hello defensive my old friend

gestern habe ein geweint. und heute ist da noch immer kein Regenschirm. warum weine ich, wenn mir eine Therapeutin sagt, ich soll mehr Zeit mit meinen Kindern alleine verbringen? ich hätte einfach sagen können: „Guter Witz! ich hab ja selbst nur Zeit mit mir, wenn es mir richtig dreckig geht, ich affig früh aufstehe oder zufällig bei meinem Betreuten Schulstunden ausfallen. und in diese Zeit packe ich übrigens alles, was ich sonst nicht packe. also, Danke nein.“

neben mir saß mein Sohn, wegen dem wir dort waren. er hat gesehen, was in unserer Familie von vor 5 Jahren normal war. er hat gesehen, wie sein Vater mich behandelt hat. er hat die Beschimpfungen gehört. er hat mich weinen gehört. Nacht um Nacht. daher bin ich mir sicher, dass in ihm etwas tobt, was Aufmerksamkeit braucht. und weil ich dafür nur rahmentechnisch die richtige bin und ich weil ich nicht mit einer unglücklichen Frage eine Retraumatisierung anschieben mag, nicke ich ihm zu und sage: „ich weiß, dass Du traurige Erinnerungen hast und ich verstehe gut, dass die Dich quälen und gleichzeitig wütend und traurig machen. und dass ich Teil dieser Erinnerungen bin und somit vielleicht gar nicht hilfreich beim ordnen. aber wir finden zusammen jemanden, der/die zuhört, was Du zu sagen hast und der/die Dir hilft, Dein Herz wieder zu beruhigen.“

deswegen haben wir auf diesen Termin gewartet. deswegen waren wir dort. aber die stärkste Schraube zur Problemlösung ist nicht das Gespräch über den abwesenden Vater, den der Junge mehr und mehr im eigenen Gesicht erkennt. die stärkste Schraube bin ich. ist das nicht herrlich einfach? ich. schon wieder.

von der Therapeutin kam der erkennende Satz „Ihnen nimmt niemand etwas ab“. in dem Moment dachte ich, dass sie wissen muss, wie beengt meine Ressourcen sind, selbst wenn ich im Elternfragebogen angebe, mit dem Geld und der knappen Wohnung gut klar zu kommen. wie müde ich bin. und wieviel Kraft der Alltag kostet so ganz ohne Backup, Vertretung, Zuspruch und Umarmungen. aber es scheint nach wie vor ein Schleier über der Lebenswirklichkeit durch häusliche Gewalt traumatisierter Familien zu liegen. so viele schreiben gegen diesen blinden Fleck an, brüllen in die Welt hinaus, dass sie sich als intakte Familien gesehen wissen wollen aber deswegen trotzdem andere Bedürfnisse und Prioritäten haben. und es verpufft dort, wo dieses Wissen seinen Wert entfalten könnte: im Hilfssystem.

was habe ich erwartet von dem ersten Termin? ein Gespräch mit meinem Kind. das fand statt. eine Kaskade geschlossener Fragen. und dann Einladungen an mich, die in meine Monologe mündeten, damit Informationen durch die 2m Abstand hinüberdiffundieren können. und dann das Ergebnis: „machen Sie als Mutter doch a), b) und c), denn das wäre sicher gut und dann würde sich was ändern.“

ja, ich wurde gefragt, ob das zu viel wäre. die wöchentlich festgelegte Kuschelzeit, in der nichts anderes passieren darf, habe ich abgeblockt. in dem Moment habe ich ausformuliert, dass ich quasi nie nichts tue und vor allem das Nichts-Tun nicht planen könnte, weil das bedeuten würde, dass um das Nichts-Tun herum eine Schlinge aus Stress entstünde, die sich mit jeder Woche enger zieht. sie hat genickt. mit einem Gesichtsausdruck zwischen gequält und „soso“. und in meinem Kopf fing das eigene Bedürfniskino an: DU bräuchtest eigentlich selbst therapeutische Unterstützung! warum hast Du die nochmal nich? ach, fuck, ja, weil es in der Stadt keine feministischen Traumatherapeutinnen gibt, die auf Dich warten, bzw. die einzige, die in Frage käme, wollte Dich nicht auf die Warteliste setzen, weil die Warteliste schon unendlich lang ist. deswegen. ist es eigentlich Hybris, das Kind zu einer Therapeutin zu schicken und sich selber darauf auszuruhen, dass niemand passt? naja, als ich während der Zeit der letzten PT von meinem Ex krankenhausreif geschlagen wurde und 4 Wochen später vor meiner damaligen Therapeutin saß und mich diese nicht (!) fragte, warum ich dem Arsch eigentlich nicht mit aller Kraft an die Krawatte will sondern (!) was mein Beitrag zu diesem Konflikt war, habe ich beschlossen, dass dieses psychotherapeutische Paradigma abgeglichen gehört, bevor ich in eine professionelle therapeutische Beziehung einwillige. und seit ich weiß, dass häusliche Gewalt in aller Regel mit Trauma belohnt wird und ich die Auswirkungen dieses Traumas auch schon spüren durfte, weiß ich, dass ich mit einer Feld-Wald-und Wiesen-Psychotherapie einfach nichts anfangen kann und sollte! und seit meiner traumapädagogischen Ausbildung kenne ich die fachlich angemessene Haltung hinter der Arbeit mit traumatisierten Kindern und beanspruche nichts weniger als das für mich als erwachsene Frau. und all das zusammen verstopft das Nadelöhr, wie sich jeder einigermaßen kreative Mensch vorstellen kann. das Nadelöhr ist verstopft. deswegen strample ich auch nicht. ich sitze hier nicht jeden Montag mit meiner Therapeut:innen-Liste der Krankenversicherung und telefoniere Wartelistenplätze ab, sondern ich kümmere mich um alles andere. ich gehe nicht regelmäßig zu Erstgesprächen, sondern ich höre meinen Kindern zu. ich bringe mich nicht in seelische Sicherheit sondern ich festige unseren Alltag.

ich arbeite an meinem Trauma und an meiner Vergangenheit, in dem ich den Gefühlen und Erinnerungen Raum gebe. aber ich fordere sie nicht heraus und ich bewältige sie nicht und ich werde dem Mann, der dafür verantwortlich ist niemals verzeihen, was er mir angetan hat, denn: er hat sich bis heute (!) nicht dafür entschuldigt. im Gegenteil. die eine Entschuldigung, die es gab (sie war berührend voller Tränen und Versprechen, voller Fokus auf mich, also quasi perfekt, wenn es das gibt nachdem dir ein Mensch, der bei dir zuhause lebt ein Schleudertraume geprügelt hat), wurde zwei Wochen später mit einem sehr leidenschaftlichen Lachen und den Worten: „nur Du kannst so blöde sein, mir eine Entschuldigung zu glauben! Entschuldigung? wofür?? dafür, dass Du mir mein Leben versaut hast und an allem was zu meckern hattest?? Du solltest Dich bei MIR entschuldigen!“

ich weiß, dass das psychotherapeutische Paradigma sich echt gern auf Mütter einschießt, um Ursachen für kindliche Hürden zu verifizieren. ich habe auch gelernt, so zu denken. irgendwas findest Du schließlich immer, wenn Du nur gut genug fragst. und für Kinder, die mit der Reibung an der Mutter leben (Väter sind ja nach wie vor ganz gern beruflich absentiert) hat das sogar was befriedigendes: „ich hatte also Recht! meine Mama macht das falsch und nicht ich!“ sicher ist es tröstend, es so zu sehen. nur…ich würde es echt gern mal andersherum erleben. mit all den Fragen bezogen auf den Vater und nicht auf mich.

„Streitet ihr euch zuhause? ist es nicht scheiße, dass da immer nur die Mama ist und der Papa ihr das so gar nicht abnimmt?“

„Du wärst gern wieder eine heile Familie mit Mama und Papa, nicht wahr? aber war es denn wirklich schöner, wenn Mama jeden Abend geweint hat? meinst Du nicht, dass ihr beide etwas besseres verdient als ein Zuhause, in dem ständig eine weinen muss?“

„Du hättest gern mehr Zeit mit der Mama. hm, wie könnte das gehen, wenn doch die Mama alles alleine machen muss. gibt es was, was Du tun könntest, damit ihr gemeinsam mehr freie Zeit haben könnt? vielleicht im Haushalt helfen?“

„Du bist wütend und traurig, das verstehe ich gut. und gleichzeitig sehe ich Deine Mama da neben Dir, die für diesen Termin bei mir rumtelefoniert hat und 18 Seiten Papier ausgefüllt und Dich von der Schule befreit hat und sich bei der Arbeit freigenommen hat und dafür gesorgt hat, dass Dein kleiner Bruder in der Betreuung bleibt, obwohl er gern hier bei Euch wäre. das ist ganz schön berührend, finde ich. das schaffen gar nicht alle Mamas. Du hast wohl eine Löwenmama an Deiner Seite. ich bin froh, dass Du so eine Mama hast.“

<< sowas würde ich gerne hören. ich möchte gern als das gesehen werden, was ich bin. nicht als das, was ich alles nicht bin!

was ich bin? eine Mutter, die es schafft, mit ihren Kindern in der Pandemie in den Urlaub zu fahren, weil sie dem Urlaub so geplant hatte, dass es möglich war. eine Mutter, die Prioritäten setzt, realistisch plant und entscheidet. eine Mutter, auf die sich meine Kinder verlassen können. eine Mutter, die ein wirklich wunderschönes Zuhause gestaltet hat und den Kindern so vorlebt, wie gut es tut, es schön zu haben. eine Mutter, die den Kindern backen und kochen beibringt. eine Mutter, die verdammt gut plant. eine Mutter, die einen Job hat und ihren Kindern so vorlebt, wie gut es tut, arbeiten zu gehen und dass das Spaß macht. eine Mutter, die abends mit den Kindern Kinderserien guckt, die mit den Kindern Playstation zockt und Kinderbücher vorliest (wir sind jetzt beim 5. Harry Potter! Hallo!). eine Mutter, die für Büchernachschub sorgt, die sich den Kopf über passende Sportarten und Musikunterricht zerbricht. eine Mutter, die jedes Problem lösen kann, dass uns im Alltag begegnet.

na? für wen klingt das anstrengend? schön, aber anstrengend? Bingo! ich bin sogar eine Mutter, die sich anstrengt! ich wende mich meinen Kindern zu, wenn sie traurig sind oder wütend. ich hake nach, wenn etwas an einer Geschichte unklar ist. ich schreibe Mails an Betreuung und Schule, wenn ich Fragen habe. ich engagiere mich für meine beiden Kinder! das alles kostet – Überraschung!!! – Kraft! das alles macht mich müde! ich habe MNS-Masken in drei verschiedenen Größen genäht, ganz selbstverständlich. wie viele Kinder sehe ich den ganzen Tag in der Schule mit zu großen oder auch zu kleinen Masken auf der Nase? unsere Masken bestehen aus ausrangierten Kinderklamotten, haben also auch da noch einen sinnvollen Bezug und passen zur Größe des jeweiligen Gesichtes darunter!

„Exklusivzeit!“…Sie meinen zusätzlich zu den Momenten, wenn ich mal mit einem Kind Backgammon spiele oder mich beim Schach abziehen lasse? zusätzlich zu den Tagen, an denen der Kleine 30min vor dem Großen heimkommt oder der Kleine zu seinem Freund abhaut und der Große zuhause bleibt? zusätzlich zum 60min Vorlesen am Abend? zum gemeinsamen Abendessen? zum draußen Rumstrolchen? oder kann ich dafür etwas davon weglassen, weil es nicht so wichtig ist? was, wenn kurz vor der Exklusivzeit die Packung Apfelsaft ausläuft und ich mich ärgere? was, wenn ich gerade dann sehe, dass das Zimmer, von dem mir gesagt wurde, es sei aufgeräumt, gar nicht aufgeräumt ist? was, wenn das Telefon dann klingelt (es klingelt selten, aber wir alle kennen Murphy).

ich habe das hier alles nicht aufgeschrieben, um mich als Mutter abzufeiern. wenn ich eines verstanden habe, dann, dass wir alle das tun, was wir können. nur eben nicht das, was wir nicht können. und dass auf diese Art einfach immer eine erkennbare Lücke entsteht, die uns angreifbar macht. die aber meiner Ansicht nach einfach nicht angegriffen werden sollte, weil diese Lückengeilheit dazu führt, dass alles andere mehr oder weniger wertlos erscheint!! und wie soll ein Mensch stark und kraftvoll im Alltag handeln, wenn sein Handeln grundsätzlich nicht als ausreichend angesehen wird, solange da doch diese Kompetenzlücke zu sehen ist? wieso ist das, was ich nicht kann so wichtig, dass das das überdeckt, was ich kann? und wieso darf das meinem Kind genau so auch gezeigt werden? „guckmal, da, Deine Mama ist also selten mit Dir alleine? hmmmm…ja, das ist natürlich wichtiger als alles andere, was Deine Mama den ganzen Tag so macht. komm, wir konzentrieren uns darauf. Du fändest das doch schön, oder nicht?“

was passiert eigentlich, wenn ich diese Lücke schließe? wenn ich etwas anderes im Alltag weglasse dafür, diese Exklusivzeit umzusetzen? dann schieben die Hebel so lange, bis ich auf etwas verzichte, was mir wichtig ist. und dann habe ich da eben ne neue Lücke. dann ist mein Kind zufrieden mit seiner Exklusivität aber ich habe vielleicht keinen ruhigen Morgen zum Duschen. und dann fragt mich in 10 Jahren die imaginäre Therapeutin, warum ich so grottig auf meine Grenzen geachtet hab, verdammt nochmal.

„Du, die Therapeut:innen werden echt gut ausgebildet. Die können gut Gespräche führen.“ ja, die Ausbildung kostet zwischen 25.000 und 50.000Euro und nur Leute, die das bezahlen können, können diese Ausbildung machen. wenn wir uns mal den Spaß machen, genau hinzuschauen, welche Hintergründe diese Menschen mitbringen, dann wird der Blick enger. dann stehen da sicherlich auch viele Hürden im Leben und sicher auch Misserfolge und Ideale. aber eben auch die Möglichkeit, 25-50.000Euro für eine Ausbildung auszugeben. ich wollte da mal hin. ich dachte mal: weil ich als Diplom-Sozialpädagogin die Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin machen dürfte, müsste ich mich nur anstrengen. mir kam meine Ehe dazwischen. mir kamen 2 wirtschaftliche Zusammenbrüche, die beide mein Exmann verursacht hat, dazwischen. mir kam dazwischen, dass ich als alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern weder Vollzeit arbeiten noch Vollzeit zu einer Ausbildung gehen kann. dabei bin ich absolut sicher, dass ich gut wäre. nicht irgendwie ok, sondern gut. aber ich bräuchte für 3 Jahre Ausbildung alleine 50.000 Euro für die Lebenskosten (die Betreuungskosten nicht eingerechnet) und zusätzlich eben die Summe von oben. da hilft auch kein Kredit. die Therapeutinnen in Ausbildung, die ich kenne, haben alle einen echt gut verdienenden Partner. Katze. Schwanz. und so weiter und so fort.

es ist schon fast billig, die alleinerziehende Mama als Lösung zu formen. die Person, die im Alltag eben nicht mit Blockade durch die Wohnung geistert sondern in komplizierten Zeitmustern Lücken für Extrawünsche findet. mein Gehirn gleicht am ehesten dem Amazon-Logistik-System, in dem ich für jeden Wunsch die passend große Lücke am Tag oder in der Woche finden kann, ohne auf unsere drei Stundenpläne zu schauen. ein bißchen mehr Anerkennung für das, was mein Kind NICHT an Symptomen zeigt, wäre doch mal schick. beispielsweise klaut mein Kind nicht. es schreit nicht in den Unterricht rein. es fängt keine Prügeleien an. es hat keine schlechten Noten. es hat keine Schulangst. keine Essstörung und keine Depression. es kann Schleifen binden, die Uhr lesen und Melodien nachsingen. es hält den Stift richtig, kann sich sprachlich sehr gut ausdrücken und hat Freunde. HALLO! das ist was! das ist richtig richtig viel für ein Kind, das gehört hat, dass seine Mutter eine dreckige Schlampe ist, die sich aus der Familie verpissen kann, weil sie eh keiner braucht!

wie gut, dass ich geweint habe gestern. wie gut, dass ich so dem Grund auf die Schliche gekommen bin. wie gut, dass mir auf twitter ein paar Frauen die passenden Worte haben zukommen lassen. wie gut, dass ich dieses Blog hier habe. als WordPress mir nämlich diese Woche 117Euro abgebucht hat, habe ich kurz überlegt, ob es das überhaupt wert ist. ob ich mir das weiter leisten sollte. aber ich denke, dass es da im Elternuniversum noch so einiges zu entdecken gibt, worüber ich schreiben wollen werde. und dass ich immer wieder schreiben muss, spüre ich nun seit bald 6 Jahren sehr deutlich. deutlicher als manch anderes.

Liefs,

Minusch

PS: Happy Nikolaus-Tag! Juchhei!

2 Antworten auf „hello defensive my old friend

  1. Guten Abend,

    Auch wenn ich dich nicht kenne, würde ich dich nach dem Lesen dieses Textes gerne in den Arm nehmen und dir sagen: Du leistest Unglaubliches und du machst das gut!

    Ich schicke dir herzliche Grüße und wünsche dir einen schönen Nikolausabend!

    Anna

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