darauf hin

achja. achja. achja. da komme ich die meiste Zeit des Jahres ganz gut mit dem Gefühlsleben hin, und dann tropft mir wer Aufmerksamkeit ins Gehirn und in mir erblühen kindliche Sehnsüchte von gemeinsamen Sandburgen, heimlich nachts am Kühlschrank treffen oder morgens Frühvogel-Bingo auf dem Balkon spielen. und dann scheitert es an diesem und jenem (dieses Mal eine krude Mischung aus Verhalten, dass ich dem Exmann zuordne, von dem ich aber nicht abschließend sagen kann, ob das so stimmt, und einem zufälligen Backflash, den ich auf jeden Fall der Exmann-Erfahrung zuordnen kann, und der eine wirklich durchwachsene Woche nach sich gezogen hat, in welcher mir Aufmerksamkeit echt geholfen hätte, aber dann doch besser entzogen wurde (wie das auch der Exmann getan hätte)). und ich habe an mir gearbeitet (mir blieb ja nichts anderes übrig) und ich hätte den Konflikt gern geklärt (was die andere Seite nicht wollte) und übrig bleibt ein wildes Ratatouille aus „Du bist so wunderbar und Du machst so vieles so, wie ich es mir immer gewünscht hätte“ und „ich wünsch Dir alles erdenklich Gute“.

achja. achja. achja. mit diesem Gefühl beunruhigter Sehnsucht (und es war ein Brocken Arbeit für mich und den Tropfenden, weil ich zu Beginn gar keine Sehnsucht hatte) sitze ich nun im Herbstanfang. eigentlich hätte dieser Herbst mit Lachen und Scrabble und Spazierengehen beginnen sollen. das wäre des Herbstes würdig gewesen und hätte in meinen Kitsch-Toleranzbereich gepasst. dazu Pizza und Zwetschgenkuchen. ja, das wäre episch geworden, hätte es werden dürfen. nun also wieder die ruhende Mitte freilegen, malerisches Laub wegfegen und entwöhnen. Aufmerksamkeit ist schön, ja, aber es geht gefälligst auch ohne. zumal: was ist die Alternative? offensichtlich kommt mit ja nun wirklich nicht jede:r in die Tüte. und mir fehlt ein wenig Phantasie, in welche Richtung ich den Aufwand treiben könnte, um eine Änderung herbeizuführen, zumal ich ja gar nicht so viel vorab verändern möchte.

wie wichtig ist mir dieser Körperkontakt? wie wichtig sind Umarmungen? ja, zur Zeit bin ich schon von einem Handschlag high und sobald ein anderer Mensch mit mir lacht, flippt in mir irgendwas aus. aber vielleicht gibt sich auch das irgendwann. schön war, Alltagserlebnise nochmal durchsprechen zu können. in einer anderen Dichte als ich es mit Freundinnen kann. ich habe keine engen Freundinnen, die wirklich alles mitbekommen. aber gleichzeitig ist das alles irgendwie auch banal. sollte ich mir echt einen Menschen für solche Banalitäten wünschen?

ja, ich habe tinder wieder angeschaltet. ich soll mir einfach einen Liebhaber suchen. tja. also. meiner Erfahrung nach ist Sex ohne Nähe nicht gut. und: Sex fehlt mir nicht. mir fehlt die Nähe. also was wäre das dann? ein Gernhaber? ich mag den Begriff „Begleiter“, aber ich fürchte, die wollen auch alle Sex und Bekenntnisse und Festigung…und dann nervt irgendwann mein Scrabble und mein Trauma und mein häuslich-sein…und tatsächlich steht bei so ziemlich allen Profilen drin, dass sie mindestens 3 Sportarten betreiben und viel Reisen. da nerven dann wahrscheinlich meine Alltagsbanalitäten. viele sind schon genervt, dass ich lese, was sie schreiben und mir das dann merke. gestern wurde mir vorgeworfen, dass ich keine Date-Vorschläge gemacht hätte. weiter oben standen aber 4 von mir. als ich schrieb, dass ich das Gefühl habe, dass ich nicht mehr interessant für ihn sei, wurde das Match kommentarlos deleted. ein anderer schrieb vor 48h, dass er sich total über das Match freue und ich mich melden solle! hab ich gemacht. und warte seit dem. wieder ein anderer schrieb mich per copy&paste an und änderte nichtmal den Namen in der Anrede, aber als ich meinte, dass ich das traurig fände, erwiderte er, meine Gefühle wären mein Problem. ein überraschend verheirateter Mann beschrieb mir ganz gelassen, dass es zu einer glücklichen Ehe gehöre, dass einander Freiraum für Abenteuer gegönnt würden. das fand ich ziemlich progressiv…nur…diese Abenteuer sind rein sexuell. also nichts mit Nähe oder so. Abenteuer. ich seh Sex gar nicht als so großes Abenteuer. aber gut.

ich habe noch ein wenig Zeit, mich in die Reihe zu kriegen für die Arbeit heute. ich betrachte meine Gedanken und Gefühle. sortiere. Brettspielfreunde wären super. Besuch wäre super. zusammen etwas unternehmen wäre super. ab und zu zunicken. und vielleicht alle zwei Monate ein Arm, in den ich mal reinheulen kann, um das loszuwerden. Geduld. die Möglichkeit, zu spüren, was dieses Trauma in mir veranstaltet wären total wichtig, aber ich will auch nicht zu viel verlangen. schließlich wollen alle Menschen lieber was schönes und leichtes und nicht die Müllberge vergangener Zeiten wegschaufeln…das bleibt wohl mein Ballast. zugeschoben durch einen Menschen, der mich hasst. der jetzt sein freies und unbelastetes Leben lebt. der ab und zu eine Mail von mir bekommt, in der ich um Geld für seine Kinder bitte.

auf einen Tipp hin, habe ich bei „Tina Mobil“, einer kleinen Serie in der Mediathek der ARD reingeschaut. bei Folge zwei musste ich ausschalten. in der ersten Folge habe ich schon mit mir gerungen. die Darstellung ist toll. die Geschichte auch. aber es fühlt sich an wie ein Blick in die Zukunft, wenn ich aufgrund meiner großen Klappe vielleicht doch meinen Job verliere und dann bei der Tafel unfreundliche Mitarbeiter:innen anpampe um anschließend Joghurt heimzutragen. parallel dazu lese ich Geschichten anderer Menschen…mit oder ohne Haus, mit oder ohne Hilfe, mit oder ohne Job. und es fühlt sich an wie asphaltierte Traurigkeit im Bauch. eine dunkle feste Masse. stabil. aber nicht schön. mit einem leicht unangenehmen Geruch, wenn die Sonne darauf scheint. ist das mein Schicksal? die Regeln dieser Gesellschaft einfach zu akzeptieren und meinen Träumen beim Verrotten zuzusehen? alles dafür zu tun, dass meinen Kindern so etwas nicht passiert, mit einer statistisch relevanten Wahrscheinlichkeit von „doch“?

ich sage meinen Kindern, dass es uns gut geht. wir haben durchgerechnet, was wäre, würde ich mehr arbeiten. welche Kosten wir dann nicht mehr erstattet bekämen. zwischen Keksen und Apfelstückchen lagen hier PostIts auf dem Tisch mit Zahlenkolonnen. ich werde mehr arbeiten, wenn die beiden mich weniger brauchen. der Gedanke, unabhängig und finanziell sicher zu sein, ist unheimlich gut. die beiden finden das auch gut. als Perspektive. wir haben eine Perspektive. unabhängig von meiner Sehnsucht. die Sehnsucht beschreibt nur einen Teil von mir. einen Teil, den ich zwar sehr lieb habe, aber der ohnehin noch nie so viel Raum bekommen hat, wie ich ihm zugestehen wollen würde. schließlich war immer was zu tun. immer war etwas wichtig. wichtiger.

zart in dieser Gesellschaft sein zu können, ist ein Privileg. dafür muss es einen anderen Menschen geben, der Dich schützt. verbindlich schützt. verletzlich zu sein, ist menschlich gesehen normal, aber gesellschaftlich betrachtet eine Sollbruchstelle. das emotionale Äquivalent zur Lücke im Lebenslauf. verletzlich sein. anders sein. Gefühle zeigen. Hilfe brauchen. wir alle können Romane darüber schreiben, wie wichtig und normal das ist und auf der nächsten Seite scheitern wir daran, uns mit Bauchweh krank zu melden, weil das ja komisch aussieht an einem Freitag. ich verstehe alle Eltern pflegebedürftiger Kinder, die sich die Haare raufen, weil sie so wenig Hilfe bekommen. und ich möchte ihnen zurufen: es geht auch den anderen nicht anders. niemand hilft uns. wenn da niemand von sich aus ist, dann kommt auch keiner. oder nur selten, zufällig und unverbindlich. ich kenne viele tolle Menschen. niemand von denen hat freie Kapazitäten für irgendwas. niemand sitzt sonntags auf dem Sofa und fragt sich, was denn nun mal ne gute Idee wäre. die meisten schleppen sich durch Kaskaden von Verpflichtungen und stranden am Sonntag in einem Pool aus Müdigkeit und Sehnsucht nach Abenteuer (hihi). und dann werden Ideen gewälzt, wie was einfacher ginge und besser und ob vielleicht ein Perspektivwechsel helfen würde…aber diese freie Zeit, die Menschen bräuchten, um sozial aktiv werden zu können, die gibt es nicht. die muss sich genommen werden.

Zeit nehmen/Zeit geben. das ist die Währung, um die es gehen sollte. nicht Erschöpfung/Erholung. wieviel Zeit gebe ich Dir? wieviel Zeit nehme ich mir für Dich? wieviel Zeit nehme ich mir für mich? „Mama, wir wollen Zeit mit Dir verbringen“…ja, ich bin eigentlich immer da. eigentlich.

die Zeit heilt alle Wunden…ich mag den Satz nicht. weil ich mir sicher bin, dass das nicht die Zeit macht, sondern die Menschen, die sich Zeit nehmen, in den Phasen, in denen Du jemanden brauchst, bei Dir zu sein. wenn da aber niemand ist, dann heilt es auch nicht. dann verwächst es nur.

hab ich jetzt irgendwas verstanden? bin ich mir mit irgendwas klarer? oder funktioniert mein Gehirn doch nur wie eine mentale Umwälzanlage? angenehmeres Temperieren des Hauptbeckens? ich hätte so gern eine Lösung, die ich ganz alleine umsetzen kann. aber was ich auch tu, mir wächst kein zweiter Mensch und Scrabble gegen mich selbst ist nicht schön und ohne ein Gegenüber werden meine Kinder nie erleben, wie ich einen eigenen Streit kläre. sie lernen anderes, so viel ist sicher. wir reden viel und ich ermögliche, was ich ermöglichen kann. ich fühle mich da als Familie nicht wirklich schwächer aufgestellt. aber…dieser leichtere Teil von mir…der Teil mit der Gitarre und den Kuchen und den Kissen auf den Balkonstühlen…

Liefs,

Minusch

2 Antworten auf „darauf hin

  1. Liebe Minusch, ich liebe Deine Worte, diese hier und heute ganz besonders. Was Du schreibst über das sensibel sein und die Gesellschaft, „ist das mein Schicksal? die Regeln dieser Gesellschaft einfach zu akzeptieren und meinen Träumen beim Verrotten zuzusehen?“ Oder das über Sex, der nicht fehlt, sondern die Nähe. Ja, wahre Nähe, innige, tiefe.
    Und so vieles mehr…Danke für Deine Worte! Sie treiben mir Tränen in die Augen meiner empfindsamen Seele und gleichzeitig ein glückliches Lächeln ins Gesicht: wir sind nicht allein, es gibt noch Gleichgesinnte.

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