friendshift

eines meiner Lebensthemen: Beziehungen. alle. grundsätzlich. ich meine, ich hab da echt viel gelesen! Kinderbücher (Freundschaft wird da ja per se groß geschrieben), Jugendbücher (yep), Artikel, psychologisches Zeug, Deeskalation, Paarberatung, Familienberatung, Teamentwicklung, Literaturkanon…die Menschen stehen in Beziehung zueinander. mindestens ein anderer Mensch ist wichtig. das fehlen eines anderen Menschen oder die Sehnsucht nach anderen Menschen (negative Zahlen…ne, Smilla?) wirkt sich auf irgendwie alles aus und eigentlich ist doch immer alles irgendwie klar: wenn wir nur wollen, dann wird das was. und wenn jemand gewolltes selber nicht mehr will, dann kann eins nochmal richtig aufwollen und dann…na dann ist halt irgendwas: happy end oder Neuanfang.

wenn wir aber einsteigen in die Tiefe, dann sieht es da ganz anders aus. dann spüren wir vielleicht selbst noch in uns das unbeachtete Kind, den zurückgewiesenen Teenie oder auch den betrogenen Erwachsenen. wenn es richtig hart kommt, wurden wir schon als Kind betrogen oder gar missbraucht und haben diese Linie für immer auf dem emotionalen Strichcode. reagieren das alles irgendwie immer mit.

wenn es also Menschen gibt, die in einer Phase ihres Lebens schmerzhafte Erfahrungen gemacht haben, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, genau so eine Erfahrung zu kennen, mit dem Alter. an sich ist das ja gar nicht so doof, schließlich können wir einander dann ja besser verstehen. oder aber eben auch überhaupt gar nicht mehr. je nach dem.

spannend wird es, wenn sich Erfahrungen ähneln. ist bei Frauen ganz häufig der Fall. nichts ist verbindender, als die weinselige Solidarität unter Frauen wenn es um Arschlochmänner (TM) geht. wir können uns unreflektiert auslassen, ja richtig fallen lassen in den Wutrausch, das ganze mit einem irren Lachen wieder auffangen und dann ein bißchen berührt in den Nachthimmel starren und uns nicht alleine und verarscht fühlen. super Sache. ernsthaft. das Gefühl, nicht alleine zu sein, ist sehr wichtig für die Verarbeitung von seelischen Verletzungen.

was kommt dann…?

meiner Erfahrung nach hört es dann ganz schnell wieder auf. die Momentaufnahme ist prima, wir sollen ja die Momente ehren! und vielleicht trägt der Moment noch etwas weiter…ein zwei Tage bis der Kater vergessen ist. noch ne Woche, bis der Alltag wieder gegriffen hat. und dann ist alles wie vorher und die Verschwisterung im Geiste ist Erinnerung. dann käme die Zeit. also, Zeit, die vergeht, bis es vielleicht nochmal einen Moment der Nähe gibt. vielleicht wünschen sich beide das. vielleicht geht es mal eben nicht und dann fehlt es vielleicht auch gar nicht. dann kommt was dazwischen und dann…sagt/schreibt die andere etwas, was vielleicht nicht in den eigenen Kanon passt, aber: hej! Solidarität und Freundschaft! das ist was wert, oder?

worauf will ich hinaus?…

ich denke über Aufrichtigkeit nach. und über Selbstehrlichkeit. über Menschen. und wie Außenstehende das eigene Konzept von sich beeinflussen. und gibt es emotionale Konsequenz? was ist mit sich wiederholenden Erfahrungen und dem eigenen Anteil daran? kann ich den sehen? ohne Langzeitstudie? was sehe ich, wenn ich nur mit mir selber rede? und welchen Blick von außen kann ich schadlos integrieren?

wie zur Hölle unterscheide ich zwischen Menschen, denen ich vertrauen kann, und Menschen, die Schaden anrichten können, wenn ich sie lasse? und gibts da einen Unterschied oder eine überraschend große Schnittmenge?

wer hat eigentlich diese Legende erzählt, dass Menschen einander vertrauen müssen und aufeinander zugehen? aus welcher Zeit kommt denn das? ich vermute mal nicht, dass DAS im Dritten Reich gepredigt wurde. in den 50ern dürfte das auch kaum gepasst haben. waren es die Hippies? würde passen. peace, love and harmony…und eine gewissen überdrehte Blindheit für Verletzungen, bzw: wenn Du verletzt bist, bist Du nicht wirklich frei.

hat jemand von Euch so eine Clique wie bei Friends oder How I Met Your Mother? hat jemand so eine Seinfeld-Bar, in der immer wieder dieselben Typen auflaufen? war schonmal jemand auf einem Raumschiff und mit der gesamten Besatzung befreundet? war jemand auf Lindenhof? Schreckenstein? Hogwarts? wer ist schonmal mit einem Kumpel durch das Land gelaufen um eine Schreckensherrschaft abzuwehren?

oder gilt die Solidarität eher Kurt Wallander? Smilla Jaspersen? Frans van der Steg? Alanna von Trebond? Max Delius? Bahnwärter Thiel?

wenn das, wonach wir uns sehnen, das ist, woran wir verzweifeln: was sagt uns das? kennen wir unsere innere Balance aus ich und wir? wissen wir, wieviel Zeit wir alleine brauchen um die Zeit mit anderen genießen zu können und wo es kippt? können wir das in Zeit ausdrücken? oder in Erlebnisdichte? Geschwindigkeit? oder Abstand?

was passiert, wenn wir in eine Situation geraten, die uns haarscharf an etwas anderes erinnert? hat sich dann etwas wiederholt? oder haben wir nichts gelernt? oder täuscht das Licht?

einerseits bin ich inzwischen Profi in Sachen zerbrechende Freundschaft. ich habe selbst Freundschaften mehr oder weniger gut beendet. bei ein paar bin ich regelrecht weggelaufen. ein paar Mal wurde ich stehen gelassen. bei den meisten bin ich mir sicher, dass sie nicht mehr über mich sprechen würden. bei anderen weiß ich einfach, dass sie zu gerne lästern um es stehen zu lassen. ich kenne beide Seiten, möchte ich meinen. aber ich bin andererseits immer wieder überrascht.

glücklicherweise sind mir in den letzten Jahren primär online Gesprächspartnerinnen flöten gegangen. die sind tatsächlich fast leicht zu ersetzen, wenn der Schmerz mal rum ist. sie waren ohnehin nicht da. ich kannte ihre Stimmen, aber gesehen habe ich sie seltenst bis nie. es beeinträchtigt mein Leben also eher wenig. so wie der Verlust meiner Person ihr Leben wahrscheinlich eher wenig beeinflusst hat. aber es verletzt mich immer wieder wie kurz der Bremsweg inzwischen tatsächlich ist. an sich kann ich das selbst niemandem vorwerfen. ich ziehe auch schnell die Leine, wenn es meine Kapazitäten übersteigt. muss ich! Selbstschutz und so! und die Kinder! hoi hoi! keine Alternative (*sfzt*, ich höre es ja selber). aber andererseits habe ich noch immer die Legende im Ohr, dass Freund*innen einander annehmen wie sie sind. und da nähern wir uns ganz vorsichtig meiner Sehnsucht. meinem großen Minus. und irritierenderweise einem Minus, das ich mit so vielen Menschen teile, dass es mich schon nicht mehr trösten kann, damit nicht alleine zu sein.

hm.

mein Start in dieses Jahr war zum ersten Mal seit langem wieder ein Start mit Zuversicht. also wirklich basaler Zuversicht. ich konnte da was in den Füßen spüren, das war jahrelang nicht da. spannenderweise hat dieses Gefühl es schon jetzt hinauf bis zum Zwerchfell geschafft. da ist was ruhig und stabil. erdig. verbunden. still. in sich. der letzte Treffer der frisch aufgelösten Freundschaft ging glücklicherweise genau dort hin. ein paar Zentimeter höher, ein paar Tage früher, ein etwas größeres Projektil, und es hätte etwas kaputt gemacht. ich spüre den Schmerz der Enttäuschung. Traurigkeit. und ganz viel Wut. aber auch Belanglosigkeit, weil ich etwas verstanden habe.

mir fehlt nichts. selbst wenn jemand geht, fehlt mir nichts. mein Jetzt ist in mir und nicht dort. und für mein Morgen hätte ich mir dieses Du noch ein paar Mal gewünscht, aber wenn es nicht will, dann ändert das nichts am Jetzt oder am Ich. nur an der vagen Idee von Morgen.

mir scheint die Sonne ins Gesicht. die Kinner Airster brummt. ich habe eine kleine 2do-Liste und ich habe Erinnerungen. das, was ich schon verstanden habe, ist die Grundlage für das, was ich noch verstehen werde. ich kann alleine sein, ohne zu leiden. ich kann unter Menschen sein, ohne zu leiden. ich weiß wie. und ich weiß, welche Vorwürfe ich aufrichtig zurückweisen kann. welche Interpretationen ich nicht in Betracht ziehen muss. und wem ich vertrauen möchte, wenn es um ein Urteil über mein Handeln geht. dieser Mensch muss lachen können, Farben erkennen und weich sein. die Freundin, die ging, habe ich sehr gemocht. aber sie konnte nicht, was sie hätte können müssen, um mich mit ihren Worten nachdenklich zu machen. vielleicht hätte sie es irgendwann gekonnt. ich werds nicht erfahren. ich wills nicht erfahren.

Liefs,

Minusch

3 Antworten auf „friendshift

  1. Ich habe einen festen Kreis aus Freundinnen, der sich trotz der Distanz und des immer größeren zeitlichen Abstands nicht aufzulösen vermag. Wir waren mal ganz eng, bis wir 2006 nach der Schulzeit getrennte Wege gingen. Trotzdem sind sie irgendwie da und mir wichtig. Ich bin mit ganz anderen Leuten in dieser Zeit viel enger befreundet gewesen – aber immer nur einen Lebensabschnitt lang – Wenn meine Freundinnen von früher in der Gegend sind, dann haben sie immer Prio und wir sehen uns. Würden sie in Dresden wohnen, vielleicht hätten wir dann auch so ein Verhältnis wie in Friends.^^ So aber sehen wir uns nur selten (manchmal das ganze Jahr nicht) und schreiben noch nicht einmal oft. Dann wieder ist der Kontakt sehr eng.

      1. Wie gesagt, ist es ja auch nicht immer da. Im Grunde ist mein Mann mein festestes Gerüst 🙂 Und auch bei ihm zeigt sich, dass die engsten Freunde noch die aus der Schulzeit sind. Wobei er zusätzlich Glück hat: sein bester Freund hat letztes Jahr seine Schwester geheiratet ❤

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