unkomplitzert

die Sonne scheint und ich habe die letzten beiden Einträge verworfen, aber diesen möchte ich gern fertig denken.

wie oft ich in den letzten Jahren gelesen/gehört habe, ich sei zu kompliziert, kann ich gar nicht sagen. ich ließe andere für die Fehler der Vorgänger büßen. ich hätte zu hohe Erwartungen. ich würde alles kaputtdenken. und immer dieses Feminismuszeug. kein Wunder, dass das keinen Mann interessiere.

seit ich 40 bin höre ich keine Bemerkungen mehr zu Äußerlichkeiten wie „zu dick“, „zu stillos“, „zu sportlich“, „zu unfeminin“. immerhin, ich war nur mal „zu alt“ für die Öffentlichkeit. aber ich höre Bewertungen meiner Verarbeitungsstrategien. wohl gemerkt nicht von den Profis, mit denen ich ab und an Berührungspunkte hatte. Profis loben durch die Bank meine Entscheidungen und meine Haltung. wer mich kritisiert, sind Männer. amourös interessierte Männer. witziger Zusammenhang, oder?

wenn ich mich recht erinnere, standen in über 70% aller mir vorgeschlagenen tinder-Profile als Erwartung „unkompliziert“ in der Bio. es werden unkomplizierte Frauen erwartet. also ich finde mich verdammt unkompliziert. ich kann mit Docs in die Oper gehen und unterhalte mich mit Punks genauso wie mit Professor*innen. ich bin beim Essen sehr flexibel, habe also nur sehr wenige und marginale Einschränkungen, ich brauche keine irrwitzigen Geschenke oder Reisen. Statussymbole sind keine Sextoys für mich. völlig unkompliziert.

kompliziert wird es, wenn ich zu einem ersten Date ja sagen soll und das so ad hoc nicht geht. das kann sehr beleidigend wirken, habe ich festgestellt. beleidigend wirkt auch, wenn ich nicht schnell genug meine Telefonnummer preis geben will. oder meinen ganzen Namen. nur weil ich mal (TM) schlechte Erfahrungen (TM) gemacht habe, kann ich doch nicht alle anderen (TM) dafür büßen lassen. Buße. indem sie nicht so schnell zu mit Körperkontakt herstellen können, wie es ihrem Bedürfnis entspricht? nun gut…vielleicht ist Enthaltsamkeit auch das neue „gegrüßet seist Du Maria“? vielleicht ähnelt es dem Schmerz der Selbstgeißelung, wenn ein Mann masturbieren muss, anstatt seinen Penis in eine Frau zu stecken? möglich.

dass ich auf Kondome bestehen möchte, ist auch kompliziert, weil der Mann dann ja nichts spürt. dass er so auch keine Kinder zeugt, ist irrelevant. er spürt nichts (was logisch auch eine Verhütungsmethode sein könnte). auch da lasse ich Männer für die Untaten anderer büßen. ich schließe abenteuerliche Dates auf Rastplätzen ebenso aus wie Sextreffen. ich lasse mich nicht von einem Fremden irgendwo festbinden. und ich fände es irgendwie auch schön, einen Mann erst zu küssen, bevor ich seine Finger zwischen meinen Schamlippen spüre. überhaupt finde ich es bemerkenswert, dass es für Männer leichter ist, mir zwischen die Beine zu fassen als meine Hand zu streicheln. meine Hände sind nur selten angezogen. sie sind empfindsam, sichtbar, erreichbar und sogar ohne Obszönität berührbar. ich bin ganz schön kompliziert…für Männer.

oder dass ich Menschen überhaupt kennenlernen möchte. wir können uns schließlich nie sicher sein! wozu dann kennenlernen? Anziehung reicht doch! und ein Mann hat mir wirklich mitgeteilt, dass er eine Frau erst gefickt haben müsse, um zu wissen, ob sie interessant für ihn sei. das lasse sich der Mensch mal auf der Zunge zergehen…nicht das Interesse an dem gegenüber macht es attraktiv, sondern die Fickbarkeit (hm, woher kenne ich denn diesen Begriff?).

einerseits bin ich eine große Freundin von „jedem seins“. aber solange es nicht gleichzeitig „jeder ihrs“ bedeutet, kann ich das nicht bedingungslos unterstützen. solange Männer mein Verhalten verurteilen, weil es sie in der Ausübung ihrer Bedürfnisse behindert (und vor allem nicht nach meinen fragt), solange gilt für mich eben nicht „jedem seins“. sondern: besser allein als mit einem Menschen, der so bedürfnisorientiert (TM…ja, pun intended) agiert, dass ich aufgrund normaler menschlicher Regungen als schlechter bewertet werde.

Mesdames: nein, niemand von Euch ist kompliziert. es ist anders herum. die Herren sind überfordert. der Grund dafür liegt aber nicht in uns und unserer (nicht-)Verfügbarkeit. der Grund dafür liegt in deren Lebensentscheidungen. in deren Haltung. deren Privilegien. lasst Euch also nicht verrückt (TM) machen und versucht bloß nicht, unkompliziert zu sein. bleibt menschlich. irgendwann lernen es die Jungs sicherlich auch…

ja, die unkomplizierte und lebenslustige Frau Mitte 40 ist ein unberührtes Statussymbol das an die Begehrlichkeit einer Anfang 20jährigen Jungfrau erinnert. niemand hat uns besudelt, nicht war? wir sind ganz offen und unbedarft. und wir glauben jeden Scheiß, der uns erzählt wird. haha. no way, boy. no way.

Liefs,
Minusch

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