wegen

dieses Schuljahr begann mit viel zu vielen Stunden, mit denen ich gerechnet hatte. aber es geht weiter mit einer Umverteilung von Stunden, mit der ich nicht gerechnet hatte. zum ersten Mal seit 2016 kann ich an 4 von 5 Tagen nach meinen Kindern aus dem Haus gehen, ohne zu spät zu kommen. ja, das ist erwähnenswert! sehr erwähnenswert! denn es verändert die Lebensführung…

als ich in meinem Job in der ambulanten Jugendhilfe anfing, musste ich jeden Morgen 30min zur Einsatzstelle radeln. damals brachte der (Ex)Mann die Kinder in den Kindergarten und ich holte sie dann später ab. ich hatte jeden Morgen nur mich fertig zu machen und drei Brotdosen zu packen und hatte sogar Bewegung. mittags kam ich nach 30min Bewegung heim, machte mir was zu essen und ging dann die Kinder holen. Pausen waren nicht eingeplant, aber die ergaben sich in den Schulferien, die ich frei hatte, die Kinder aber in den Kindergarten gehen konnten (was ich nie voll genutzt habe, weil mir die Kindergartentage ähnlich anstrengend vorkamen wie Schultage).

nach der Trennung musste ich meine Kinder in den Frühdienst bringen. ich musste bei der Stadt extra Stunden beantragen, die Kinder früher ins Bett bringen, damit sie früher aufstehen können, selbst noch früher aufstehen, drei Frühstücke machen, drei Brotdosen machen, die Kinder in Ruhe wegbringen, alle Hürden wuppen und dann 30min zur Schule fahren. damals musste ich nach 6 Monaten meine Kolleginnen bitten, mir die frühen Randstunden abzunehmen, weil ich immer zu spät kam. wirklich immer. und weil ich mich dafür schämte, immer wieder in den Unterricht reinzuplatzen. immerhin blieben noch die Pausen in den Schulferien. immerhin.

dann wechselte meine Einsatzstelle, mein 30min-Radweg fiel weg und die dafür nötige Zeit und ich war total erleichtert. mein Morgen wurde ruhiger. allerdings hatte ich von jetzt auf gleich viel weniger Bewegung. im selben Schuljahr wurde mein großes Kind eingeschult, was die Schulferien zu Anti-Pausen machte, da der Kleine sich natürlich weigerte, in den Kindergarten zu gehen, wenn der Große zuhause blieb. und zu spät kam ich auch, weil ich meinen Erstklässler erst um 8 zur Schule bringen konnte, weil der Unterricht erst um 8:10Uhr begann, meiner aber um 8:00. well well well…

das zweite Kind wurde eingeschult, ich hatte kurzzeitig zwei Einsatzstellen, zu denen ich paritätisch zu spät kam, weil die Stundenpläne zeitlich ungünstig versetzt waren. auf jeden Fall stand ich morgens auf, machte Frühstück, richtete Brotdosen, schickte die Kinder los und sprintete in die andere Richtung. die neue zweite Einsatzstelle beginnt übrigens um 7:45 mit der ersten Stunde. das wusste ich dann nach dem ersten Tag auch.

inzwischen sind meine Jungs in der 3. und 4. Klasse. der Schulweg alleine ist total easy. Frühstück wollen sie nicht mehr täglich zuhause und wenn, dann schnappen sie sich den Joghurt oder das Müsli selber. ich richte weiterhin Brotdosen und bin jetzt ein Jahr lang an 4 von 5 Tagen vor den beiden zur Arbeit gegangen. an der Einsatzstelle angekommen hin und wieder ein Anruf von mir zuhause, um sicherzugehen, dass sie nicht vor Comic-lesen auf dem Sofa kleben geblieben sind.

klingt das stressig? es ist stressig! meine Kinder sind sicherlich daran gewachsen, ABER: wir hatten auch keine Wahl. und DAS macht es stressig. früh aufstehen ist das eine. dann direkt alles mögliche bedenken und planen und klären ist etwas anderes. und diese Sache mit dem „am Vorabend noch regeln“: das klappt hier nicht, weil wir abends alle drei hundemüde sind und noch mehr falsch machen, als morgens. zumindest im Alltag.

dieses Schuljahr werde ich endlich an 4 von 5 Schultagen nach meinen Kindern losgehen können. das ist…das ist…wie ein Wunder. ich habe mir das so lange gewünscht. ich habe heute beispielsweise meine Kinder in Ruhe geweckt, dann den Abwasch von gestern gemacht, Brotdosen vorbereitet, mir einen Kaffee gezogen und dann mit den beiden am Tisch gesessen, die Konflikte von gestern noch mal abschließend angesprochen, beide beim rausgehen entspannt verabschiedet, mir dann in Ruhe Laufsachen angezogen und bin laufen gegangen. gestern morgen habe ich ein Formular fertig bearbeitet. morgen werde ich eine 1stündige Online-Belehrung abhaken. und übermorgen werde ich wieder laufen gehen. ich kann mein Bett machen, Frühstücksreste wegräumen und die Wohnung friedlich hinterlassen. ich komme in eine friedliche Wohnung zurück und nicht in ein verlassenes Kampfgebiet.

wenn ich zurückschaue, macht mich wütend, dass es keine bessere Lösung für uns gab. das, was ich jetzt zur Verfügung habe, hätte ich vor 5 Jahren noch viel mehr gebraucht. Zeit für meine Kinder. Kraft für meine Kinder. Zeiträume für strukturelle Arbeiten innerhalb des Betreuungszeitfensters meiner Kinder. wieviel mehr Tag mir zur Verfügung steht, nur weil ich morgens nicht als erste los muss.

ich schreibe das auf, weil ich darauf hinaus will, dass unsere Erschöpfung als Eltern nicht einfach nur Teil eines ineffizienten Tagesablaufes ist. sobald wir angestellt erwerbsarbeiten, hängt unser Familienleben davon ab, wie flexibel unsere Vorgesetzten ticken. ist es ok, für die Kinder alle krank-Tage zu nutzen? ist es ok, für die Kinder zu spät zu kommen? ist es ok, für die Kinder mittags zuhause zu sein? ist es ok, für die Kinder Energie haben zu wollen?

ich finde, dass ich vielen Punkten Glück mit meinem Arbeitgeber habe. mir macht es auch nichts aus, meinen Jahresurlaub nur in den Ferien nehmen zu können, geht ja eh nicht anders für die nächsten Jahre. ich finde die Mehrarbeitsregelung für die Ferien auch gut, weil ich so sichergehen kann, dass ich zuhause sein kann, wenn alle Stricke reissen. auch während der Pandemie habe ich mich wirtschaftlich sicher gefühlt. ich finde es auch schön, an Schulen eingesetzt zu sein. es ist so spannend, diese Welt als Erwachsene aber aus Schüler:innen-Sicht zu erleben. aber all das hatte einen stolzen Preis, wenn es um 5 von 7 Wochentagen ging.

unser Leben hätte einfacher sein können und uns dreien so manchen Konflikt erspart. nun ist es so wie es ist. und vor mir liegt ein halbes Schuljahr, dass leichter sein wird als alles, was ich bisher gemacht habe. ich weiß nicht, ob ich sagen sollte, dass ich mir das verdient habe, weil es buchstäblich nicht an meiner Leistung hängt sondern am Stundenplan. aber ich freue mich so oder so.

ich habe oft mit mir gehadert. sehe mich als ungeduldig und grinchig und bin oft am möppern. na sicherlich hat das alles Gründe und vor allem viele Gründe, die außerhalb meiner selbst liegen. aber das bin ja dennoch ich. und das hat lange an mir genagt. mal sehen, ob das weniger wird, wenn ich entschleunigt in die meisten Tage starten kann. und allen anderen Eltern wünsche ich auch von ganzem Herzen genügend Raum für das, was Euch wichtig ist und gut tut. und noch mehr als das wünsche ich Euch so viel Selbstliebe und Vertrauen in Euch selbst, dass Ihr zuversichtlich bleibt, selbst wenn die Räume zu eng sind und noch lange bleiben. die Zeit spielt wirklich für uns. und Selbständigkeit bei Kindern ist eine Kompetenz und kein Schaden.

nächstes Mal schreibe ich über die Auswirkungen eines eigenen Zimmers für eine alleinerziehende Mutter. völlig subjektiv. aber immer aufrichtig.

liefs,

Minusch

2 Antworten auf „wegen

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