done

die Wolken ziehen gleichmäßig über den Himmel. ein Glück war ich am Wochenende im Kino und ein Glück war der Film gut und ein Glück gab es eine Stelle („lights will guide you home“), die so sehr weh getan hat, dass ich genug weinen konnte. nur geschimpft habe ich nicht genug. geschrien auch nicht genug. und ich habe auch kein Blut vergossen, obwohl es, gemessen am epischen Impact der Ehe auf mein Leben, durchaus angebracht gewesen wäre. gleichzeitig kahle Äste, goldene Blätter und grüne. eine besondere Zeit, dieser Oktober. Kürbis-Teelicht-Halter neben blaßrosa Weihnachtsdekoration und schon 3 Wochen vor Halloween waren die Dekoartikel reduziert (die Adventskalender wurden gesaved und liegen bei Oma und Opa im Schrank, weil gerade jetzt Schnäppchenzeit ist. obwohl Rewe seine Angebotspalette spontan geschrumpft hat. tststs.) ich weiß schon etwa, was meine Kinder zu Weihnachten kriegen werden sollen. ich habe eine Idee von dem tollen dark chocolate cake mit orangenem Guß für den Dia de los Muertes (so viel schöner als Halloween und unser Skelett ist auch eines mit punkten auf dem Schädel und einem aufgemalten Herzen auf der Brust). habe ich die Taube erwähnt, die heute erbärmlich zusammengesunken in dem einem trockenen Springbrunnen saß? in ihrer eigenen Scheiße. unfähig zu fliegen. der Mann vom Tierschutzbund kam, griff sie zart aber sicher mit einer rauen Hand und setzte sie in einen Karton. und ich fragte mich, ob ich auch so zart und sicher in einen Karton gesetzt werden könnte, wenn ich eine Weile in meiner eigenen Scheiße in einem trockenen Springbrunnen gesessen habe…

ich bin geschieden. seit jetzt. der Akt, wie beim Sex, kurz und schmerzlos. aber das Vorspiel: HollaHollaHolla…dagegen ist mein Durchschnitts-PMS sowas wie ein Mückenstich im Vergleich zu einem Vipernbiss. aber gut, was erwarte ich auch (ich hab nicht nachgedacht). die Spatzen hüpfen auf dem Kindergartendach herum. dieselben Spatzen, die sonst unser Futtersilo zerlegen. sie toben quer über das Dach und ich kann sie bis hier hören. es ist unfassbar mild draußen. viel zu mild. vom Gefühl her wäre ich schon seit 3 Wochen soweit, dicke Mützen und Schals zu tragen.

an mir zieht eine Zeit vorbei, die schon vergangen ist aber noch mit mir verbunden. Erfahrungen, die noch immer Tribut verlangen. Los, Minusch, zahl schon! schließlich kannst Du es jetzt! (ich möchte bitte ein Koi-Tatoo!!!). Was habe ich mir dabei gedacht? Warum seh ich auf den Hochzeitsfotos so fertig aus? was habe ich alles vorausprojiziert, um das zu vergeben, was vergeben werden musste, um an den Punkt der physischen Gewalt anzugelangen? was habe ich da festgehalten? wer war ich? Kohlmeisen sitzen auf dem Geländer und schauen gebannt hier rein. ich bewege mich besser nicht. sie sollen sich sicher fühlen hier auf meinem Balkon.

es gibt einige traumatische Effekte an der Geschichte. aber ich stehe aufrechter und klarer da als je zu vor. das hat meine Anwältin gesagt. ich sei aufgeräumt und lösungsorientiert und ich kümmere mich um Weiterentwicklung. das ist etwa das Gegenteil dessen, was ich in der Ehe als Beschreibung meiner selbst gehört habe. ich glaube überhaupt, dass das noch niemand so deutlich zu mir gesagt hat…wobei: meine Therapeutin eventuell, aber Therapeutinnen sind sowas wie Verwandte, wenn es um Komplimente geht. warum bedeuten familiäre Komplimente eigentlich so wenig und familiäre Kritik so viel? vielleicht weil Kritik viel öfter mitgeteilt mit?

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die Kinder schlafen seit vorgestern wieder bei mir im Bett. familiäre Regression und es passt ganz gut. seit gestern Abend fehlt wieder die Gardine, weil die Jungs und der Besuch unter dem Bett Verstecken gespielt haben und dabei eben die Gardinenstange sowas wie die Maut für den Spaß gezahlt hat. na immerhin konnte ich mich so beim Einschlafen gedanklich mit all den Menschen verbinden, die gerade aus dem Fenster schauen und in Äste blicken. ich bin überzeugt, dass es sowas wie eine geheime Größe an Menschen gibt, die regelmäßig in ihrer Wohnung liegen und durch das Fenster hinaus in Äste vor dem Himmel schauen. und vielleicht haben sie dann, so wie ich, das Gefühl, dass sie da draußen ein Wesen zart aber sicher mit rauen Ästen schützt?

als ich eben aufgewacht bin, war mein erster Gedanke: „toll, durchgeschlafen trotz Kopfschmerzen“ und der zweite „ich gehe als geschiedene Frau früh morgens aufs Klo“. ist was anders? bin ich erleichtert? ja, eine Verbindung wurde gelöst und irgendwas fühlt sich mehr nach mir an. jetzt müssten bald die Gartenrotschwänzchen mit ihren Tönen anfangen…oder in einer Stunde? gestern morgen hab ich sie gehört.

da sind zwischen den Wolkenschwaden Sterne am Himmel. irgendwas ist wirklich anders. ich habe gelernt, Beziehungen strategisch zu betrachten. ich habe gelernt, nicht zu lächeln (wusstet ihr, dass es eine geheime Übereinkunft von Frauen gibt, die einander nicht zulächeln? die einander mit neutralem Blick im Alltag begegnen? zärtlich strukturierte Gesichter mit einer überzeugten Richtung. ich begegne ihnen immer dann, wenn ich ganz bei mir bin, Musik höre aber mit dem Bewusstsein nach außen gehe. dann kommen sie mir entgegen. auf dem Rad. zu Fuß. zielstrebig. und wir sehen uns kurz an und unsere Geschichten begegnen sich und wir sagen nichts und halten nicht inne und folgen weiter unseren Wegen. zauberhaft ist das. und ich fühle mich nicht mehr so alleine danach).

es ist wohl noch zu früh für die Gartenrotschwänzchen. well, ich kann es verstehen. ich habe gelesen, dass Gartenrotschwänzchen eine monogame Saisonehe führen und ich frage mich, ob das Model für mich in Frage käme, bin mir aber nicht sicher.

da bin ich nun. eine Frau von bald 42 eingebettet in Kinderaufgabengedanken, Haushaltslisten, Erwerbsarbeitsaufgaben und geschieden. die Ehe sei gescheitert. hab ich so noch gar nicht gesehen. gescheitert. ich fühl mich auch gar nicht gescheitert. ich hab gestern nach Scheidung-Parties gegoogelt, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich sowas will. und dort habe ich viele Sprüche für Torten, T-Shirts und Kühlschrankmagneten gelesen, aber von Scheitern stand nirgends was. komischer juristische Ausdruck für etwas, worin viele Frauen zeigen können, dass sie sich nicht länger verarschen lassen wollen. andererseits habe ich danach noch lange mit meiner Anwältin über Zwänge gesprochen, die verhindern, dass Frauen sich aus der zum guten Teil selbstgewählten Abhängigkeit befreien. der Status. die Sicherheit. die Angst vor dem danach. die Unfähigkeit, sich sich selbst zuzuwenden.

feiern eigentlich nur Frauen Scheidungsparties? auf Pinterest sieht es so aus. sexy Outfits, Torten Torten Torten, Scheidungsparty-Planerinnen, Marriage on the Rocks, zerstörte Brautkleider. „lad Deine Freundinnen ein! aber nicht den Ex…hihihi“. da war auch eine Liste mit 36 Sachen, die Frauen nach der Scheidung machen sollen. 20 davon waren sowieso Teil meines Alltags, 3 kommen nicht in Frage und für 13 reicht die Kohle nicht. nagut.

keine Gartenrotschwänzchen bis jetzt zu hören. mein Schädel brummt als hätte ich einen Kater. dabei waren es zwei Gläser Abhol-Wein gestern abend und nicht etwa eine ganze Flasche.

in einem Monat wird die Scheidung rechtskräftig. dann gibt es einen kleinen Info-Marathon an die entsprechenden Stellen, vermute ich, und dann beginnt die Adventszeit. war ich überhaupt verheiratet? ich meine, von den Ehe-Klischees hat bei uns sehr wenig zugetroffen. wir waren zwei Mal an unserem Hochzeitstag essen. es gab keine Flitterwochen. ab der Eheschließung bekam ich gar keine Blumen mehr und auch keine Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke. ich bekam eine Spülmaschine von dem Hochzeitsgeld. der Deal war, er kriegt Eames-Chairs und ich eine Spülmaschine. die Stühle hat er auch als einziges mitgenommen beim Auszug. 2 Hochzeitsgeldstühle und 2 Geburtstagsgeschenkstühle. das Bett hat er noch gewollt. aber das hab ich nicht ausrücken wollen, weil ich darin seit seinem Auszug mit beiden Kindern geschlafen habe. um ihnen genug Nähe zu geben. damit ich Alpträume schnell bemerken und verscheuchen kann. damit wir drei ein sicheres Nest haben. damit ich mit meinen Ängsten, er könne nachts zurückkommen, wenigstens nicht durch die Zimmer streifen muss um die beiden zu suchen.

neben mir atmen wie so oft die zwei Kinder friedlich dem Tag entgegen. eventuell habe ich gerade den ersten Vogel gehört. vielleicht auch nicht. Neuanfang? ich weiß nicht. so viel ändert sich ja eigentlich nicht. tatsächlich habe ich aber damals neu angefangen, als ich die Papiere versteckte und den Laptop wegschloss, wenn ich die Wohnung verließ, weil ich Angst hatte, er könnte schneller sein als ich. als ich dokumentierte, was wann geschah. als ich Notfallnummern von Polizei und Frauenhaus im Handy abspeicherte. als ich Anträge ausdruckte und vorausfüllte, um sie dann am Tag x schnell abschicken zu können. da habe ich tatsächlich neu angefangen. angefangen, mich und meine Kinder zu schützen. die Scheidung jetzt ist ein bürokratischer Neuanfang. nein, ich bin mir nicht sicher, ob ich eine Scheidung-Party will. doch lieber ein Koi-Tatoo*.

Liefs,
Minusch

PS: Kois stehen für Beharrlichkeit, Überwindung und Überleben und sie werden, wenn sie ausgewachsen sind, zum Drachen

2 Antworten auf „done

  1. Liebe Minusch!
    Ich lese Deine Beiträge immer gerne, aber lange habe ich nicht mehr kommentiert. Jetzt muss ich einfach, ich hoffe, es ist Dir recht. Ich bin nur eine Woche vor Dir geschieden worden, ein Verwaltungs-akt von 10 Minuten, eine Scheidung, die mich mehr kostet als die Hochzeit damals. Ich wollte nie heiraten, schon gar nicht den Mann. Warum bloß hab ich es dennoch getan? Diese Frage habe ich mir schon so oft gestellt. Ich habe Antworten für mich gefunden, aber das sind die Momente, wo ich mich als gescheitert ansehe. Die Ehe ist in seinen Augen durch mich gescheitert, meine Seite der Geschichte sieht anders aus, auch wenn hier Gewalt subtiler und verbaler statt körperlich war.
    Wir haben noch viel miteinander zu tun, das ist nicht immer angenehm, er geht in unserem noch immer gemeinsamen Haus ein und aus. Wegen der Kinder. Die hab ich immerhin gewollt, mit ihm, weil eben er zu der Zeit an meiner Seite war und nicht der Mann, mit dem ich jetzt mit 44 kein Kind mehr haben werde. Sie sollen glücklich sein, mit ihrem Vater. Und mit einer glücklicheren, befreiteren Mutter.
    Jetzt sind wir also beide geschieden. Ich hab mich auch sofort gefragt, ob es sich anders anfühlt. Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht kommt das erst mit der Zeit. Aber ich hatte ja auch längere Zeit, um mich an den Gedanken zu gewöhnen.
    Jetzt stehen wir da mit mehr oder weniger knapp über 40, mit unseren je 2 Kindern, freier und unabhängiger als je zuvor.
    Ich war seit Jahren nicht so froh!

    Von Herzen alles Gute
    B.

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