Sortage

Herbstferien. sie begannen mit einer Art Grundsanierung. wieder Läusebefall entdeckt. nunja. wieder Wäscheberge, alle Textilien einmal durchwaschen. es könnte sinnloser sein. vor mir liegen noch 2 Waschmaschinen-Ladungen, noch einmal Köpfe einölen und auswaschen, der Tag der deutschen Einheit und der erste Versuch, meine Kinder in die Ferienspiele zu schicken.

ich habe auch Pläne für die Zeit. Ikea. Friseur. ein Antrag. ein Ausflug. Bestimmer-Tage. das Wetter hat sich zu Herbst gefaltet und der Baum vergoldet den Blick in die grauen Wolken. dicke Socken, Strickjacke, Mützen willkommen. Einkehr. Stille – abgesehen vom Alltagsrauschen. und dann…

…ja dann taucht auf den letzten Drücker ein Mensch hier auf, steht in der Tür, ist da und geht nicht wieder. ich schaue ihn an und mir wird warm und ich kann es nicht fassen und er lächelt und ich zwinkere und er spricht von Gefühlen und ich möchte am liebsten aus dem Fenster springen und davon fliegen.

er vermutet Sehnsucht nach Kontrolle und ich kann kaum erklären, wie sehr ich es hasse, kontrollieren zu müssen. Kontrolle bedeute immer Sicherheit. und für mich bedeutet Kontrolle Gedankenlärm und weg-Bewegung. weg von mir selbst. und das, wo ich doch gerade erst bei mir ankomme. ich seh mich da hinten. noch etwa 845 Höhenmeter, 97 Tannen, 300 Steinbrocken und zwei Mal Wetterwechsel und ich könnte bei mir sein. da hinten, die mit der gelben Mütze, die dauernd woanders hin guckt. das bin ich…

wie eine Eule dreh ich meinen Kopf um 270°, jage im Dunkeln und sitze vor meiner Höhle hier oben. meine Höhle mit Dachfenstern für Regentropfengeräusche. mit kleinem Balkon. mit Treppchen und Holzbalken. das bin ich.

ich habe gerade gelernt, meine Höhle wieder in mich hinein zu finden, so wie es früher war. als es keinen Unterschied gab zwischen innen und außen. ich habe gerade alles losgelassen und mit dem Fresko begonnen: eine epische Landschaft voller Licht und Schatten, Farbverläufe und großartige Schlachten mit wehenden Flaggen. und in der Mitte das Mädchen mit dem falschen Haarschnitt, einem Walkman und billigen Turnschuhen in zu enger Latzhose und allein auf einem Steinklotz, neben sich ein Reh, das sie nicht sieht. ich habe gerade begonnen, dieses kleine Mädchen zum malen zu bringen.

und dieser Goldmensch steht da und ich dreh mich um und sehe ihn an und kann nicht gleichzeitig in mehrere Richtungen schauen. und es macht mich traurig, dass ich das nicht kann. dass ich keine Hydra bin, keine Medusa. dass ich manchmal nicht mal ausreiche, um mich selbst zu sehen. ja, meine Gedankenwelt ist so reich wie der Bergkönig. meine Gänge sind so lang und verwinkelt und ich kann sie mir alle merken. aber der Moment selbst in seinem hinreißenden Zauber lässt mich beinah immer in Traurigkeit zurück.

ich habe darauf bestanden, ohne Karte zu navigieren. an jeder Kreuzung habe ich auf die Karte verzichtet, um zu lernen, selbst die Wege zu finden. aber das Ergebnis ist keine unfehlbare Intuition wie sie Comic-Figuren entwickeln. das Ergebnis ist ein mehrbändiger Erfahrungs-Kanon, der zum dem Wort „wo“ mehr Treffer ausspuckt als eine Google-Suche. was will ich denn? will ich was? will ich nicht lieber einfach nichts, damit mir nichts weggenommen werden kann, ohne Tränen? ist mein Unterbewusstsein so verquer, dass ich es wirklich so falsch verstehe? oder habe ich den Mainstream so grundsätzlich verlassen, dass andere Menschen nicht mehr verstehen können, was ich sage, sondern nur noch hören, was sie fühlen, wenn ich spreche?

Himmel, wie sehr habe ich die Veränderung geliebt. sie war mein Motor. wachsen, lernen, werden…und ich ertappe mich bei neidvollen blicken auf schrullige alte Menschen und ihre atemberaubenden Marotten, nach Lust und Laune herzlich oder herausfordernd zu sein. freier Wille oder Konsequenz aus Bedingungen? ich weiß es doch nicht. ich war noch nie alt.

jetzt entsteht eine Parallelwelt hier. eine warme Welt, die Kinder sind begeistert. in dieser Welt wird so irrsinnig viel gelacht. es wird umarmt und vermisst und die Witze sind flacher als die Bodenwellen im Viertel und die Blicke ununterbrochen. es geht nicht um Konsum. es geht um Zeitgestaltung. um glänzende Zeiger und ein wolkiges Zifferblatt. dort hinten, ein Fisch mit Zähnen! – das ist nur eine Wolke, Mama. wir holen altes, fast vergessenes aus den Kellern unsere Gedanken und lachen wie wir vor 20 Jahren gelacht haben. und wir staunen und wärmen und halten und wünschen. Hoffnung? ich weiß nicht. auch?

will ich mehr? mehr wovon? oder lieber nicht? und wohin denn? wieviel Parallelspur ist möglich? wann sinken die modernen Schiffe? wovon sinken sie? und sind alternativen zu den Schiffen denkbar, ohne gleich ein Flugzeug zu chartern? und wieviel ich passt in einen Menschen? was, wenn auf der Parallelspur ein Zug fährt, der noch Ziele hat, die von der Bahn auch wirklich angefahren werden? konkrete Ziele. bekannte Ziele.

tja, so ohne Karte ist das wohl wieder eine Frage, die sich nur dadurch beantwortet, dass eine Entscheidung getroffen werden muss. losgehen, aye? ein Schritt ein Besenstrich. immer drei feste Punkte an der Wand. drei feste Punkte. gut. ja. und atmen. tief atmen. Angst? Angst ist ein Teil von mir. sie kann mir nichts tun. allez, on y vas.

Liefs,
Minusch

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