„unmöglich“

zwei Kindergeburtstage aus dem Frühjahr in den Herbstferien nachholen. nicht meine beste Idee, aber der Not geschuldet. den Jungs war es wichtig. sie waren seit den Sommerferien auf Geburtstagen eingeladen gewesen und hatten ein Bedürfnis, ihren Ehrentag noch zu teilen. und ich hätte auch am liebsten dafür direkt nach den Sommerferien ein riesiges Picknick draußen gemacht. aber ich habe August/September doppelt so viel arbeiten müssen wie normal und es war von meinen Energiereserven permanent auf der Kippe.

also Herbstferien. alle einzuladenden Kinder unter einen Hut bekommen. Corona-Risiken mit den Eltern besprechen. Partywünsche. Geschenkewünsche. I know what I did this fall. wir wollten raus. eine Rätseljagd für den einen und Quidditch im Park für den anderen.

aber: beide Geburtstag fielen auf Tage, an denen es nur regnete.

und: bei aller Liebe für richtige Kleidung bei miesem Wetter: ohne Backup zuhause, kann ich nicht 6-8 Grundschulkinder im Regen bei Laune halten, wenn alles schief geht.

also blieben wir, nach kurzer Absprache mit den Eltern, hier in der Wohnung. bei gekippten Fenstern. beide Male.

warum schreibe ich das hier auf? weil etwas anders war als sonst. beide Male. alle Kinder kennen mich und meine beiden Söhne. nur einer der 3.-Klässler von der Party des Großen war noch nie hier. also gab es bei allen ähnliche Parameter. aber: beide Male erlebte ich hier gnadenlos trudelnde Kompasse, denen scheinbar noch niemand gezeigt hat, wo Norden ist.

ich weiß (!), dass diese Kinder im Unterricht aufmerksam sind. dass sie rücksichtsvoll entscheiden und in Gruppen nicht mit Überforderung kämpfen. mit jedem einzelnen der Gäste kann ich ein Gespräch führen, bei dem wir uns miteinander vertrauensvoll verständigen. bei den Parties sind aber alle miteinander ausgeflippt. es war unglaublich laut. wild. körperlich. als hätte ich alle auf einmal herausgefordert.

durch meinen Job bewege ich mich ja den ganzen Tag in Gruppen von Kindern und/oder Jugendlichen. in den großen Pausen machen alle dasselbe: Dampf ablassen. die einen erzählen Witze, es wird unfassbar viel und laut geredet, viele rennen, manche gehen, niemand sitzt. Bewegung, Bewegung, Bewegung, eben wie es zu einem selber passt. genau diese Stimmung hatte ich hier auch. nur: vorher war ja kein Unterricht. keine Spannung. kein „Du musst Dich jetzt anpassen“…oder doch?

mir fiel der Groschen, als meine Mutter, die mir unterstützend mit dem Abendessen ausgeholfen hatte, kam und schockiert war. Sie habe die Kinder bis auf die Straße gehört (naja, ich hab ja auch Fenster gekippt). ich bestätigte, dass sie laut seien. diese Kinder seien unmöglich, war ihre Meinung, und in mir zündete die Rebellion den Funken: „nein, sie sind nicht unmöglich. sie sind laut. und sie haben dafür einen guten Grund.“

zwei Parties in zwei Wochen und beide Male erlebte ich dasselbe.

alle Kinder waren immer ansprechbar für mich. es ist beide Male nicht gekippt! die Gruppen blieben beweglich und haben verschiedene Spiele ausprobiert. einzelne Kinder konnten sich zurückziehen (also in der Küche hatte ich eine Klappmatratze als Absperrung und dahinter war quasi X, da konnte sich jeder ausruhen) und wieder ins Spiel zurückkehren, ohne Konsequenzen für den weiteren Verlauf. wenn einer laut „aufhören“ schrie, gab es kein ausstoßen oder sich drüber lustig machen. dann gab es ein kurzes Gespräch und der Krach ging weiter.

diese beiden Parties waren Ventile.

das, was Familien und Schulen aktuell beschreiben, ist eine erhöhte Erschöpfung. der Alltag läuft, es werden Arbeiten geschrieben, die Schule beginnt früh morgens und jede Schule hat ihre eigene Hygiene-Choreographie mit Laufwegen, Maskenpflicht, offenen Fenstern und vor allem einem gemischten Kollegium, bei dem die einen entspannt unterrichten können und die anderen Tag für Tag Angst aushalten müssen. die Schüler:innen stellen sich wie immer auf ihr Gegenüber ein und kriegen eben auch Gefühle übertragen. zusätzlich zu all dem, spüren sie bei jeder/jedem Erwachsenen eine andere Spannung.

öffentliche Verkehrsmittel, Mittagspause bei Burger King, Referate über Holzblasinstrumente aber niemand darf Flöte spielen, obwohl das so cool wäre. im Sportunterricht weiß dann niemand mehr, wann es wirklich vertretbar ist, die Maske abzusetzen, selbst wenn der Lehrer es erlaubt.

dass unsere Kinder das mittragen, liegt an uns Großen. an unseren Beziehungen zu ihnen. an unserer Kommunikation. aber es ist immens wichtig, ihre Erschöpfung zu sehen. zu beantworten.

viele Erwachsene haben den Zugang zu eigenen Körperlichkeit irgendwann im Büro zwischen 9 und 17:00 Uhr verloren. das wirkliche Bedürfnis, rennen zu müssen, kann auf der Strecke bleiben, vor allem, wenn der Körper mehr wiegt (dann macht Rennen einfach echt gar keinen Spaß). Kinder spüren das noch. und es ist wichtig. und aktuell kann es kaum abgefangen werden. die Schwimmbäder sind mancherorts einfach geschlossen. für die Boulderhallen werden jetzt eigene Schuhe gebraucht, weil das Ausleihen nicht Hygiene-ok gestaltet werden kann, und kein Mensch kauft diese teuren Schuhe für Kinder, die ständig wachsen. Sportvereine sind eingeschränkt. und jetzt im Herbst können Kinder nur noch an sonnigen Tagen in den Bäumen klettern, wenn sie denn einen finden. die Spielplätze sind zwar offen, aber ab 2. Klasse einfach nicht mehr attraktiv als Bewegungsangebot. bleibt nur Fahrrad fahren oder mit den Großen Jungs um die Basketballkörbe streiten. so oder so ist es schwer geworden, die Bewegungslust zu kanalisieren. laut zu sein. von ganzem Herzen zu schreien und zu lachen, weil das Spiel nunmal gerade verlangt, dass ich ein aggressives Monster bin, das die anderen jagen muss.

das bedeutet für uns Große, dass wir helfen müssen, damit umzugehen.

für viele mag das, was ich schreibe, selbstverständlich sein. aber sicherlich gibt es auch eine Menge Menschen, die einfach zu müde sind, um Krach zu ertragen. oder die die sozialen Konsequenzen im Miethaus fürchten, wenn ihre Kinder und deren Besucher:innen mal eben im Wohnzimmer hüpfen müssen. wichtig ist mir, auch bei Kindern einen guten Grund anzunehmen und nicht zu verurteilen, bevor nicht wirklich klar ist, dass da Mist gebaut wurde. sich laut und lachend durch eine Wohnung zu bewegen und dabei nicht ständig etwas umzuwerfen, ist gar nicht so leicht (ein Glück sind hier die alle noch klein). das ist ein Balanceakt. unsere Kinder haben Gründe für ihr Verhalten. und über die können wir mit ihnen sprechen. oder sie ihnen „vorstrecken“ und sie einfach mal machen lassen. weil wir ihnen vertrauen und weil Freiraum in Zeiten der Enge ein kostbares Geschenk ist.

in meiner Küche hängt eine Karte, auf der steht „Wuwei“. dahinter steht die Übersetzung aus dem Chinesischen: „zur rechten Zeit nichts tun“. das hat mir gestern geholfen. nichts tun. geschehen lassen. vertrauen. und ich wurde belohnt. am Ende wurde ich gebeten, noch einmal mit den drei lautesten Jungs Cluedo zu spielen, wir futterten dabei Bertie Botts Bohnen. zwei saßen auf dem Sofa und spielten mit Kuscheltieren. nichts ging kaputt. niemand wurde verletzt. ich habe mit niemandem geschimpft. ich habe begleitet. zugelassen. verstanden. und letzendes wieder etwas gelernt.

liefs,

Minusch

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