Wir ist immer auch Du

mein lieber Knopf.

ich weiß gar nicht so genau, wie ich einen jetzt 16-jährigen toten Jungen ansprechen soll und hoffe daher, dass Du diese alte Anrede mit einem schiefen Lächeln und einem vorwurfssachten „Minusch…“ beantwortest. Du warst mein Knopf, als Du klein warst. mein Knopf, mein Prinz, mein Kind…Deine Brüder haben andere Kosenamen.

die zwei sind heute zum ersten Mal in ihrem Leben in Ferienspielen und ich bereue schon jetzt diese Entscheidung, weil hier gerade ad hoc ein Raum frei geworden ist, den ich lange nicht betreten hatte. den ich nicht so gern betreten will. eigentlich.

die letzten Jahre habe ich an Deinem Geburtstag gearbeitet oder war mit den Kindern zusammen. heute sitze ich neben den Kerzen und dem Kuchen in der halb aufgeräumten Wohnung, sehe der Kohlmeise beim Picken zu und spüre, wie es aufbrandet. ein Teil von mir ist dankbar über diesen anschwellenden Schmerz. das ist meine lebendigste Verbindung zu Dir. der direkte Weg. brutale Erinnerungen an einen der schrecklichsten Tage meines Lebens. wie oft wurdest Du nach der Geburt noch geboren? mit dem Inkubator, dem Sauerstoffschlauch, der Magensonde, der Lungen-OP. und die Freiheit kam erst mit dem Tod. ein Tag, der schon fast leichter ist als Dein Geburtstag, an dem ich nicht ein einziges Mal gelächelt habe. an dem ich selbst fast gestorben wäre. an dem ich Ängste gespürt habe, nicht gehört werden durfte für Dich…ist Dein Geburtstag auch meiner?

scheiße, dass die zwei Kleinen nicht da sind und Himmel, ein Glück, dass sie nicht da sind. ich erinnere mich an so vieles…Satzfetzen, CTG-Geräusche, sich versteinernde Mienen bei Hebammen und Ärzten. der Rettungswagen mit dem Martinshorn für die kurze Strecke den Berg runter. wir waren beide zu klein für diese Geburt.

seit dem quält mich Einsamkeit. wer sollte mich auch hierher begleiten? wer will das hören oder mich so sehen? wer will an ein totes Baby denken? an unzählige Kabel und Schläuche, an Baby-Renaimationskurse und die Eltern des Babys an der ECMO? Essen aus der Microwelle, Leitungswasser, Schokoriegel aus dem Automaten und ein Heiligabend mit Schnee vor dem Krankenhausfenster und hinter dem Fenster eine letzte Mutter weit nach Ende der Besuchszeit, die niemand wagt heim zu schicken, weil alle wissen, dass zuhause ein kalter Weihnachtsbaum steht und sonst nichts.

Knopf, ich erzähle Dir das, weil Du jetzt 16 bist und verstehen kannst, warum Deine Mama so schräg drauf ist. warum sie ständig guckt, als wäre nur eine Hälfte von ihr da. das, was ich mit Dir erlebt habe, die Ängste, die ich durch Dich kenne, gehören zu mir wie die Erinnerung an Dich. ich mag mir so gern vorstellen, dass Du zum dia de los muertes den Weg hier herüber schaffst um zu sehen, dass Du noch immer zu uns gehörst. Deine Brüder, die beim Kuchen-backen helfen und Kerzen für Dich anzünden, so wie Deine Mutter, die von Dir erzählt und die Farbe Rot ehrt für Dich. auch wenn ich mich auf Deine Brüder konzentriere, hängt Dein Bild neben ihren. nein, ich habe keine Geschenke und ich weiß nicht, ob Du Marmorkuchen gemocht hättest, aber in meiner Hilflosigkeit ist Kuchen-backen das einzige Ritual, das ich festhalten konnte. das sich jedes Jahr wiederholen kann, egal ob ich arbeiten muss oder nicht.

weißt Du, dass ich mich nach Deinem Tod gern umgebracht hätte und mich damals dafür schämte, es nicht hinbekommen zu haben? dass ich mit dem Brotmesser am Handgelenk auf dem Boden in der Küche gesessen habe im Mai-Licht, dass ich versucht habe, mir Schmerzen zuzufügen? dass ich mich fast selbst eingewiesen hätte in die Psychiatrie, weil mein Herz kaum zu ertragen war? dass mich das Sozialpädagogik-Studium buchstäblich gerettet hat, auch wenn meine Eltern der Meinung waren, dass ich hätte Germanistik beenden müssen. durch Deinen Tod waren da plötzlich Schulden beim Bestatter, weil ich Hilfe versprochen bekommen hatte und nicht bekam. Termine bei der Arbeitsagentur. meine Hiwi-Stelle war weg. Freund*innen waren weg. wenn die Mutterschaft als Ursache für Hilfen wegfällt, gelten diese mit dem Tod des Kindes nicht mehr.

ich bin zwei Mal durch eine so existenzielle Krise gegangen. beide Male allein. gerade jetzt erst berühren meine Füße wieder Grund. jetzt. 15 einhalb Jahre nach Deinem Tod. erst jetzt kann ich wieder spüren, was damals war. kann ich auf meinen Körper schauen und mich wundern, dass meine einzige Veränderung die Gewichtszunahme ist. selbst die Narbe Deiner Geburt ist auch die Narbe der Geburten Deiner Brüder. niemand kann sehen, wer ich bin, was ich weiß. niemand liest aus meinem Lebenslauf die Tiefe, die ich gesehen habe.

lieber Knopf, ich hätte Dich so gern aufwachsen sehen. in meinen Träumen von damals hast Du mich begleitet, bis Du sprechen konntest. heute verfolgen mich Männer mit irren Fratzen und jagen mich durchs Haus. die Träume mit Dir waren so leicht und zärtlich. so wie Du. behutsam. bedürftig. voller Sehnsucht nach Stille.

meine Liebe zu Dir ist ungebrochen. sie tut schrecklich weh, aber ich werde sie halten. so wie ich Deine Brüder halte. weil es mir wichtig ist, im Herzen bei Euch zu bleiben bis ich gehe.

geliebtes Kind, ein Teil von mir ist mit Dir gegangen damals. ich spüre das nicht jeden Tag, aber gerade jetzt, heute, hier, ist dieser Verlust so deutlich wie lange nicht. ja, im Alltag verwischt es und ich kann lachen und tanzen und mit den beiden Kleinen vom Meer träumen. aber hier war niemand einfach da, als Du gingst. vor allem nicht mehr, als der Schock nachließ. dann, als es schlagartig dunkel wurde. wir waren zu zweit. Du und ich. wir. so wie ich mit Deinen Brüdern in den vielen dunklen Tagen nur zu dritt war.

draußen haben die Sperlinge das Vogelfutter gefunden und unsere Balkontauben haben tatsächlich Nachwuchs. es ist warm hier neben der Heizung. ich werde allein bleiben heute, bis ich die zwei Kleinen von einem Tag voller Spiele und Basteleien wieder abhole. wir werden hier bei den Kerzen sitzen und erzählen. ich werde ihnen zuhören. vielleicht kann ich wieder vorlesen. so wie Familien das eben machen. so wie wir das machen.

Deine Mama

3 Antworten auf „Wir ist immer auch Du

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