll: weil sie da sind, strahlen, mutig sind, eigenartig oder voller Gefühle. ich mag das. nicht Make Up oder Bauchmuskeln oder das perfekte Outfit.
ja, ich scheine mit meiner Erkenntnis zum Thema Schönheit jetzt keinen Preis für Originalität gewinnen. aber doch ist es mir wichtig, mich damit auseinander zu setzen, dass meine Entwicklung in Schüben verläuft und nicht proportional zur Zeit. dass Themen, die tief greifen, an anderer Stelle wieder sichtbar werden. und dass diese Prozesse Teil meiner Perspektive sind. ich bin schön, weil ich mich als schön erkennen kann. wie grundlegend. einfach. klar.

und dann steht da ein Mensch, den ich schon berührt habe und den ich wieder berühren möchte und ich wage es nicht. ich erschaudere bei dem Gedanken daran und empfinde mich kurz als wahnsinnig rücksichtsvolle Heldin, weil ich ja nicht weiß, ob er es will. dabei wünsche ich mir ständig, dieser andere Mensch möge doch bitte mich umarmen. die Krux dabei springt unfassbar schnell ziemlich direkt ins Auge. aber, ey, ich hab dafür eine Weile gebraucht. eine Weile und die Frage: „ja und warum hast Du mich nicht angefasst?“
pah, was für eine Frage? ich fasse doch nicht einfach so Menschen an! ich bin doch total rücksichtsvoll und wahre Distanz und mache keine Fehler…und wenn er sich auch so verhält, dann passieren auch keine Fehler. und nichts anderes. irgendjemand muss wohl mutig sein, was? und da ich emanzipiert bin, bin ich das auch echt gern. aber ich tu es nicht. ich kann dafür verschiedene Namen suchen:
Respekt vor unausgesprochenen Grenzen, Angst vor Abweisung, das eigene Nähe-Defizit nicht missbräuchlich ausleben, Kontrolle der eigenen Sehnsucht…egal wie ich es beschreibe, es wird nicht besser und das Ergebnis ist nie Nähe sondern immer Distanz. ziemlich dämliche Rechnung.

ich gehe davon aus, dass wir alle derartige Erkenntnisnester haben, die es uns gemütlich machen, wenn wir mal nicht weiter wissen. „ich habe doch schon für mich geklärt, wie ich das sehe“. ich habe so einige Nester, die mir Schutz anbieten. in die ich nach jeder Krise zurückkehren kann um mein Gefieder zu glätten. nur ist es offensichtlich so, dass selbst Selbsterkenntnis veralten kann. nehme ich an. sehe ich so für mich. also suche ich neue Halme und Federn und Zweige für ein neues Nest auf einem anderen Ast. vielleicht darf der Ast etwas mehr dem Wind ausgesetzt sein als der letzte. etwas höher liegen vielleicht. mal sehen. Schaukeln tut ja gut.

Liefs,
Minusch

2 Antworten auf „erkenntnest

  1. Liebe Minusch
    ich schick Dir eine virtuelle Schreib- und Nestpolsterfeder aus meinem Arbeitssumpf. Mail folgt … herzlich a

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