raten

der Sommer ist sozusagen vorbei. die Ventilatoren wanden in den Keller. die langen Hosen der Kinder werden auf Größe getestet. die Fenster werden abends nicht mehr sperrangelweit aufgerissen. und auch sonst erinnert der Alltag mehr an Zeitdruck und Versagen als an Freiheit und Erfüllung.

und mich begleiten Erinnerungen, die zusätzlich zu all dem, was oben drauf kommt, oben drauf kommen.

im Sommer hatte ich zwei Wochen für mich alleine. ich habe in der Zeit gearbeitet, aber ich konnte alles zeitlich so einteilen, wie es für mich passte. ich hatte das seltsame Glück, nicht zu wissen, dass den beiden Kindern in ihrem Feriendomizil gar nicht so gut ging, wie sie sagten, sonst wäre ich um einige Erkenntnisse ärmer. so bin ich um einen zeitlichen Puffer ärmer, aber geschenkt. ich schaue zurück.

in den zwei Wochen, die sich wie ein wunderschöner Teppich mit schmerzhaften Vermissungsfransen vor mir ausgebreitet hatten, habe ich so viele Menschen getroffen, wie sonst nie. ich war alle zwei Tage morgens 30min laufen und habe im Anschluss daran Yoga gemacht. ich habe immer erst um 9:30 gefrühstückt, dann mit der Arbeit begonnen, diese um 13:00 für einen kleinen Snack unterbrochen und dann erst abends wieder etwas gegessen. ich war etwas alle zwei Tage versetzt zum Laufen Schwimmen. ich lebte einen Ratgeber! und es ging mir blendend!!! Blendend! Ich habe wunderbar geschlafen, ich brauchte nur sehr wenig Geld. ich war ausgeglichen, spürte meinen Körper, war spontan, erledigte, was zu erledigen war und fühlte mich gut. so gut. ich hatte Zeit für Gefühle und deren Verarbeitung. Zeit für Gedanken. Zeit zum lesen. Zeit zum zeichnen. Zeit zum leicht sein. ich konnte alles spüren, was in meinem Körper passierte. ich fühlte mich so zuversichtlich und mutig…

Vergangenheitsform

als meine Kinder zurückkamen, freute ich mich über alle Maßen und war wild entschlossen, dieses Wissen um meine eigene Gesundheit beizubehalten und so gelassen zu bleiben. Nach inzwischen 4 Wochen fühle ich mich erschöpft, müde, blaß und getrieben. Ich habe fast eine Frist versäumt, mich quälen Zweifel wegen der Ausbildung zur Yogalehrerin (bin ich egoistisch? übersteigt das meine Möglichkeiten? überfordert es meine Kinder? ist es ein vor-etwas-weglaufen?…), die Tage verstreichen viel zu schnell und diese permanente Unordnung macht mich fertig. Mein Kopf ist unentwegt mit Planen und Erinnern und Erledigen beschäftigt. Muße findet keinen Raum, keine Zeit. Ich notiere auf unserem Kalender unsere Kontakte, just in case, führe meine Einkaufsliste, notiere meine Arbeitszeiten, erinnere morgens an Brotdosen/Wasserflaschen/Handtücher/Masken/Zähne putzen/Schlüssel einpacken, informiere die Schule über Veränderungen, informiere die Betreuung über Veränderungen, checke die Postmappen/Schuljahresplaner, besorge innerhalb kürzester Zeit Kleingeld/Mappen/Fotos…

…und ich beneide die Kinderlosen. nicht aus Lieblosigkeit meinen Kindern gegenüber, sondern aus Verzweiflung. die Kinderlosen verabreden sich einfach zum ausgehen, machen Sport und probieren neue Sportarten aus, machen Arzttermine zur Abklärung (ich kriege nicht mal die Routine-Termine hin), gehen in AGs und recherchieren interessante Fortbildungen. sie kochen gesund vor oder gehen oft essen haben einen aktiven Freundeskreis. Mir fällt oft erst wenn ich jemanden treffe auf, dass ich die Person echt gern habe und gern öfter sehen würde.

mir geht es in sehr vielen Punkten gut. offensichtlich bin ich seelisch gesund, sonst hätten die zwei Wochen nicht zu einem solchen Wohlbefinden geführt sondern zu einem Absturz. und ich bewältige dieses Leben als arbeitende Mama. ich habe eine Wohnung in einem sehr belebten schönen Viertel mit Schule um die Ecke. meine Kinder können Gefühle mitteilen und wachsen stetig. ich bekomme finanzielle Unterstützung als Alleinerziehende mit Teilzeitstelle. aber der Preis ist nicht von der Hand zu weisen…bis meine Kinder im Auszugsalter sind, bin ich 50 Jahre alt. ich war Mitte 30, als ich Mutter vom Großen wurde und Ende 30, als der Vater der beiden auszog. ich kann seit Mitte 30 nicht mehr voll arbeiten. Nicht mehr so Sport treiben, wie es gut wäre. nicht mehr so auf meine Gesundheit achten, wie ich gern würde. ja, die zwei Jungs wachsen und es wird von Jahr zu Jahr leichter. Die zwei sind gern selbständig und sie probieren sich aus und fordern an verschiedenen Stellen Freiräume ein. aber für die Stabilität dieser Freiräume braucht es Übung. Wiederholung. eine klare Struktur. und bis dahin ist sie zerbrechlich. ich kann also jederzeit in die Pflicht genommen werden, muss jederzeit unterbrechen können, was ich tue…

eine Handlung fertig führen zu können, ist mir so wertvoll geworden. etwas abschließen. nicht immer wie ein aufgescheuchtes Karnickel im Zickzack rennen von Task zu Task. sondern ruhig gehen. das übe ich. Handlungen abschließen. andere dafür warten lassen. es ist so viel schwieriger, als ich dachte.

ich sah mich früher immer als eins von zweien, die abends auf dem Sofa sitzen und einen Tee/Wein/Whiskey trinken. leise Musik, zartes Licht, ein gekipptes Fenster mit den Geräuschen der abends noch am Haus Vorbeilaufenden. müde Blicke. die Füße hochgelegt. zufrieden mit dem Tag. vielleicht surrt die Spülmaschine. vielleicht weicht noch ein Topf in der Küche ein. nicken. vertraut sein. einander stützen. in den nächsten Tag hineingleiten ohne diese tägliche Rutschpartie zwischen aufstehen und Tür abschließen.
„bringst Du am Wochenende die Kindersachen zur Freundin, bitte? Ich bin so müde…“
-„ist gut…dann musst Du aber das Bad in der Zeit putzen. beides schaffe ich nicht“
„ok, kriege ich hin.“
-„naja und wenn nicht, finden wir ne andere Lösung…wird schon“
„wird schon“

die Müdigkeit macht mich traurig. und ich weiß nicht, wie ich sie loswerden kann. das ist mein Preis dafür, Mutterliebe erfahren zu dürfen. das Gegengewicht ist schwer genug. sicher. ich fühle mich nur nach wie vor zu wenig dafür.

Liefs,

Minusch

Eine Antwort auf „raten

  1. Ich bin so bei Dir! Ganz vieles von dem, was Du beschreibst, ist mir so wohlvertraut, auch die Gefühle dazu, die Gedanken darüber. Wir sind Alleinerziehend und doch nicht allein, weil andere in einer ganz ähnlichen Situation sind. Und dann doch wieder allein mit allem, was es zu bewältigen gilt und was viel zu viel ist für einen allein.

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