verzeiten

die blaue Stunde beginnt

ich bin seit einer Stunde wach, google gebrauchte Schachfiguren und überlege, vom Sofa aufzustehen um den Wunschzettel der Kinder zu holen. die beiden hätten gern eine Switch. der teuerste Wunsch seit sie Wunschlisten schreiben. na, ich kriege das hin, denke ich.

vor uns liegt die schönste Zeit des Jahres. meine Zuhausezeit. Advent. viele kleine Lichter. dunkles Tannengrün. und die letzten Jahre konnte ich sogar Kraft daraus ziehen, dass ich mich dem Konsumterror verweigere. die Adventszeit verbindet mich wie nichts anderes mit Zukunft und Vergangenheit. vielleicht weil jeder einzelne Tag sein eigenes Universum hat und auf dem Weg bis Heiligabend so viele wunderbare Etappen liegen. wunderbare Zuhause-Etappen. nicht die Firmen-Weihnachtsfeier oder das Klassenfest. kleine Besonderheiten.

nur: ich bin so kraftlos. dieses Jahr, das in meinem persönlichen Plan ein ganz langweiliges hätte werden sollen, hatte abgesehen von Corona schon in sich, dass ich nun weiß, dass hier im Haus gegen mich gearbeitet wird. dass ich nun weiß, dass der Vater meiner Kinder unter Liebe zu seinen Kindern etwas gänzlich anderes versteht als ich. zwei harte Brocken. und Corona zieht sich wie ein übertrieben eingefärbter Guß über alles und verhindert so effektiv, mich zu bewegen.

gestern Abend hatte ich erhöhte Temperatur. etwas, was mich sonst dazu bringt, mich einfach aufs Sofa zu legen, sorgt nun für ein schlechtes Gewissen: muss ich die Kinder nach hause holen? sofort? muss ich jemanden informieren? sofort? bin ich ein schlechter Mensch, wenn ich nur drüber nachdenke und nicht handle? oder bin ich ein panischer Mensch, wenn ich eine Messung verwende und damit andere Menschen verrückt mache?

nach 2h war meine Körpertemperatur wieder normal. erschöpft bin ich wahrscheinlich von der Arbeit und den Extra-Terminen diese Woche. aber wie genau kann ich das in diesen Zeiten schon wissen? was, wenn es gar nicht soooo viel war und ich doch die ersten Anzeichen nicht erkenne?

ich habe gelesen, dass es Menschen gibt, die mit der Pandemie ganz gut klarkommen, weil sie sich vernetzen und Möglichkeiten suchen. andererseits seien wir in einer gesamtgesellschaftlichen Trauer und nun in Phase 4. viele Menschen haben existenzielle Ängste und eine Kollegin versteht nicht, wie wir als Familie von meinem Gehalt leben können. wir sollen sofort zuhause bleiben, wenn es uns nicht gut geht, aber hätte ich das Donnerstag gemacht, wäre der Termin mit dem Jugendamt geplatzt und hätte ich es Freitag gemacht, hätte ich direkt eine Krankschreibung gebraucht und Montag liegt der Zahnarzttermin, den ich schon 5 Mal in diesem Jahr wegen Corona verschieben musste.

der Klimawandel braucht übrigens Aufmerksamkeit und ich muss dringend meinen Konsum weiter bedenken. immerhin kaufe ich noch immer beim Discounter ein. wären mir meine Kinder und der Planet mehr wert, hätte ich Genossenschaftsanteile bei einem Bauernhof und würde einfach jede Woche kochen, was in der Kiste liegt. stattdessen habe ich diese komischen Käserollen gekauft, weil meine Kinder sie mögen. die zwei lieben Überraschungen in der Brotbox, ich erinnere mich an meine Freude, wenn ich mal was in der Brotlos hatte. aber: in der Klasse des Großen sind Süßigkeiten nicht erwünscht und deswegen muss ich mir Gedanken machen. Käserollen. vor zwei Wochen konnte ich noch Kuchen mitgeben.

Gedanken machen. eher ist es so, dass mir Gedanken gemacht werden und ich Mühe habe, sie abzuweisen. „wer gegen die Schulschließung ist, liebt seine Kinder nicht wirklich.“ Wumms. wieder ein Gedanke. „wer für die Schulschließung ist, kann nur ein privilegierter Dummbatz sein.“ well.

ich habe mich in Gruppen ja sowieso immer schnell unwohl gefühlt, aber langsam wird es unerträglich, größere Gruppen auszuhalten. „die Lehrerinnen, die sich jetzt schon krank melden, haben ihren Job nicht ganz verstanden.“ „Lehrer:innen und Schüler:innen sollten streiken.“ „der Lockdown schadet der Wirtschaft.“ „der Lockdown rettet die Gesellschaft.“ „wir impfen zuerst die Alten und Risikopatient:innen und die Ärzte:innen und Pflegefachkräfte, alles andere wäre Verrat an diesen Gruppen.“ „wir impfen zuerst die jungen Leute, weil deren Verhalten das Virus am meisten verbreitet und wir so den schnellsten Effekt haben.“

ich bin froh, dass ich den Hauch einer Alltagsroutine habe und beruflich nicht abgekackt bin vor Angst. mein Gehalt steht bisher außer Frage und weil es so wenig ist, befürchte ich auch nicht, dass sich da schnell was ändert. ich kann mich in der Schule selbst positionieren. die MNS-Maske hatte ich schon im Frühjahr in allen Gebäuden auf. und ich esse in den Pausen auch so ganz gern allein. bin ich egoistisch, wenn ich diese Einschränkungen nicht so schlimm finde?

die Papiersterne hängen in den Fenstern zur Straße. ein Weihnachtsgeschenk ist fertig. im Haus duftete es schon nach Plätzchen. nicht nach unseren, aber auch fremde Plätzchen tragen Zauber. draußen haben sich in den Alltag wieder Fetzen von Stille gemischt. die Kneipen sind zu. das Leben auf der Straße verändert sich. ich habe einen windschiefen Schal gehäkelt und stelle mir vor, dass jeder Fehler und jede Beule sichtbar macht, wann ich während des Häkelns angesprochen wurde. als Mama bin ich von der Zeit getrieben. meine Pausen schmiegen sich in die kinderlosen Zeiten und enden mit dem Einsetzen kindlicher Bedürftigkeit, mit Arztterminen, Anschaffungen, Ersatz, Lebensmitteln.

manchmal komme ich in die Nähe einer anderen Familie und bin erstaunt, wie fest dort alles zu sein scheint. so wie Silikonfugen in der Küche. erstaunlich. Sichtbeton. oder passend geschreinerte Möbelstücke. massive Holzmöbel. und eine klar durchdachte Wand für die Bildergeschenke der minderjährigen Mitbewohner:innen. wie sich das wohl anfühlt? ein passend geschreinertes Möbel, das keine Nischen entstehen lässt, in denen sich Kleinigkeiten sammeln. und ob das etwas aussagt? zum Beispiels, dass die Familie praktisch ist? oder einen Sinn für Ästhetik hat? oder dass ein Mensch in der Familie weiß, wie so etwas gebaut wird? oder dass da im Hintergrund ein Kredit abläuft? hatte da jemand einen Plan? einen Plan und eine Möglichkeit? oder hat sich jemand durchgesetzt? hat jemand etwas dafür riskiert? oder hat es sich ergeben? wieviel Streit gab es deswegen? was ist der emotionale Wert dieser Festigkeit? dieser materiellen Vision?

von unserem Zuhause habe ich das Bild eines Flusses, der mal mehr und mal weniger Wasser hat. egal wieviel Wasser, es schwappt immer irgendwo hoch. an ein paar Stellen buchstäblich immer. an manchen Stellen seltener. Bücherstapel schwappen. Spiele schwappen. Stifte und Papier. Kerzenständer. manche Möbel. Legobauten. Kuscheltiere. mein Arbeitslaptop schwappt jetzt auch mit. Gläser, die schwappen am besten zwischen Spülmaschine, Geschirrschrank und allen möglichen Abstellflächen. gerade ist ein Kind vom Bett oben runter zu mir aufs Sofa geschwappt. und von draußen schwappt das Morgenlicht herein. ich wüsste wirklich gern, wie die anderen Wohnungen ihre emotionalen und materiellen Deiche ausrüsten. ich räume einmal die Woche Treibgut weg und finde das zu wenig, weil es meine Lieblings-Stellflächen verstopft/verdeckt.

ich habe eigene Gedanken. Gedanken, die mir gut tun. sie sind mit der Zeit scheu geworden. je älter ich werde, desto mehr Zeit brauche ich, um ihnen Raum zu geben. ich bin so sehr daran gewöhnt, Auftragsgedanken zu bearbeiten, dass es mir leichter fällt, alles für Fremdes liegen zu lassen, als Fremdes für alles. also: alles, was mir wichtig ist. ich werde immer wieder von außen davon abgehalten, meinen Gedanken zu folgen. und damit meine ich nicht mal meine Kinder sondern diese Welt, deren Nutznießerin ich bin und der ich deswegen verpflichtet zu sein scheine. früher reichte es noch, wählen zu gehen. heute muss ich wählen, bewusst konsumieren, inhabergeführte Geschäfte unterstützen und Sport an der frischen Luft machen. überhaupt: ich muss gesund bleiben. Krankheit macht einen Menschen zur persona non grata, sowohl bei Arbeitgebern als auch in Geschäften oder sogar Arztpraxen. wer krank ist, versagt beim gesund sein. und wenn ich Di, Mi oder Do krank werde, kann ich mich 1-2 Tage so krank melden. wenn ich Fr oder Mo krank werde, brauche ich eine Krankschreibung, weil ich es mir sonst zu einfach machen würde.

zu viele Gedanken. zu viel Kontrolle von außen. und ohne idealistischen Überbau wäre mir die Idee des Aussteigens auch sehr willkommen. es gab schon immer Familien in Holzhütten irgendwo im Wald. Hexenhäuser. Höhlenbauten. nie war diese Distanz zu anderen Menschen so attraktiv für mich wie dieses Jahr. Stille in dieser Universalresonanz. was, wenn ich Probleme habe, zu mir zu finden, weil sich mir so viele Menschen in den Weg stellen? die müssen nicht mal alle toxisch unterwegs sein. sie können es total gut meinen und in mir etwas ganz Wunderbares erkennen. und doch…

ich mag die Corona-Stille. dann kann ich für einen Moment so tun, als wäre unser Zuhause tatsächlich eine kleine Hütte im Nirgendwo. mit anderen verbunden nur durch künstliche Mycelverbindungen. dort kann ich senden und muss nicht sofort reagieren, wenn ich einen Signalton bekomme. ich kann auf die richtige Wolke warten. auf das richtige Licht. auf Hunger. oder Sehnsucht.

dort kann ich müde sein, wenn ich müde bin. Angst haben, wenn ich Angst habe und keine Sekunde früher. und manchmal finden meine Gedanken heraus aus dem Treibgut meiner Alltagsgedanken.

Liefs,

Minusch

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