for ever and ever

wenn sich die Zeit verdichtet muss ich mich setzen. gerade sitze ich in der Küche. abgewetztes Parkett, eine rußige Kerze aus Kerzenresten, die wir letztes Wochenende gemacht haben. der Tisch steht voller sauberem Geschirr aus dem Geschirrspüler. draußen ist es dunkel. vergessene Schneereste aus der letzten Nacht wie klebriges Konfetti unter den Blumentöpfen. und die Solarlichterkette schwächelt natürlich auch, weil heute kaum Licht da war.

Freitag. 8. Januar.

heute morgen habe ich mich gefragt, wer denn jetzt gerade in den multimedialen Narrativen heldenhaft handelt. und ich meine die Frage ehrlich. wer von uns ist denn jetzt übermenschlich stark? also ich habe heute mittag beim Essen geweint. meine Kinder verstehen, dass es mich total stresst, alles mögliche ständig nachlesen zu müssen. eigentlich wollte ich meine besch**** Steuererklärung gemacht haben, aber weil ich für die einen noch besch**** Abfragecode habe finden müssen, habe ich mich von der Idee vorerst gelöst, damit wir mehr Freiraum haben. und jetzt warte ich seit Dienstag jeden Tag ab, der das gehörte vom Vortag relativiert. kein bißchen heldenhaft bin ich heute mittag nach dem Essen auf dem Sofa eingeschlafen. die Kinder haben gezockt und zocken noch immer. so ein Tag ist das heute. ein Tag wie früher ein Sonntag gewesen wäre…diese Sonntage nach herrlich erschöpfenden Nächten. hier gab es das Spätstück, das ich sehr gemocht habe. Du konntest da irgendwann am Sonntag aufschlagen und direkt hinter den Fahrradständern tummelten sich ganze Familien träge in der offenen Halle zu scheppernder Musik. es gab immer eine vegetarische Suppe als warme Mahlzeit oder Brezeln und draußen die Falafel-Bude. Kinder auf Bobycars. ausgesessene Sofas. und die Böden der Toiletten noch oder wieder so verbappt wie nachts. Tage, die beim verstreichen langsam in Dich hinein gleiten und Dich einfach atmen lassen. zuhören. abschalten. und den einen Punkt spüren lassen, an dem Du wieder nachhause willst.

ja, so ein Tag war heute. nur dass nicht Sonntag ist und es die Halle so nicht mehr gibt und ich die Wohnung gar nicht verlassen habe. noch nicht mal um den Schnee zu spüren. ich wollte raus aus allem aber nicht aus der Wohnung. wohin hätte ich wollen können? wobei: doch, ich wollte eine Freundin treffen, die heute Geburtstag hat. die Freundin, die sich mit mir an meinem Geburtstag locker 90min bei 1° unter der Kastanie die Füße platt gestanden hat. aber die wollte heute auch nicht raus. wollte. konnte. es ist geplant, dass die Kinder ihren Wunsch „eine Nacht bei Oma“ erfüllt bekommen, wofür die ganze Familie seit 10 Tagen in freiwilliger Quarantäne ist. das würde niemand gefährden wollen. nicht mal für einen Schwatz mit einer Freundin. ich ehre den Wunsch der Kinder!

ja, so ein Tag war heute. nach dem Schläfchen hatte ich Visionen von Schokoladentorte, aber weil ich mich seit dem 30.12. geweigert habe einzukaufen, ist meine Gestaltungsfähigkeit natürlich eingeschränkt. „let the children lose it, let the children use it, let all the children boogie“ immerhin Tiramisu war drin. Tiramisu ist so ähnlich wie Schokoladentorte nur anders. und dazu ein Feature über David Bowie und seine Zeit in Berlin und ich spüle die Schüssel ab und erinnere mich an den Morgen am Schlachtensee. während der Zucker vorsichtig in die Schüssel rieselt bin ich in diesem verrückten SecondHandLaden. wo war der?…Straßenzüge. untergehende Sonne. immer überall vollbesetzte Tische vor den Cafés in den Kiezen. „groundcontroll to Major Tom…“. ich habe nie gekokst oder Heroin genommen und ich habe nie wirklich das Berliner Nachtleben kennengelernt, aber ich kenne so viele künstlerische Umsetzungen der Idee dieses Nachlebens, dass ich zwischen meine Erinnerungen Fetzen dieser Bilder einbauen kann ohne mich zu schämen. wer kann schon das, was sich in meinem Kopf zu einem epischen Moral verdichtet, als etwas anderes als meines entlarven?

der Amarettozucker mischt sich nicht leichtfertig mir der Mascarpone „I think my spaceship knows wich way to go“. ich kenne keinen der Orte, von denen in dem Feature gesprochen wird („Mama, wir haben ein Onyx gefangen!!!“), aber ich kenne das, was Esther als „Berliner Gefühl“ bezeichnet. dieser aufgekratzte Biedermeierpunk. die all-in-Sofas. und auch die berauschende Hybris der Vergangenheit.

ich habe Verwandte in Berlin. durch sie kenne ich das. durch sie hatte ich die Freiheit, in dieser Stadt zu stöbern, als ich jung war. und durch sie weiß ich, dass ich in Berlin kaputt gegangen wäre. jemand wie Bowie, ein wagemutiger Mensch voller Neugier für das Gras hinter den limits, der kann dort im Alltag schwimmen. ich hätte mich verzweifelt an einem Straßenschild festgehalten um mit meiner eigenen Langsamkeit zurecht zukommen, während das Leben an mir vorbeirast. ich bin nicht gern aufgekratzt. meine eigene Zwangsbiedermeierei kotzt mich gerade an und bei Punkt brauche ich echt lange, um reinzufinden. ich schätze Punk. keine Frage. und die Berliner Ästhetik setzt Standards. aber die deutschige Gleichzeitigkeit dieser Absolutismen macht mich fertig. würde mich fertig machen.

der Kakao soll schon jetzt über die Creme, damit er später nicht so im Rachen staubt „put on your red shoes and dance the blues“. das Tiramisu kommt abgedeckt in den Kühlschrank. zwischen den Zähnen knirscht das merkwürdige Gold der Marshmallows, die ich mir in den Milchkaffee geworfen habe, weil ich das Tiramisu ja nicht sofort essen kann. ich bin 43 Jahre alt. ich liebe Ordnung. mir wird nachgesagt, dass ich mutig sei, dabei bin ich viel eher zu feige meine eigenen Konsequenzen nicht auszuhalten. ich bin nicht mutig. ich habe nur ein paar Mal in meinem Leben nachts die selbst auferlegten Dogmen zugunsten von Rausch und Utopie aufgegeben. die Bilder aus diesen Nächten sind noch Teil meines Erinnerungsmural. „now she walks through her sunken dream to the seat with the clearest view“ es ist nie etwas wirklich wirklich schlimmes passiert. die Welt war gut genug zu mir. und doch mag ich meinen Herzschlag am liebsten, wenn ich ihn nicht spüre. ich habe schon auf einer unendlich hohen Klippe in Südafrika gestanden. ich bin nachts in ein Schwimmbad eingebrochen. ich war in einem Nobelhotel in St. Anton nachts in Unterwäsche schwimmen. ich bin in eine Burg eingebrochen nur um dort mit Freunden meine Pizza zu essen. und ich wurde am Frankfurter Flughafen vom Sicherheitsdienst verfolgt. in Italien wurde ich am Straßenrand von der Polizei geweckt, weil ich eingeschlafen bin. und in Kreuzberg hab ich mir ein Nasenpiercing schießen lassen, als ich 16 war. „if you should fall into my arms, trembling like a flower“.

für die Konzerte meiner Lieblingsbands war ich regelmäßig 7h vor Einlass da. außer bei den Ärzten. da kamen mein Bruder und ich mit Absicht zu spät um uns um die Wette bis zur Bühne durchzuschlagen. ich wurde von Bikern auf dem Bad Religion Konzert geschützt und von 3 der 4 Fantas in Offenbach geknuddelt. und die After Show Party von Prince haben wir nur verpasst, weil es genau in dieser Nacht eine besch*** Bombendrohung am Frankfurter Hauptbahnhof gab, wegen der keine S-Bahn bis zum Flughafen fuhr (und wir auch nicht an unser Schließfach kamen um Jacken und Schlüssel und Geldbeutel zu holen). so war ich ein anderes Mal im Dorian Gray.

ich habe heute die Wohnung nicht verlassen. ich habe nichts erlebt. meine Kinder genießen diesen Freiraum, vermute ich. „ashes to ashes, funk to funky, we know Major Tom s a junkie“ aber ich habe Erinnerungen. Erinnerungen einer Frau, die zwar nie mutig war aber auch nicht feige. eine Frau, die weiß, wie Glück funktioniert. das Parkett erzählt nicht nur unsere Geschichte. „Mama, hier ist noch ein Brandloch von der Wunderkerze! noch eine Erinnerung an Silvester 2020!“ well, Kind, so sieht’s aus. und dabei waren wir auch nicht mutig. wir waren leichtherzig. froh. haben für einen Abend vergessen, was für eine Seuche durch die Welt tobt. wir hatten es einfach vergessen. nicht heldenhaft. aber schön.

„(turn and face the strange) ch-ch-changes“ wer sind die Held:innen unserer Zeit? haben wir die nicht längst überlebt? zumal ich mir ziemlich sicher bin, dass Heldenhaftigkeit nie wirklich freiwillig geschieht. dahinter steht immer ein Zwang. und vor allem: niemand erzählt die Geschichten der Held:innen weiter, oder? gut, einige sterben ohnehin beim zum Heldenhaften gezwungen sein („wir haben ein Dragosso gefangen, Mama!!!“). aber die, die nicht sterben…enthelden die sich irgendwie wieder? oder stürzen sie ab in dieses postheroische Adrenalin-Defizit? die Briten bieten Programme aus dem Militär an für Menschen im medizinischen Dienst, weil sie das, was sie gerade erleben müssen (weil sie vertraglich dazu verpflichtet sind) als so belastend einstufen, dass postpandemisch mit massiven seelischen Konsequenzen gerechnet wird.

nein, ich bin keine Heldin hier in meinem Sessel im Kerzenschein an einem Freitagabend Anfang 2021. „modern love, walks beside me (modern love) modern love, walks on by (modern love)“. alles was ich tun kann ist, es nicht noch schlimmer zu machen. ich biete keine Extrahilfe nach außen an sondern ermögliche meinen Kindern eine Illusion, um die ich sie selbst beneide. ab und zu blitzt die Realität durch, wenn ich wie heute mittag Tränen nicht zurückhalten kann. ich schütze die Grenzen der Menschen, die ich schätze und liebe und dränge nicht auf Erfüllung meines Wunsches nach Kontakt. und alles von zuhause aus. unapokalyptisch. biedermeierlich. äußerlich regelrecht passiv. egal was in mir drin passiert. ich werde es nicht schlimmer machen, wenn ich es schon nicht besser machen kann. „don’t let me hear you say life’s taking you nowhere, angel, come get up, my baby“

„Macht die Augen zu“, sagte Frederick und kletterte auf einen großen Stein. „Jetzt schicke ich Euch die Sonnenstrahlen. Fühlt ihr schon, wie warm sie sind? Warm, schön und golden?“ Und während Frederick so von der Sonne erzählte, wurde den vier kleinen Mäusen schon viel wärmer.“

„we’re nothing, and nothing will help us, maybe we’re lying, then you better not stay.
but we could be safer, just for one day oh-oh-oh-ohh, oh-oh-oh-ohh, just for one day“

Happy Birthday, David Bowie. und dem Rest der Welt: „we can be heroes, we can be heroes, we can be heroes just for one day“

Kaffee anyone?

Liefs,

Minusch

3 Antworten auf „for ever and ever

  1. das ist unser Ding, Helden zu sein für unsere kleinen Helden, und wenn wir es auch nur in ihrer Wahrnehmung sind. Aber wenn wir das schaffen, sind wir dann nicht doch Helden?
    We CAN be heroes …………..

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