don’t

seit 2004 ist es so, dass mich Dinge verfolgen. Farben. Worte. ein Gemüse. Töne. Satzfetzen…rot, Kind, Karotte, „lay down your sweet and weary head“…es gibt noch mehr davon. verschiedene kleine Streifen Stoff eines vergangenen Lebens. und immer in der Nähe der offiziell nachvollziehbaren Gedenktage verdichten sich diese Fetzen. Wolkengesichter genauso wie Pflastersteine, die festigen, was sich nicht mehr verändern lässt.

ich habe vorhin über häusliche Gewalt gesprochen. ich hatte mein ganzes Leben lang Angst davor, selbst gewalttätig zu werden. ich hatte eine Scheißangst davor. ich weiß, wie es sich anfühlt, um Gnade zu flehen. ich weiß, was Scham ist, was sie in Dir anrichten kann. was sie in mir angerichtet hat. ich kenne das Gefühl, eine ausgestreckte Hand nicht greifen zu können, weil das, was mich in den Schacht geworfen hat, so schwer ist, dass es den/die andere:n unweigerlich mitreißen wird. ohne zu zögern. ein Menschenleben. ich kenne die verschiedensten Regungen auf den Gesichtern der Menschen, wenn ich ihnen aus meinem Leben erzähle.

als ich über häusliche Gewalt sprach, musste ich laut lachen. ich habe gelacht. weil es mich nicht betrifft. weil ich es tatsächlich geschafft habe. ich habe es geschafft. ich bin nicht gewalttätig geworden. ich habe meinen Kindern noch nie körperlich weh getan. ich habe oft gedacht, ich würde dem einen gern eine knallen, weil der dem anderen so sehr weh getan hat. aber ich habe es nie getan. ich bin im Streit oft laut geworden. aber ich spüre in diesem Lautsein dennoch noch, dass da vor mir ein Mensch mit einer eigenen Gefühlswelt steht. ein ganzer Mensch. nicht ein Minimensch. ein Mensch. ich habe laut gelacht, weil ich alles aus meinem Leben herausgeätzt habe, was anfällig für Gewalt hätte machen können. ich habe es geschafft. geschafft.

warum war das so wichtig?

es war wichtig, weil ich weiß, wie schrecklich es ist, zurückzubleiben. es ist immer einfacher, wenn ich die bin, die geht. aber ich kenne den Schmerz des hinterherschauens. ich habe davon geträumt als ich 8 war. ein Alptraum, den ich nie vergessen werde. diese unglaubliche Hilflosigkeit. Ohnmacht. Luft um mich herum, die wie ein Gefängnis verhindert, dass ich hinterherlaufe. ich wollte selbst nie der Grund sein, warum Menschen mich verlassen. ich weiß inzwischen, dass das dennoch geschieht. das es nichts gibt, was uns davor schützt. aber auch, dass die Hoffnung der stärkste Motor ist, den es gibt.

ja, die Motivation war egoistisch. auf mich bezogen. aber: ich weiß ganz genau, warum. und das warum ist im Kern genauso der Wunsch, niemand, der mir nahe ist, möge spüren, was ich spüren musste. ich kann nicht die Welt retten. aber ich kann für einen Kreis von Menschen sorgen, die mir etwas bedeuten.

ich habe also noch etwas geschafft. ich habe gelernt, zu ertragen, dass Menschen gehen. durch einen Menschen, der ging. ein Mensch, für den ich jeden Schmerz und jede Qual auf mich geladen hätte und habe, um ihn bei mir zu behalten. und er ist gegangen. eine letzte Berührung in Liebe. mein roter Pullover. Karottenbrei…und dann erst wieder der Moment, in dem in der Kirche „Into the West“ aus den Boxen klingt.

meine beiden Söhne sind noch ein wenig bei mir. sie sind bei mir, weil ich sie beschützt habe. weil ich ihr Leben beschützt habe. weil die Kindheit dieser beiden wertvoller ist als meine Angst je groß sein kann. sie tragen Erinnerungen an Gewalt. aber sie erleben keine mehr zuhause. sie kommen freiwillig und leichtherzig von ihren Abenteuern zurück zu mir und erzählen ihre Geschichten. rot lieben wir alle. aber auch blau. und grün. und gelb. und der eine mag Karotten nur weich gekocht. der andere knabbert sie mit seinen Kumpels, wenn die Süßigkeiten aufgegessen sind. wir tragen gemeinsam Erinnerungen. an andere Zeiten. und an diesen Menschen, der mir beigebracht hat, dass ich weiterleben darf, auch wenn er sterben musste.

„what can you see on the horizon? why do the white gulls call?“

ich glaube nicht an ein Jenseits, in dem Geisterwesen aufeinander treffen. aber ich glaube an Nähe und Freiwilligkeit und an die Verbindung in Liebe. ich glaube, dass mein gut-sein ausreicht, um mich der Energie meines verstorbenen Sohnes nahe zu fühlen. dann, wenn es aufreißt. und ich habe etwas geschafft. ich bin 43, und ich habe es geschafft, meine Kinder in einer Zeit, in der unser Leben schlagartig seine Farben geändert hat, nicht zu schlagen. ich habe meine Gefühle so sortiert, dass ich sie übersetzen konnte. ich habe erklärt. und manchmal habe ich schweigen müssen. aber ich habe ihnen nicht weh getan. so viele Familien kämpfen mit der erzwungenen Nähe. mit der Angst. mit Perspektivlosigkeit und Trauer und dieser Leere des „was denn noch??“. ich bin nicht besser als andere. aber: ich habe es geschafft. obwohl mir jedes Gutachten bescheinigt hätte, dass es bei mir wahrscheinlich gewesen wäre.

mein Leben, so wie ich es gelebt habe, hat ausgereicht, um auch jetzt meine Kinder zu schützen. 43 Jahre. vielleicht ist das die Hälfte. auf jeden Fall haben meine Kinder mit 8 und 9 bald die Hälfte der Kindheit hinter sich.

nächste Woche ist sein Todestag. wäre er nicht gestorben, wäre er diesen Oktober 18 geworden. 4 Leben miteinander verwoben. losgelöst aus der Vergangenheit ihrer Vorfahren, die alle Gewalt erfahren haben. die Gewalt zuhause und Gewalt im Krieg gespürt haben. ist das pathetisch? Hölle, ja! total! und es ist eine Leistung, in der 35 Jahre Überzeugung stecken. ein kleines Mädchen, eine junge Frau und eine Frau in der Blüte ihres Lebens.

ich habe es geschafft.

Liefs,

Minusch

2 Antworten auf „don’t

  1. Danke Dir. der Stolz mag heutzutage etwas schräg klingen, aber gerade gemessen an den steigenden Fällen häuslicher Gewalt ist es schon wichtig, sich darüber klar zu sein, wo die eigenen Grenzen liegen und was wir tun, um dort nicht hin zu gelangen. denke ich. 🙂

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