attraktivieren

manchmal, so wie heute, denke ich darüber nach, wer ich bin. was mich ausmacht. es gibt diese Tage immer wieder. regelmäßig. diese Gedanken schleichen sich irgendwie an, stehen beiläufig an Bäume gelehnt oder nicken mir aus der Straßenbahn zu. ihr kennt das sicher. Farben oder Töne, Satzfetzen. und plötzlich steh ich auf diesem Berg und schaue mich für einen Moment um.

wenn Du Dich bei einem neuen Dating-Portal anmeldest, kannst Du bei vielen von denen vorab Fragebögen ausfüllen. ich mag diese Fragebögen. ich mochte schon in der Schule Arbeitsblätter mit abgeschlossenen Aufgaben und ich fühle mich gut dabei, immer wieder von vorne zu beantworten, wie ich mir ein erfüllendes Liebesleben vorstelle oder ob ich meine meinem Sternzeichen zu entsprechen. dann lese ich in Profile von anderen hinein und ziemlich oft beginne ich dann mit dem Gefühl, nicht dazu zu passen. weil ich viele Fragen anders verstanden habe. weil ich über mich schreibe und nicht über meinen Stil. und dann wirke ich niedlich und unbedarft und bin es doch so gar nicht…

das, was ich an mir am attraktivsten finde, ist meine Lebensführung. da finde ich mich regelrecht aufregend anziehend. ich habe mein Zuhause aus Geschichten, Glück und Zufall gebaut. ich ersetze meinen Kindern nicht den Vater, aber ich kann Dinge tun, die sonst Väter machen. ich kann so gut kochen wie ich auch nicht kochen kann. und ich finde Worte für Umstände, die andere sprachlos machen. das ist etwas, dafür habe ich mich entschieden, das habe ich geübt. seit bald 30 Jahren übe ich, Worte zu finden, zu gestalten und mich über Klischees hinweg zu setzen. darauf bin ich stolz.

aber es ist nicht sichtbar. und wenn sich die emotionale Masse mal soweit verdichtet, dass ich mich damit materialisieren könnte, fühlen sich andere davon angegriffen. dann bin ich streitlustig, skeptisch und verbittert in den Augen der anderen, dabei würde ich für diese Zustände ein ganz anderes Lexikon benutzen. da diskutiere ich zu viel, und es klingt, als wäre das verkehrt. dabei ist die Grundlage unter jeder Diskussion die gemeinsame Suche nach einem Konsens. die Suche nach dem Kettfaden. nach der Anzahl der Grundfarben. das Abgleichen der Zutatenliste mit dem, was ich selbst in meiner Küche habe.

und andersherum fühle ich mich in Gesprächen immer schneller blind. ich suche diese Aspekte und Facetten und bekomme lauter Reflexionen von anderen Bildern vorgehalten. ja wie soll ich denn so spüren, ob ich den anderen Menschen mag? große Worte, Bilder von Unendlichkeit und Zuneigung und ewigem Vertrauen. dazwischen Zuckertränen die für Bitternis stehen. und die eine oder andere Topfpflanze, die nicht um einen Zentimeter verrückt werden darf, weil sie sonst ihre Blätter verliert.

ein wenig bin ich wirklich verloren für diese Art des Lebens. wenn ich schreibe „bitte töte nicht den Drachen, meine Kinder würden es Dir nie verzeihen“ wird mir geantwortet, dass er mir nichts antun wird, denn kleine wilde Drachen seien doch hinreissend. wenn ich schreibe, dass ich körperliche Nähe vermisse, wird mir mit Zwinker-Emojis geantwortet. mit Übernachtungsvorschlägen. mit „die Kinder können doch sicher auch mal allein zuhause sein, oder?“

ich fühle mich in meine Pubertät zurückgeworfen. in die Zeit, in der völlig offensichtlich war, dass mich niemand versteht. die Konsum-begeistertern Partyhpyranhas meiner Generation hatten zwar Zugänge zueinander, aber ich stand staunend davor und habe mich damals wie heute gefragt, woher diese Menschen alle den geheimen Code kennen.

bei einem der Konzerte am Wochenende, war ich beeindruckt von dem Bühnenlicht. ich stand davor und war sprachlos. nicht weil es besonders schön war. sondern weil mir schlagartig klar war, dass sich vor der Show jemand überlegt haben muss, wie diese vielen Lampen während diesem einen Song blinken sollen. in welchem Rhythmus. in welchen Farben. ich stellte mir vor, jemand würde mir diese Aufgabe geben…und ich konnte instant spüren, wie die totale Überforderung in mir hochkroch. es gibt so wahnsinnig viele Möglichkeiten!! wie soll ich da eine aussuchen?? ja, für mich klingt der Song blau-grün, aber was, wenn er für die meisten anderen pink-weiß klingt? was, wenn zu viel der einen Farbe die Sängerin komisch aussehen lässt? und woher weiß ich, wieviele dieser Lampen gleichzeitig an sein sollten? reicht auch eine einzelne vielleicht? könnte ich mit einer Lampe anfangen und diese Lampe dann einen Weg finden lassen hinein in das Lied bis zu einem Crescendo? immer nur eine Lampe an einer anderen Stelle und diese Bewegung bringt die Menschen dann dazu, ihr zu folgen und mit dem Kopf unwillkürlich Bewegungen zu machen, die so lustig sind, dass die Sängerin lachen muss? oder NLP: bestimmte Blickrichtungen verraten ja nach NLP etwas über die Herkunft der Gedanken. wäre es möglich, über eine Veränderung der Blickrichtung den Gedankenfluss zu verändern? kann ich damit den Song unterstützen oder verstärken, also inhaltlich?…

so funktioniert mein Gehirn. warum ich mich mit Worten eingrenzen kann, weiß ich nicht. mit Farben bin ich legasthenisch, obwohl ich Synästhetikerin bin. Zahlen lassen mich verzweifeln. und ich verliere mich so gern in Bildern, aber nur so wenige Menschen kommen dorthin mit.

wenn ich meine Sehnsucht betrachte, dann sehe ich da keinen konkreten Menschen mehr Seite an Seite mit mir dem Sturm entgegenschauen. ich sehe mich, in Stille und in Verbindung mit anderen Menschen. ich habe die konservativen Ideen von Liebe, die ausbeuterischen Mechanismen in Sexualität und Romantik losgelassen. ich kann nicht mehr übersehen, wo/wie/wann Frauen erniedrigt werden. und ich vermisse Sexualität nicht mehr, seit ich weiß, dass es sich ohnehin nie um mich dreht sondern immer nur um die sexuelle Idee des anderen. ich habe gar keine sexuellen Ideen mehr. ich fließe vor mich hin, genieße und möchte zu allererst reden. ich habe das meiste, was ich mal anziehend fand, als frauenfeindlich entlarvt. damit hat es seinen Reiz verloren. und damit habe ich meinen Reiz für andere verloren.

ja, Körperkontakt ist schön und wertvoll. und wenn meine Kinder endgültig das Kuschelalter hinter sich lassen, werde ich mich vielleicht nochmal anders fühlen. aber viel wichtiger als Körperkontakt ist meine Unversehrtheit.

attraktiv. für mich sind Menschen wunderschön, die eine eigene Energie haben, eine Richtung und einen Raum. Menschen, die lebendig sind und vielfältig und mutig. Menschen, die bereit sind, Raum und Zeit zu schenken. all das wird immer schwerer, wenn wir ständig nur rennen und rennen und rennen. ich hatte immer gedacht, viel mehr Menschen seien wie ich, weil es mir so unwahrscheinlich vorkam, ernsthaft einen anderen Weg in Betracht zu ziehen. jetzt muss ich sagen: nein, es sind nie wirklich viele gewesen. das ist für mich zumindest traurig. aber es ändert nichts am jetzt. ich bin hier. ich atme. ich lebe.

Liefs,
Minusch

2 Antworten auf „attraktivieren

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