Tag und Nacht

es ist Dienstag. kurz vor acht. noch sind die Fenster offen, bevor sie die Tageshitze filtern sollen. die Kinder sind wach und spielen Bayblade oben, weil ich um alleine-Zeit gebeten habe. gebeten. das hat gereicht.
Großer: „Mama, hast Du heute nacht auf dem Sofa geschlafen?“
ich (auf dem Sofa mit Bettwäsche und müden Augen):“Hmhm…ja…es war so eng im Bett…“

es war eng. heiß. bedrückend.

hinter uns liegen zwei wunderbare Wochen an der Nordsee mit ganz viel Radfahren und leckerem Essen und Müßiggang und Lachen. wir haben uns recht wenig gestritten und sehr viel geteilt. dann kam eine Woche zuhause mit Faulsein und Badesee und Kinderfreunde einladen. dann zwei Wochen getrennt voneinander. die Kinder wurden vom Vater abgeholt und ich blieb hier, um zu arbeiten.

wir hatten verabredet, dass sie sich melden, wenn sie möchten. ich wollte ihnen Raum lassen, wirklich dort zu sein und nicht ständig an der Ankerkette ziehen. sie sollten die Chance haben, frei dort zu schauen, was ihnen begegnet. wie er ihnen begegnet. wie seine Freundin ihnen begegnet. an der Freundin hing auch meine Hoffnung, sie möge regulierend eingreifen, wenn es haarig wird, denn sie ist auch Pädagogin wie ich.

die zwei Kinder mit diesen zwei Erwachsenen abreisen zu sehen, war brutal schmerzhaft. ich habe danach 2h geweint. es fühlte sich an, als hätte mir jemand mein Leben weggenommen. sie waren einfach fort. in einem kleinen schwarzen Golf. bei einem Menschen, den ich angezeigt hatte und seiner neue Partnerin, die noch gar nicht ahnen kann, zu was er in der Lage ist. zurück in der Wohnung setzte ich mich an das erste Modul der Online-Fortbildung und schloss es nach 5h ab. angesetzt dafür waren 13h. mein Kopf qualmte und ich ging ins Bett.

am nächsten Morgen war ich vom Tageslicht geweckt um 6 wach und ging Joggen. einfach so. ich zog meine Sportsachen an. einfach so. nahm den Schlüssel. einfach so. und ging los. einfach so. 40min leichtes Laufen. Menschen mit verschiedenen Gesichtern. Straßenreinigung. kleine zarte Wolken und ausgeglichene Gänsefamilien, die nicht mal zuckten, wenn ich vorbeihoppelte. bis ich zurück war, war es 7. bis ich geduscht war, war es 7:20…ich las auf Twitter und schaute aus dem Fenster bis 9:30, frühstückte dann im Rahmen des Intervallfastens nach 16h und ging anschließend an Modul zwei der Ausbildung. eine kleine Mittagspause. dann an den Badesee alleine. und abends mit einer lieben Nachbarschaftlerin zum Spiele spielen auf dem großen Platz im Viertel bis uns kalt wurde (oder mir).

klingt das langweilig? für mich war es eine Sensation. alles. mit was für einer Ruhe ich durch diesen Tag gehen konnte. mit was für einer Freiheit ich abends nochmal das Haus verließ. mit was für einer Konzentration ich gelernt habe. alles war so einfach. einfach alles war einfach einfach.

und es blieb einfach. zwei Wochen lang.

ich hatte mir mal Sorgen gemacht, dass ich mich so daran gewöhne, für Kinder zu sorgen, dass ich, wenn die Sorge wegfällt, völlig in ein Loch falle. wie oft habe ich mich gefragt, ob diese Dauer-Erschöpfung nicht doch ein Depression-Symptom ist. ich war in dieser Frage wirklich unsicher!

aber in diesen zwei Wochen war ich einfach bei mir. ich habe mich sogar drei Tage mit Online-Dating auseinander gesetzt (und es wieder beendet, weil es viel zu Zeit-intensiv ist und im Alltag gar nicht weitergeführt werden kann). ich habe mich spontan entschieden, bin Menschen begegnet. Himmel, wievielen Menschen ich begegnen kann, wenn ich unabhängig bin! „klar komme ich noch mit! Danke für die Einladung!“.

alleine am Badesee zu sein ist wunderbar! nach dem Schwimmen auf dem Handtuch sitzen und Musik auf den Ohren. verdammt, das tut unfassbar gut! ich habe ein wenig vor mich hin geyogat und Menschen zugeschaut und bin wieder zurück gefahren, als es gereicht hat. ich habe mich gespürt. ich habe gegessen, wenn ich Hunger hatte und ansonsten nicht daran gedacht. ich bin mit dem Fahrrad rumgefahren, wenn es mir in der Wohnung zu eng wurde. ich bin ins Bett gegangen, wenn ich müde war. und die Wohnung war die ganze Woche so ordentlich, dass mein Putztag ganz kurz wurde.

ich habe ein paar Folgen auf Netflix gesehen. den Tatort (uährgs). habe die Sterne beobachtet. getanzt. die Fortbildung auch insgesamt in der Hälfte der Zeit abgeschlossen. ich habe so viel Freude empfunden…Blumen gießen, Kissen aufschütteln, keine herum liegende Wäsche. überhaupt total wenig Wäsche! eben nicht ständig ein Wäscheständer im Wohnzimmer und eben nicht jeden Morgen die Spülmaschine ausräumen.

wenn ich nicht belastet bin, bin ich gesund. was für eine Erkenntnis! was für eine Grundlage!

…ich habe mit den Kindern telefoniert. ich habe auch mit dem Vater telefonieren müssen, weil er der Ansicht war, es sei nicht gut, wenn die Kinder mich nach ihrem Bedarf anrufen. und mich stören. (hah! stören. beim entspannt sein?) ich habe per Telefon eine unfassbar gute Intervention hingelegt, damit Vater und Söhne sich da nicht hineinkrampfen in einem unnötigen Konflikt. damit der Große sich sicher fühlt und Selbstwirksamkeit per proxy erfährt, wenn es direkt nicht geht in dem Punkt. ach, es war so einfach…

die zwei sind vorgestern zurückgekommen. müde sahen sie aus. von der Hitze, dachte ich. als wir zuhause waren, wollten sie allein im Kinderzimmer sein ohne mich. die Gegenreaktion zu zwei Wochen ohne Rückzugsraum, dachte ich. zocken! lange zocken! naja, ist ja auch heiß, vielleicht ist das gar nicht so doof, dachte ich. nein, nicht mehr an den Badesee; lieber Freunde einladen. und ich meinte darin die Sehnsucht nach den Freunden zu erkennen und die Freunde kamen und es war Lachen und Leichtigkeit und Lust auf Melone aus dem Kühlschrank.

…und als die Freunde weg waren und die Bäuche voller Pancake-Pofferjes („Mama, wir haben uns so sehr Pancakes gewünscht aber der Papa wollte das nicht machen“) kamen die Geschichten. und Tränen. zwei Kinder, die überfordert waren mit dem Paradigmenwechsel zwischen „ich sehe Dich“ und „ich bestimme über Dich“. zwischen „was brauchst Du gerade?“ und „nein“. viele kleine Geschichten aneinandergereiht zu einer Kette, die nicht absehbar war. alles festgelegt. keine Freiräume. Struktur. Regeln. getakteten Hygieneregeln. eine Dusche, die von innen nicht aufging. ein Versteckspiel-Verbot. ein Tag zwischen 8 und 20:00 Uhr und darüber hinaus Einsamkeit. ein einziges Foto mit dem einen Kind und keines vom anderen.

es könnte Struktur gewesen sein. eine harsche Struktur für einen anstrengenden Alltag. es könnte Minimalismus sein und eine hohe ästhetische Erwartung. es könnte ein Missverständnis gewesen sein. es könnte auch eine moderne Interpretation des gehobenen Bildungsbürgertums sein. oder eine konservative Haltung.

…oder es war eine Machtdemonstration. es war ein Kontrollbedürfnis.

für zwei Menschen war es verletzend. ohnmächtig. enttäuschend. bedrückend. abweisend. lieblos. achtlos. defizitär. überfordernd. schmerzhaft. diese zwei Menschen sind minderjährig.

habt ihr das den beiden Großen sagen können, das, was ihr mir gerade gesagt habt?
– nein, Mama. das ging nicht. wir wussten nicht wie.
wie hab ihr euch gefühlt?
– als wären wir unsichtbar.
oh Mensch, das klingt nicht gut. gab es Streit?
– nein, gab es nicht. sogar weniger als hier. wir haben uns nicht gestritten.
oh, gut!
– wir haben uns nicht gestritten, weil wir sonst nicht zocken durften und es gab ja nichts anderes zum spielen und wir durften ja nicht raus.

…hier gibt es gerade viel Streit. so viele Schmerzen. immer wieder Tränen und ein einkuscheln in meinen Armen. sobald ich mich entferne, tut einer dem anderen weh mit einer Entschiedenheit, die ins Herz schneidet. der ohne Foto beim Vater hält nicht aus, dass der andere ein Bild von sich dort gefunden hat. der mit dem Bild wagt es kaum, sich zu wehren.

warum bin ich müde im Alltag? warum so erschöpft? warum falle ich mit den Kindern ins Bett? warum entscheide ich ganz vorsichtig, wann ich die beiden alleine lassen kann? warum entscheide ich nicht viel öfter für mich, wenn mir doch so vieles im Alltag fehlt? warum zieh ich das nicht einfach durch? warum schränke ich mich so ein?

ich weiß, warum. ihr auch?

Liefs,

Minusch

4 Antworten auf „Tag und Nacht

  1. Wow!
    Ich kommentiere so gut wie nie, aber jetzt juckt es mich in den Fingern.

    Fühle Dich virtuell gefeiert, gelobt und auf Händen getragen! Sei so wie Du bist und sieh sie wie sie sind. 🤗

    Gruß,
    Judith

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