wovon

gestern war so ein recht seltener und eigentlich wohltuender Moment von: oh, da hat mich jemand nicht vergessen. Bilder stiegen auf. ein schmales Zimmer. ein schmales Bett. gelbe Straßenlaternen und ein schweres Gefühl beim Heimfahren. Erinnerungen noch von vor allem anderen. von vor Tod und Depression und Mutterschaft und Ehe und Gewalt und Scheidung. wow. Erinnerungen an mich. wie unwahrscheinlich. bei näherer Betrachtung hatten meine Brüste den entscheidenden Eindruck hinterlassen. „meine Freunde wären so beeindruckt gewesen, wenn ich Dich ihnen gezeigt hätte. schade, dass es nicht geklappt hat.“

es gab eine Zeit, da hätte mich das erröten lassen. ich glaube, ich bin gestern auch errötet. ich hab sogar kurz gekichert. und dann hat sich da dieses andere Gefühl in meinem Bauch ausgebreitet wie ein Ölteppich. wohl bekannt. schon irgendwie vertraut. schillernde Farben über geheimnisvollem Dunkel. die Gewissheit, dass meine alte Wahrheit noch immer Teil des Knochenmarks ist. gefallen wollen. angenehm sein. schöne Erinnerungen verschaffen. gut tun. erst beweisen, dass ich gut bin. es zeigen. mich zur Verfügung stellen. hier, schau mal, ich weiß, dass alle Männer weiche runde Brüste mögen und ich habe zwei. und außerdem backe ich tolle Kuchen und ich mache das sogar gern. nein, ich erwarte doch keine Geschenke und ich bezahle auch meine Drinks selber. aber greif zu. dann wirst Du schon sehen, dass es sich lohnt, mich gern zu haben.

ich würde diese junge Frau von damals wirklich gern zum Essen einladen und Klartext reden. wobei: wahrscheinlich hätte sie mir nicht wirklich zugehört, weil sie der Ansicht war, dass sie sich schon anpassen muss, um eine Partnerschaft haben zu können, und dass ein breites Ich da im Weg wäre. und sie hätte recht. hätte ich damals mit mir gesprochen und hätte ich mir geglaubt, ich wäre jetzt kinderlos. wäre das besser? wäre ich dann jetzt klüger als ich mit Kindern bin? oder glücklicher?

seit gestern fühle ich mich wieder einsam. damals, vor 20 Jahren, war ich frei wie der Wind. mutig. hingebungsvoll. begehrenswert. heute zwinkern mir größtenteils Männer zu, die in langjährigen Beziehungen Frustration erfahren. ich spreche von meinen Gedanken über Polyamorie, weil ich das einfach noch nicht fertig denken konnte, und sie fangen an, den Sabber diskret runterzuschlucken, weil sie ja alle so anders sind. inzwischen spreche ich nicht mehr davon.

manchmal versuche ich, über meine Sexualität zu sprechen. oder eher zu schreiben. über meine Gedanken über gemeinsames Gleiten in der Zeit. über Impulse und Ziellosigkeit. über unbewertete Körperlichkeit ohne jeden porn gaze. weil es eben nicht darum geht, innerhalb kürzester Zeit am weitesten abzuspritzen sondern mit einem anderen Menschen Vertrautheit zu teilen. es ist ganz einfach. es braucht dafür keine Analspülung und keine Reizwäsche. vielleicht ist es nicht mal nötig, sich auszuziehen. aber es wird als anspruchsvoll gelabelt. „uh, das klingt schön, aber ich weiß nicht, ob ich Deinen Ansprüchen gerecht werde“. tja. nun. also. häh?

hadere ich damit? ich denke nein. aber wer weiß, wie ich das in 20 Jahren sehe. tatsächlich fühlt es sich eher an wie loslassen. meine großen Träume von damals haben sich verformt, sind über die Tischkante geflossen und tropfen gerade noch auf den Boden. und mal ehrlich: habe ich überhaupt die Zeit für solche Reflexionen? zwischen Erwerbsarbeit, Haushalt und lospubertierenden Jungs, die gerade echt eine Vaterfigur gebrauchen könnten?

aus der jungen Frau wurde eine Frau wurde eine Mutter. aus der jungen begehrenswerten und anpassungsbereiten Frau wurde eine Frau, die keine Zeit mehr zu verschwenden hat für schlechten Sex mit unsicheren Menschen. fehlt mir Sex? manchmal. aber mehr fehlen mir kleinere Perspektivwechsel im Alltag, flüchtige Berührungen und ein Arm, der mich auffängt, wenn ich weine. wiederhole ich mich in all dem? ich denke ja. viel verändert sich ja auch nicht. die Kinder wachsen. ja. und anstatt zu überlegen, wie ich die dadurch frei werdende Zeit für Selbstsorge nutzen könnte, denke ich darüber nach, Stunden aufzustocken, um mich beruflich zu verbessern. warum denn auch nicht?

ich habe erst 2019 verstanden, dass es keinen Sinn macht, einen Menschen, der nicht da ist, mitzudenken. also nicht im Sinne von Erinnerungen an andere. das meine ich nicht. Erinnerungen sind wertvolle Bausteine des Jetzt und gedankliche Zärtlichkeiten, wo körperliche Nähe nicht möglich ist. nein, ich meine: „wir sind 3 Personen, also kaufe ich 4 Teller, falls mal jemand kommt.“ „wir brauchen für jeden ein Bett und für mich eines, in das eventuell zwei passen würden.“ „oh, es gibt nur Apartments am Urlaubsort mit 2 oder 4 Betten? toll. sollte ich bis dahin wieder in einer Beziehung sein, könnte ich xy einfach mitnehmen.“ sowas meine ich. jemanden mitdenken, den es gar nicht gibt. sollte ich sonntags ein schönes Frühstück machen, könnte ich problemlos für 4 decken. und musste das schon seit 2013 im Grunde nicht mehr.

ich war das gewohnt. ich habe von klein auf immer mitgedacht, was wäre, wenn da wer wäre. was wäre, wenn da wer wäre und wir würden mehr werden. ich habe bei meiner Berufswahl tatsächlich immer mitgedacht, dass ich einen Job brauche, der halbtags und am besten vormittags zu machen wäre. da fallen eine Menge Jobs raus. beispielsweise eine Promotion in Germanistik oder Linguistik. da war zumindest meine Professorin sehr deutlich. Einzelhandel fällt komplett raus. Gastronomie fällt raus. eine große Menge an Dienstleistungen. stationäre Arbeit, es sei denn als Verwaltungsfachkraft.

nein, ich hadere nicht wirklich mit meiner Geschichte. die hat ja Gründe. aber ich kaufe heute nicht mehr 4 Teller, falls mal jemand dazu gehört, sondern 3. ich sorge nicht für 4 gemütliche Sitz- oder Liegeplätze, sondern für 3. wir sind zu dritt. hier fehlt auch niemand. es gibt keine Lücke. wir sind eine Familie. das steht auf unserem Klingelschild, das schreibe ich als Absender auf unsere Briefe. Familie.

wenn ich mich aber nun an früher erinnere. an meinen festen Glauben daran, zu zweit besser zu sein als allein, dann werde ich wehmütig. meine Lebensform ist ja nicht wirklich freiwillig gewählt oder Teil eines alten Traumes. sie ist Ergebnis einer traumatischen Erfahrung und über mir schwebt nach wie vor das Sorgerechts-Damoklesschwert. sie ist das, wovor ich am zweitmeisten, nach einem weiteren toten Kind, Angst hatte. als mein erster Sohn starb habe ich mir geschworen, dieses Mama-Ding nicht nochmal alleine zu versuchen, weil es so schauderhaft schwer gewesen ist. es war ja schon schwer, bevor er gestorben ist. als Mama ohne präsenten Vater, bist Du nicht geschützt. ältere Menschen verurteilen Dich, andere Mütter fürchten Dich, die Herkunftsfamilie ist unsicher ob es nicht doch Deine Schuld war, Ämter denken gleich eine Menge vermeintlicher Stereotype alleinstehender Frauen mit, Schulen und Kinderärzt:innen auch. auch wenn eine Geschichte eigentlich so kitschig einseitig ist, wie meine. auch dann. obwohl ich Akademikerin bin. obwohl ich immer gearbeitet habe. obwohl ich mich immer ordentlich kleide und allen gegenüber höflich auftrete.

ja, vielleicht macht das so viel aus. die Nachbarsfamilie hat jetzt über väterliche Diplomatie erreicht, dass sie im Garten werkeln dürfen. ich gönne es ihnen so sehr. sie machen das ganz toll. ich hätte das nicht geschafft. ich bin ja schon „kein Umgang“ und keiner baut sich auf und pfeift den beiden streitlustigen Frauen was, die so schlecht über mich reden. gestern hat der Sohn einer Bekannten den Vater blöd umgerannt. sie stand lächelnd dabei, denn: sie musste nicht reagieren. der Vater hat ja reagiert. als meine Söhne gestern Abend noch das kaputte Rad zum Vater des Kumpels gebracht haben, weil der angeboten hat es zu reparieren, war die Mutter der Familie nicht zuhause. ich habe nicht gefragt, was sie gemacht hat. sie war einfach nicht zuhause. während ich, die ja alleine war, sogar zuhause war.

„ich würde das nicht schaffen, was Du schaffst“ wie oft habe ich das schon gehört? beinah wöchentlich seit 2016. mein Leben – umrahmt von Familiengeschichten. was wäre denn, würde ich es nicht schaffen? was wäre dann? habe ich da irgendeine Wahl? kann ich loslassen?

„ich bin einfach ein sexueller Mensch. Du bist scheinbar anders.“ das hat mir der Mensch aus der Vergangenheit gesagt, als ich feststellte, dass ich gerade nicht mehr wirklich angezogen bin und mir auch nicht das Blut steigt, wenn sich jemand an meine Brüste erinnert. ich kam nicht dazu, ihm zu erklären, dass genau, diese Freiheit, ein sexueller Mensch sein zu können, das ist, was Frauen verwehrt oder strukturell erschwert ist. nicht nur Frauen mit Kindern. auch denen ohne Kinder, die gerade oder generell keine Kinder wollen. um eine sexuelle Frau sein zu können, musst Du Dich ausgesprochen umfassend mit Verhütung beschäftigen und sie bezahlen. Du musst auf der Hut sein davor, den falschen Menschen Signale zu senden. Du musst aushalten, dass Du als sexueller Mensch eben nicht mehr wirklich menschlich in den Augen vieler Männer bist. Du bist dann zwei Brüste, die in Erinnerung bleiben. und Du wirst wirklich oft beleidigt, nämlich immer dann, wenn Du Dich gegen einen sexuellen Mann entscheidest. also einen, der gerade in Vorfreude vor Dir steht und denkt, er kriegt gleich eine rum.

früher habe ich das auf mich genommen. diese vielen vielen Konflikte, Diskussionen um Kondome, Eiertänze um wo und wie (wobei: nach 2-3 Versuchen habe ich immer darauf bestehen müssen, dass bei mir kopuliert wird, weil Männer sich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit nicht mal um ein frisches Bettlaken bemühen, wenn sie Damenbesuch erwarten und ich keine Lust hatte auf Ekelgefühle). ich habe alle Variablen so gestellt, dass es mir damit gut ging. damit ich eine sexuelle Frau sein konnte. damit ich eine Chance darauf hatte, beweisen zu können, dass es schön ist mit mir. und die Männer sind einfach nur gekommen.

na sicher werden Raum und Zeit größer, wenn Du Dich aus dem Spiel entfernst. wenn Du Deine Regeln aus Selbstachtung und als Notwendigkeit festzurrst. na sicher leidet darunter diese leichte Sexualität. ich hatte ja angenommen, dass Männern das grundsätzlich auch klar ist. es gibt auch sicher nicht weniger Männer, die das verstehen. es sind ja auch genug Männer frustriert genug von ihren Partnerinnen, nicht wahr?

die Sonne streicht über die Hauswand der Bibliothek. die Vögel bauen an ihrer Sonntagmorgenkomposition. ich würde jetzt gern mit Kaffee am Küchentisch sitzen und leise reden. Gedanken frei lassen. Vertrautheit im Pyjama. Pläne schmieden. Schönheit spüren. oder Scrabble spielen, wenn die Gedanken noch nicht frei gelassen werden wollen. immerhin kann ich meine Gedanken hier lassen. in meiner digitalen Kladde. das ersetzt keine Gespräche. aber es ist mehr als allein-sein an einem Morgen im Mai. Danke.

Liefs,

Minusch

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