was

guten Morgen, mein Knopf.

2020. der 7.10.2020. Deine Brüder haben nach Deinem Grab gefragt. ich weiß schon lange nicht mehr den Weg dorthin. die Steine, die ich für die Erinnerung an Dich aufhebe, lege ich auf den Bilderrahmen. Rotes sortiert mein Herz Dir zu. und wenn der Wind es zulässt, setzen sich ein paar meiner Gedanken auf die Äste meiner Erinnerungen an Dich.

mein Erinnern hat sich sehr verändert. ich stelle mir vor, es liegt daran, dass Du heute 17 geworden wärst. als 17 jähriger wärst Du auch mehr unterwegs und selbständiger als Deine beiden Brüder. an den Schulen kann ich sehen, wie groß 17-jährige sind. das ist ganz schön beeindruckend.

wer Du wohl geworden wärst?

mich macht heute traurig, dass ich nicht Dein Lieblingsessen kochen kann, weil ich es nicht kenne. Du warst zu klein. der einzige geschmackliche Unterschied waren Milch, Karottenbrei und Medikamente.

dieses Jahr ist der Blumenstrauß für Dich kleiner. das liegt daran, dass ich so aus dem Häuschen war, Tagetes gefunden zu haben, dass darüber meine anderen Gedanken Pause gemacht haben. die Frau im Blumenladen hat einen sehr kleinen schönen Strauß für Dich gebunden. Tagetes, Wildrosen und dieses geisterhafte Kraut. es ist gut, auch in klein. auf dem Tisch steht ein kleiner Kuchen daneben. und die Abschiedspflanze, die ich von meiner Klasse bekommen habe. und eine rote Kerze.

es sind so seltsame Zeiten. so viele Regeln scheinen aufgehoben zu sein. so vieles, was mal vielen Menschen Sicherheit gab, ist fort. ich würde so gern mit Dir darüber reden. ich wüsste gern, wie Du das siehst. ob Du Fehltage für Fridays 4 Future auf dem Zeugnis hättest. ob Du Abitur machen wollen würdest. ob Du Dich fragst, wo Dein Vater ist. ob Du Dich verliebst. ich wüsste gern, was für eine Mama ich für Dich gewesen wäre. und wie Du Deine kleinen Brüder findest. ob Du abends mit mir auf dem Sofa ein Glas Sonnenuntergangswein getrunken und mit mir aus dem Fenster in die grüßenden Äste der Glyzinie geschaut hättest.

ich trage nicht mehr schwer an meiner Erinnerung an Dich. es gibt Tage, da bedauere ich genau das, weil es so angemessen wäre, für Dich Trauer zu tragen. aber Du spürst vielleicht irgendwie, dass der Herbst und der Winter Dir gehören. dass sich Deine Farbe immer an besonderen Orten findet. und dass ich innehalte, wenn ich ihr begegne.

geliebtes, fernes Kind, heute ist Dein Geburtstag. wir denken an Dich und schmücken den Tisch und senden Dir unsere ewige Liebe.

Deine Mama und Deine beiden Brüder.

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