Wunschwünschen #wish2hand

vor echt langer Zeit noch während meines Studiums hatte ich auch verschiedene Seminare zur psychosozialen Familienberatung. Klassiker. natürlich ging es in vielen Punkten um die eigene Haltung, die die Kommunikation führt und nicht um die Konstruktion von Lösungen für Probleme. aber es gab einen Punkt, der hängen geblieben ist bei mir: Wünsche

damals wurde mir sehr eindringlich vermittelt, dass es sowas wie eine Special-Power-Ebene in der Kommunikation gibt, die Menschen miteinander verbindet. Wünsche. Wünsche, die an einen anderen gerichtet sind, ermöglichen dem anderen gebraucht zu sein, eine Lösung zu finden, Gutes zu tun, etwas zu kitten, Glück zu verursachen. gerichtete Wünsche schaffen Verbindlichkeit und Hoffnung und Spannung und sie zeigen auf, dass zwei Menschen einander sehen.

das habe ich nie vergessen.

durch die Konsum-Schulungen jeden Tag, wissen wir, was Männer/Frauen/Fußballfans/Sammler*innen/Jungs/Mädchen/Senior*innen sich wünschen. die Eltern packen Geschenkekisten beim Spielwarenladen vor, damit die Gäste sich dort was aussuchen können und so sicher sind, dass das schon „das Richtige“ ist. und wir kennen den Rausch, in den Kinder verfallen, wenn sie nach Wünschen gefragt werden. wir wissen eine Menge über Wünsche, nicht wahr?…

…oder kennen wir inzwischen vor allem den appellativen Effekt, den Statussymbole haben? wir wünschen uns einen limitierten Gin, weil der ist echt gut und teuer und wir schätzen das. sowas schickes verschenken zu können, fühlt sich auch gut an. geschmackvoller Laden, geschmackvolle Verpackung, der ganze Einkaufsprozess ein Fest für die Sinne. eine Lego-Eisfestung und die Beyblade-Arena! und das Kind weiß schon, wie es wirken wird, wenn es dem Freund über die Straße zuruft: „ich hab jetzt die Eisfestung und die Beyblade-Arena! hab ich zu Weihnachten gekriegt!“ dann noch Trash-Wichteln, als Möglichkeit, Geschenke-Fehlgriffe wenigstens noch irgendwie mit Freude aufzuladen. Drogerien voller Geschenk-Sets. suchst Du noch ein Geschenk? eine neue Uhr wäre genau das Richtige! darüber freut sich echt jeder!…ich habe mir mal zwei Kochbücher gewünscht. zum Geburtstag. stattdessen bekam ich einen Yoga-Gutschein, denn: Kochbücher sind keine guten Geschenke. und diese verzweifelten Last-Minute-Geschenke, wenn zwei vereinbart haben, einander nichts zu schenken, und das dann doch nicht aushalten.

seit zwei Tagen gibt es auf twitter den Hashtag #whish2hand , ausgedacht von @meg_gyver . die Idee ist, Wünsche aufzuschreiben in der Hoffnung, dass jemand genau das vielleicht hat und nicht mehr braucht. dann einigen sich zwei über das Porto und eine*r wird etwas nicht mehr gebrauchtes los und eine*r freut sich über den Wunsch. das klingt unendlich banal und wie Tauschbasar. aber der Hashtag explodiert. Menschen formulieren vorsichtig Befürchtungen und Einschränkungen, und werden beruhigt. andere fragen nach Altersgrenzen, und werden liebevoll eingeladen. manche weisen auf Sammelaktionen für Wohnungslose Menschen hin, andere auf Familien mit zu wenig Budget dank Hartz IV. es wird retweetet, querverbunden und geteilt. und die Wünsche dort sind unglaublich! eine Weihnachtskarte, ein 50er Marmeladeglas mit Obst im Deckel, alte Polly-Pocket-Figuren, gebrauchte Schneehosen, Stoffreste, ausrangierte Spielmodule, ein Adventskranz, handwerkliche Unterstützung, eine Eisenbahn, eine Silvester-Party mit anderen Familien…

diese Wünsche geben uns Einblicke in die Leben anderer Menschen. und es geht nicht darum, dass die Bescheidenheit dieser Wünsche auf Armut hinweisen könnte. ich denke, diese Wünsche sind nicht kapitalistisch abbildbar. sie sind lebendig. sie haben Geschichten. sie sind Schlüssellöcher, die aufgemacht werden. andere Menschen dürfen so sehen, was uns etwas bedeutet. etwas kleines. etwas, das uns nicht bloßstellt oder verrät. ein kleines bißchen vom eigenen Schmerz vielleicht, aber vor allem etwas, was zu den eigenen Coping-Strategien gehört. die eigenen Arten, mit den Alltagsbelastungen und Krisen umzugehen. Handarbeit, nostalgische Spiele, Umgang mit Lebensmitteln, Ordnung machen, eine Wand mit schönen Karten dekorieren wie sie vielleicht mal irgendwo gesehen wurde und die Freude an Gesellschaft.

Wünsche verraten uns. geäußerte Wünsche machen sich als Hoffnung selbständig und sind so leicht enttäuschbar. das wissen wir alle. ich denke, die meisten meiner Generation kennen noch die Erpressung mit Wünschen: wenn Du Dein Zimmer nicht aufräumst, gehen wir nicht ins Kino. Bumms aus!
wir kennen das. Wünsche an den Partner, wie abendliche Gespräche, die im Alltag verpuffen. Wünsche an die Eltern, gesehen zu werden, die in der aufkommenden Demenz ihre Kraft verlieren. Wünsche an die Nachbarn, abends Rücksicht zu nehmen wegen der Kinder. und erst die Konflikte, die in den Wünschen Verstorbener brachliegen…

natürlich ist es da leichter, Gutscheine oder Bargeld zu verschenken, wenn schon geschenkt werden muss. und Geschwister brauchen auch immer Geschenke mit demselben wert, völlig Wurscht, ob dann für das eine Kind irgendwas (TM) dazu gekauft werden muss. Supermärkte füllen Nikolausstiefel, beim Abholen kann die Mama ja noch schnell das Notwendige mitnehmen. McDonalds verschenkt seit Anbeginn im Kinder Menü irgendwas (TM) zum Essen dazu. und wir werden ab September mit steigender Frequenz daran erinnert, dass wir noch so einiges zu verschenken haben. die Verpackung darf auch ruhig eine Art Geschenk sein, übrigens!

gleichzeitig spüren immer mehr Menschen die Spuren der Einsamkeit. ziehen sich zurück. „ich kann nichts schenken, deswegen wünsche ich mir nichts“ karge Weihnachtsbäume erinnern an Kriegszeiten, an Armut und Kälte. Berge aus durchdesignten Paketen mit ästhetischen Schleifen und Eukalyptuszweigen erinnern an Sicherheit. wir kennen alle das Gefühl von zu viel. zu viel Alkohol, zu viel Zeit auf Twitter, zu viel Netflix, zu viel Schokolade, zu viel Stress…und viele Menschen kennen auch zu wenig.

#wish2hand
was wünsche ich mir wirklich? was kann ich nicht einfach bestellen? und wenn ich die idealistischen Wünsche abziehe, wieviel Spaß am Konsum bleibt? was ist die Essenz? brauche ich dieses Jahr eine opulente Feier, weil es mir gut tun würde? brauche ich dieses Jahr mehr Raum für Gefühle? oder möchte ich vielleicht etwas teilen, was ich noch nie geteilt habe? wohin führt mich mein Weg? möchte ich loslassen oder muss ich etwas festhalten? wer bin ich?

Wünsche erfüllen zu können, ist etwas sehr schönes. und am besten gelingt es, wenn wir uns auf den anderen einlassen. Zeit für diesen anderen finden und in dieser Zeit miteinander herausfinden, ob wir Wünsche aneinander haben. und wenn dieser andere Mensch nicht da ist, dann ist der größte Wunsch vielleicht nicht ein neuer Literatur-Sammelschuber von Elfriede Jelinek sondern ein Lebenszeichen dieses Menschen, der nicht da ist. Lebenszeichen. oder Raum für die Trauer über das nicht da sein, dieses Zeichens…und ein altes Marmeladenglas, wie es bei Oma sonntags auf dem Tisch lag. ein silberner Zuckerlöffel. eine Wolldecke. Micky Maus Hefte. die fürchterlichen Heintje-Weihnachtslieder. der Klang einer Märklin-Bahn. ein Musikinstrument. eine Umarmung. ein Gruß aus der Ferne.

die Menschheit ist nicht verloren. ❤

Liefs,
Minusch

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