hin oder her

der vierte Advent. unsere inneren Uhren laufen schon fast wieder im Biorhythmus dank des Lockdowns. ich träume ausgesprochen viel. oder: ich erinnere mich an so viel mehr Träume, wenn ich in Ruhe schlafen kann. dabei ist mein morgendlicher Zeitruck gar nicht mehr so arg wie noch vor einem Jahr, als ich ständig zu spät zur Arbeit kam wegen dieses verdammten Nadelöhrs morgens mit 5min Versatz beim Unterrichtsbeginn.

so oder so habe ich jetzt Urlaub. das bedeutet, dass ich an viel weniger denken muss als normal. das bedeutet auch, dass wir insgesamt etwa 80 Menschen weniger/Wochentag treffen. das bedeutet auch, dass ich weniger Zeit für mich habe, weil ich ja nirgendwo hin fahre und es zuhause keine Freistunden im Lehrer:innenzimmer gibt und die Kinderbetreuung Mama heißt. das bedeutet, dass ich kaum noch andere Erwachsene treffe.

alles hat sein für uns wider. ich sitze hier in einem angeweihnachteten Wohnzimmer. wir drei finden tolle Beschäftigungen miteinander. wir gehen uns auf den Keks. und wir müssen uns eben wieder an eine Situation anpassen, auf die wir keinen Einfluss haben. ich habe gelesen, dass durch die Pandemie-Bedingungen mehr Kinder und Jugendliche Essstörungen entwickeln oder in Essstörungsmuster zurückfallen unter anderen weil ihnen die Sozialkontakte fehlen, die helfen würden sich abzulenken und weil eine Essstörung Dir das Gefühl von Kontrolle gibt, dass Kindern und Jugendlichen im Alltag so oft fehlt. Kontrolle. ja. genau. mir fehlt es auch, wirksam sein zu können. aber ich schwimme so durch. schließlich passe ich mich seit Jahren immer wieder erfolgreich an und trage Prozesse für uns drei solange, bis ich etwas abgeben kann.

ich habe etwas abgegeben: meine Kinder haben mir einen Gutschein-Adventskalender gemacht mit „Pause“, „1xSaugen“, „Spülmaschine ausräumen“, „Massage“, „Vorlesen“, „Film aussuchen“, „Ausflug aussuchen“…etwas ähnliches habe ich auch für sie gemacht. wir alle drei haben vor dem Advent zusammen gesessen und überlegt, was uns so freuen würde. und wir alle haben dieselben Wünsche: etwas aussuchen, Hilfe haben im Alltag, bestimmen dürfen, etwas Schönes erleben. wir alle brauchen auch Zeit alleine. leider nich immer zeitgleich, das wäre ja einfach. aber mit diesem Bedürfnis sind wir auch konfrontiert. alleine sein. und eben nicht alleine sein. zuhause sein, aber nicht alleine zuhause sein. beieinander sein aber nicht alles gemeinsam machen.

in meinem Adventskalender für die Kinder sind auch Karten mit „Schlittenfahren“ und „Schlittschuhlaufen“. Sachen, die wir leider aufheben müssen. für das eine ist es nicht kalt genug und das andere wird von der Pandemie verhindert. ich hätte gern Kino drauf geschrieben oder Miramar oder mir einen Gutschein für die Sauna gewünscht. körperlich wird es wirklich eng. Luxuswunschbadewanne mit Plätzchen, Kerzen und Wunschhörspiel. immerhin. durchkitzeln. kuscheln. Füße streicheln. im Hängesessel schaukeln. tanzen. Yoga. wir passen uns an.

wir sind empfindlicher geworden. ich spüre die Wechseljahre und bin erstaunt, was das alles verändert. der Kleine ist schnell gekränkt. der Große fühlt sich schnell unter Druck. und ich bin schrecklich schnell angefasst, wenn was runterfällt. Atemübungen hin oder her.

ich gebe sehr vieles vor. das akzeptierte Maß an Unordnung ist geringer, wenn wir viel zuhause sind. ich kann da nicht aus meiner Haut. ich brauche ruhige Blickachsen zuhause, weil ich sonst noch schwerer zur Ruhe komme. ich erinnere mich daran, dass ich mich früher einfach aufs Sofa legen und einpennen konnte. das gelingt mir kaum noch. wenn ich mal 5min abschalten kann ist das schon viel. immer wieder diese subkutane Ameisnkolonie: hast Du nicht doch was vergessen? da war doch was…zu viel Essen gekauft, zu wenig saubere Masken im Körbchen. wie bringe ich den Kindern den richtigen Umgang mit Masken bei? Händewaschen. Füllerführerschein. wieviele Kinder als Lockdown-Freunde brauchen wir? wenn ich mich nicht um den Kontakt zum Vater kümmere findet der nicht statt und ist das jetzt gut für uns? unterstützt uns unsere Schlafsituation? muss ich echt immer auf „Mamaaaaa…?“ antworten? würde mir zu diesem Zeitpunkt eine Partnerschaft schaden oder würde sie guttun?

ja, da ist wieder eine Sehnsucht. ein wenig. aber ich frage mich echt, ob das realistisch ist. dann lese ich mir Online wieder Profile durch, weil ich real ja nun wirklich gar niemanden zufällig kennenlerne. dann unterhalte ich mich und fühle mich gut und dann geht der Mist mit der Realität schon wieder los: „ja, Du ich lebe noch mit meiner Ex zusammen und wir können uns ne Trennung nicht leisten und nebenan wohnen meine Eltern und auf der anderen Seite mein Bruder…was? Du glaubst mir nicht, dass ich kein Ladekabel für mein Handy habe und mich deswegen manchmal nicht melde? nee, also mit einer so kritischen Frau möchte ich nichts zu tun haben“

ein anderer begann ein Gespräch mit der Floskel „ich als Mann“. swipe. einer fragte, ob er mich spontan am nächsten Tag zuhause besuchen könnte. der vierte schrieb vor 12h: „I have guests, but I will be back soon…“

vielleicht ist das, was ich hier zuhause an Kostbarkeit habe doch zu wertvoll um es mit anderen Menschen regelrecht leichtfertig zu teilen. es ist nämlich so, dass das, was ich hier habe, das ist, was ich mir gewünscht habe. mein Zuhause ist genau das Zuhause, das ich als Zuhause brauche und sein möchte. ich will das gar nicht verändern und vor allem will ich es nicht kritisiert wissen. denn für diesen Zauber musst Du drin sein. sonst erkennst Du ihn gar nicht. Du musst Teil von dem hier sein und unsere Wege über den Tag mit verfolgen. die Nischen erkennen, den Lichteinfall, die Farben. Du musst spüren, was sich verändert, wenn wir uns streiten. erleben, wie wir sternförmig auseinandergehen. hören, dass wir immer wahrnehmbar sind aber nicht immer laut. riechen, wie sich der Duft von frischem Essen, Kuchen oder derzeit Plätzchen ausbreitet. unseren Tanz zwischen Nähe und Distanz mittanzen.

unser Zuhause sind Räume voller Lieblingsplätze. Räume voller Menschlichkeit. Erinnerungen und Wünsche verweben sich zu einem zarten Jetzt. Bedürfnisse werden gesehen und betrachtet und besprochen und zum rechten Zeitpunkt erfüllt. wir kommen uns immer wieder zu nahe. wir verstehen einander auch oft gar nicht. aber wenn der Rauch verzogen ist, ist alles wie vorher und wir wuseln weiter durch unser Leben mit dem Wissen, dass wir hier unser gemeinsames Zuhause haben. dass wir hier umgestalten können, was uns nicht mehr gefällt. dass wir hier Räume haben, in denen laut getobt werden kann. und Räume, in denen wir Filme anschauen können. und Räume, in denen wir einander vorlesen. Räume zum Essen machen und essen. Räume zum treiben lassen.

ich kenne niemanden, der oder die so lebt wie wir. und wie soll sich ein anderer Erwachsener ohne Kinder auch vorstellen können, wie schön es hier ist. unser Zuhause ist der große blinde Fleck auf den Karten anderer, weil das, was wir hier haben, nur ohne uns vorstellbar wird, wenn es schon Teil der eigenen Sehnsucht ist.

heute gibt es eine Überraschung: ich lasse uns Frühstück liefern. ein teurer Spaß, aber der liefernde Bäcker ist ein französisches Café und wir bekommen zum Frühstück Macarons, kleine pain au chocolat, Eclairs und Himbeertörtchen. ich freue mich unfassbar auf dieses zauberhafte Frühstück zum vierten Advent. im Adventskalender der beiden steht „Macarons“…gestern haben wir ein grauenhaftes Raclette-Rezept ausprobiert und dann zusammen etwa eine Stunde lang darüber geschimpft. und morgen beginnt die Weihnachtswoche…darin lauern auch Besonderheiten unseres Jahresabschlusses. einige Hürden bis zum 24.12. und einige Aufgaben und sicher eine Menge Momente.

gerade drängeln zwei Paar Kinderfüße an mich dran. auf dem Wohnzimmerkoffertisch stapeln sich eine Geolino und eine Zeit Leo, zwei Donald Duck-Comics, ein Weihnachtsbilderbuch, die Zeit vom Donnerstag, das Schachbrett und Mumien-Comics. der Wohnzimmer-Advents-Teller leuchtet mit vier Kerzen neben meinem Adventshirsch auf der Kommode. in den Fenstern hängen zwei leuchtende Papiersterne. der Mietweihnachtsbaum hat inzwischen seine Zweige abgesenkt und trägt seine Lichterkette (noch nicht den Schmuck!). in einer Stunde kommt das Frühstück. es regnet. blaue Stunden vor dem Fenster. keine akuten Sorgen jetzt mehr. es geht uns gut. und ich wünschte, auch wenn das nicht möglich ist, ich könnte das teilen. vor allem mit den Menschen, die zur Zeit keine Ruhe finden dürfen, die traurig sind und voller Sorgen. es ist ein tiefes pertolblaues Glück, das wir hier haben. eines, das durch unser Zutun gewachsen ist. aber dennoch Glück.

ruhige Weihnachten ❤

Minusch

2 Antworten auf „hin oder her

  1. Schön zu lesen Minusch.
    Du klingst jetzt wesentlich ausgeglichener als vor Monaten. Zufriedener! -:)
    Naja, nicht zufrieden, aber doch zufriedener! 😎
    Schöne Feiertage für Euch!

    Gruß Dieter

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