pappmaché

Tage beginnen mit dem Augenaufschlag. geräuschlos. wobei: inzwischen sind sehr viele Vögel schneller und verkünden die Nachrichten und Chiffreanzeigen der Nacht. ein kurzer Rückblick in den Traum. schöne Begebenheiten von Nähe, die immer in ein zuviel münden. jedes Mal. ich drücke ein bis zwei Kinder an mich und wende mich den Nachrichten und Chiffreanzeigen aus der Nacht der Menschen zu. kurze Rückblicke in die Träume anderer Menschen. Begebenheiten von Nähe, die immer in ein zuviel münden.

wenn ich morgens dusche, beginnt ein Tag. lasse ich es ausfallen, zieht sich das Gestern noch bis morgen. oder übermorgen. Kinder. Spülmaschine. Brötchenkrümel oder verschüttete Milch. ein Schlag in den Bauch ein HEY und eine knallende Tür. Rucksäcke, Thermoskannen, Haarbürste, verknotete Schnürsenkel. kleine Küsschen, die sich wie ein Schutz um die beiden Kinder legen sollen…

ein Tag ist es mein Laptop. einen anderen Tag der Dienstlaptop. mal habe ich zu viel Essen da, dann zu wenig. mal ist die Balkontür offen und manchmal nicht. mal bin ich schon vor den Kindern unterwegs in die Schule und mal nach ihnen und mal gar nicht. oder sie nicht.

da sich selbst die Ferien anfühlen wie die Schultage, halten uns die Feiertage aufrecht. Vorfreude. etwas Reales wie Vorfreude. da wird etwas sein. an diesem Tag. noch 8 mal schlafen. noch 3 Mal Schule noch 2 Mal Kuchen backen. noch 1 Mal Ostereier anmalen. und dann kommt einer dieser Kilometersteintage und die Freude kocht morgens um 6, kühlt sich ab bis 8 und um 12:00 bricht ein kleines Gewitter im Herzen los. danach folgen die Tränen und mit den Tränen die Fragen und der kleine Moment, in dem sich mein Körper, wie sonst mein Küsschen, schützend um das Kind schlingt und brummend alles beantwortet.

mehrere Wochen schlingen sich aneinander nur unterbrochen durch Putztage oder Sonnenschein. Wochen, in denen ich nie alleine bin sondern entweder bei den Kindern oder der Arbeit. und selbst beim Einkaufen kann ich nicht mehr alleine sein, weil ich die emotionale Vorbereitung darauf, mit so vielen angespannten Menschen in einem großen Supermarkt zu sein, noch nicht hinkriege. ich stolpere dann mit Kopfhörern und Entspannungsmusik hinter dem Einkaufswagen her, höre seltsamerweise trotzdem die seltsame Supermarktradio-Playlist mit, erschrecke mich vor jeder raschelnden Tüte und stehe ständig im Weg, weil ich darauf warte, dass Menschen, die im Weg stehen, weitergehen. danach bin ich nassgeschwitzt. also am Rücken. und den Weg mit dem Rad zurück nachhause brauche ich, um emotional wieder runter zu kommen. manchmal würde ich das alles gern rausheulen, aber irgendwie geht nur das Schwitzen. besser als nichts.

Sonnenschein kann uns aus dem Rhythmus locken. uns verführen. Samen in Erde drücken. Äste über einen Bach legen. Steine kicken. Freund:innen können das auch. nur hängen die eben auch an der Sonne so wie wir und wir alle kommen ins straucheln, wenn die Sonne fehlt.

wir gewöhnen uns daran.

wir haben uns daran gewöhnt.

es ist weniger das Gefühl des Fehlens als viel mehr das Gefühl von Pappmaché. Atem aus Pappmaché. alles fühlt sich trocken an, als hätten wir uns die Hände zu oft gewaschen. der Blick geht in die Weite, aber die gezügelte Sehnsucht erkennt darin nicht mehr das Geheimnis. was soll dort schon sein. geschlossene Cafés und überfüllte Waldwege. und zwischen den Straßenlaternen wie zwischen den Bäumen das Gefühl, dass uns doch wer zu nahe kommen könnte. oder uns beobachten. einen unserer Fehler sehen.

dadurch, dass das Leben außerhalb so riskant geworden ist, verschnaufen wir ausgiebig zuhause. ganze Nachmittage verschnaufen wir. stundenlang. noch hält die sorgfältig kuratierte Struktur. der Tag besteht aus Morgen, Mittag, Nachmittag, Abend und Nacht. und für jede Tageszeit gibt es spezifische Tätigkeiten. Aufräumen geht beispielsweise nur morgens oder kurz vorm Schlafengehen, wenn nötig. Essen geht immer, muss aber nicht ständig sein. Spielen geht auch immer. Schlafen geht am Nachmittag und in der Nacht. Fernsehen geht am Nachmittag und am Abend. Malen geht am Mittag und am Nachmittag. Lesen geht immer (Joker). Zocken geht am Mittag und am Nachmittag.

Dominosteine. Puzzleteile. aber wenn wir zurückschauen erkennen wir kein abenteuerliches Muster sondern ein Jahr in Wischtechnik mit vorsichtig abgetöntem Weiß, überzogen von Spritzern.

ja sicher haben wir Pläne für den Sommer. sicherheitshalber haben wir welche. ohne Vorfreude, weil die Erbsensuppe unserer Erwartung schon einige Male umgekippt ist. vielleicht sind diese Pläne in dem Sinne eher Möglichkeiten, die ich uns vorab erschlossen habe, sollten wir sie nutzen dürfen. es wäre gut, würde das möglich.

ich glaube, unseren Freund:innen geht es auch so wie uns. manche investieren mehr in ihre Wut. anderer erliegen mehr der Verzweiflung. und andere schwingen leicht zeitversetzt so wie wir. Fragen stellen sich kaum noch. die Tage kommen und gehen. Abenteuer finden sich in Erinnerungen oder Büchern oder den Erzählungen anderer. es könnte schlimmer sein.

Liefs,

Minusch

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