apokalypsemarkt

was für ein Tag. er begann mit der Mail der der Klassenlehrerin vom großen und endete mit einem Gefühl mentaler Einsamkeit. dazwischen Informationssuche, Terminabsagen, Unterrichtsbegleitung, Umplanungen und dem DIY-Bücherregal in der Stadtbibliothek. Häkeln wäre gut. oder doch ausmisten? monochrom-skandinavische Raumgestaltung mit einem Schuß Hygge. ich möchte wieder diese Zuhause-bleib-Heldin sein und es mir zuhause schön machen. Zuhause. aufstehen, wenn ich wach bin. einschlafen, wenn ich müde bin und immer was zum Kochen und einen Herd zur Hand. nur meine Kinder und ich. keine süßen Babyhunde in den Armen kleiner Mädchen, die drei Tage später einen positiven PCR-Test vorweisen. kein Erschrecken, weil ich nach dem Hunde-Mädchen-Incident eine schwangere Freundin getroffen habe. und im (super hygienekonzipierten) Kindertheaterstück (zum Thema „Angst“) war. und mit meinen Eltern eine (spärlich besuchte) Ausstellung angeschaut habe. ich mache sonst wochenendelang gar nichts. jetzt hat es sich halt geballt. und der Ball ist mir direkt in den Bauch gebollert.

ich vertraue den Schnelltests. dieses Vertrauen ermöglich mir, arbeiten zu gehen. ich glaube, dass dieses engmaschige Nasebohren eine Art indirekten Schutz darstellt. ich vertraue auch meiner Impfung. meine Angst geht nicht da hin, dass ich einen Krankenhausaufenthalt fürchte. ich nehme an, dass ein Verlauf bei mir nicht mehr katastrophal sein müsste. auch das hilft mir, arbeiten zu gehen. und meine Kinder in die Schule zu schicken. ich vertraue auch der Wahrnehmung meiner Kinder. wenn es ihnen mit all dem schlecht ginge, würde ich anders handeln.

…aber mein Vertrauen in andere Menschen ist bis ins Mark erschüttert. ich war noch nie ein Herdenwesen. ich kann mich nicht gut unterordnen, ich muss etwas verstehen, um etwas zu vertreten. ich kann zwar die Klappe halten, aber ich setze mich nur ein für etwas, was ich für notwendig halte. das macht schwierig für mich, in Gruppen zu sein. und auch, dass mich Menschengeräusche ausgesprochen nerven können. alles in allem, bin ich kein effizienter Superspreader-Typ sondern mehr so die Zuhause-bleibe-Heldin. mir fehlen Großveranstaltungen nur sehr selten und dieses ganze DIY-Gedöns gefällt mir besser als tanzen gehen. im Grunde habe ich es in der Pandemie megaleicht. außer dann, wenn andere Menschen mich beunruhigen.

durch den Hunde-Mädchen-Incident ist natürlich meine Grundanspannung gestiegen. das ist nunmal so. die Klasse des Großen testet jetzt jeden Tag. den Kleinen teste ich von zuhause auch mit, damit er auch jeden Tag getestet wird. und mich auch. ich nehme das ernst. wir nutzen mit Begeisterung die vielen Desinfektionsmittelspender (von denen zu viele zu oft leer sind), nehmen jede:r einen Korb, halten Abstand, lassen Leute durch, weichen aus und warten ab.

gestern in der Stadtbibliothek, in der es himmlisch leer war, haben wir uns ganz sicher bewegt und neue Bücher gefunden und geschmökert und danach wollten wir nur auf dem Weihnachtsmarkt eine Bratwurst kaufen. oder ein Crêpe. oder je nach dem. wir waren alle morgens negativ getestet, hatten unser Tagessoll erfüllt, haben Bücher zurückgebracht und neue gefunden, unterwegs mit Abstand Freunde gegrüßt. es war fein. die erste Hälfte des Weihnachtsmarktes war zurückhaltend besucht, was uns total entgegen kam. wir standen selbst mit Abstand vor den Buden und freuten uns über Papiersterne und Kerzen und dass es möglich ist, sich ein Lebkuchenherz beschriften zu lassen. dann einmal über die Straßenbahngleise hinüber zu den Futterständen, vorne zuerst das Kinderkarussell, dann eine Blickschutzwand und dann die Buden…zwei Schritte auf den Platz und wir drei blieben stehen. dass wir noch unsere Masken trugen, war uns bis dahin gar nicht bewusst gewesen. wir starren in etwas, was sich in meinem Bauch anfühlte wie ein Blick auf die Apokalypse. nein, der Platz war nicht überfüllt und niemand tanzte oder so. aber: niemand trug eine Maske, niemand hielt den Abstand ein. überall Gruppen von Menschen mit Glühweinbechern und Essensschälchen, lachend nah beieinander. und wir drei mit FFP2-Masken wie drei der vier apokalyptischen Reiter auf dem Weg in den Feierabend?

das war eine körperliche Reaktion. ein Zurückweichen. wir gehören hier nicht hin. wir gehören nicht dazu. ich kann das nicht…wir haben an der Bude mit nur einem Menschen davor überteuerte Pommes gekauft und sind dann gegangen. war der Platz schön? keine Ahnung? war es dort weihnachtlich? weiß nicht mehr. ich wollte nur noch weg. raus aus dem Licht, dem Geräuschpegel und dem Gefühl von Gefahr.

ich dachte an die große Pause in der Schule, in der ich mich mit Massen von Kindern recht gut arrangiere. da spüre ich nie Gefahr. aber da weiß ich auch, dass alle regelmäßig getestet wurden. und ich kann mich gut antizyklisch bewegen, weil ich die Richtungen kenne. auf diesem Weihnachtsmarkt, weiß ich nicht, wer da neben mir steht. wie alt und durchgeschnuffelt die OP-Maske der Frau ist, die gerade an meinem Kind vorbei das Preisschild lesen möchte. ich weiß nicht, ob der Typ mit dem Gipsbein ein Impfgegner ist oder vielleicht selbst Virologe. ob alle gut überlegt haben, ob das ok ist. und ich weiß natürlich auch nicht, ob wir uns nicht doch angesteckt haben und durch diese Dichte nun selbst zum Problem werden.

heute morgen ein Schatten von einem Strich auf dem Selbsttest. Schule anrufen. Testzentrums-Öffnungszeiten googeln, hinpilgern, ausfüllen, warten, erklären, warten, getestet werden, warten…alle drei negativ. damit ich habe ich so viel Energie verbraucht, dass ich zuhause spüre, wir mir Wasser in die Augen steigt. Schule anrufen, Kinder mit den Tests in den Unterricht schicken und den Rest des Tages durchziehen…obwohl ich lieber durchatmen möchte. die Booster-Impfungs-Termine sind alle weg. ich habe mich, aus falsch gewichteter Höflichkeit, zu spät darum gekümmert. noch 5 Wochen bis zu den Weihnachtsferien, aber Inzidenzen, wie zwei Wochen bis Bergamo. ich fühle mich weinerlich, erschöpft und seltsam fremdbestimmt. die Gesprächsthemen sind wieder festgefahren.

ich bekomme erzählt von geplanten Bade-Urlauben im Dezember und Januar. und ich kann nichts sagen. ich höre, wie streng oder locker andere die Maßnahmen einhalten, und kann nichts sagen. alternative Weihnachtsfeiern, um die strengen 2G-Regelungen zu umgehen. ich kann nichts sagen. Menschen, die aggressiv alle beleidigen, die nicht auf Linie sind…Zwinkern hier, Zunicken da. so viele Gefühle um mich herum und auch in mir drin.

der Kleine war vorhin traurig, dass sein Test negativ ist: „ich fände es toll, wenn ich zwei Wochen zuhause sein könnte und es ginge mir so gut wie dem Benno“, ja, das fände ich auch. zwei Wochen zuhause sein und es geht uns gut. das wäre toll. fast geht es mir ähnlich. uns einfach aus dem Spiel rausnehmen können. diese Freiheit hätte ich wahnsinnig gern.

Liefs,

Minusch

Eine Antwort auf „apokalypsemarkt

  1. Liebe Minusch, ich habe Deinen Beitrag schon vor ein paar Tagen gelesen, wollte aber unbedingt noch dazu etwas schreiben. Damit Du fühlst, dass Du mit Deinen Empfinden und Deiner Sicht auf die Dinge ja nicht alleine da stehst.
    Ich kann jedes Deiner Worte unterschreiben. Seit Dienstag letzter Woche ist meine Tochter in Quarantäne. Sie nahm es äußerlich gelassen, obwohl direkt Ballett für sie ausfiel und auch der Schwimmunterricht. Es ist halt so. Nachdem am Freitag davor die Nachricht über einen positiv getesteten Mitschüler kam, hat sich eine Mitschülerin Montagsmorgens beim Selbsttest positiv getestet, wurde Dienstag dann bestätigt. Ich sehe beide Fälle unabhängig voneinander, aber wer weiß das schon. Heute dann PCR-Tests für die ganze Klasse, als Angebot (!) zum Freitesten, so dass am Dienstag alle negativ getesteten wieder die Schule besuchen dürfen. Und meine Tochter liebt die Schule. Sie braucht das, braucht die anderen Kinder.
    Ich gehe davon aus, dass das nicht unsere letzte Quarantäne war (so wie es nicht unsere erste war). Mein Sohn ist jetzt auf einer anderen Schule im Nachbarort. Die Zahlen steigen und steigen. Ich bin oft verunsichert. Die Kinder brauchen andere Kinder, auch wenn es sich bei uns mit Spieltreffen in Grenzen hält und ich selber auch schon vor Corona nicht das große Rudeltier war. Die Zeit hat dennoch ihre Spuren hinterlassen. Am 11. 11. war ich noch mit der Tochter beim Laternenumzug, das wollte sie so gern und bekam Panik, als ich die dicht gedrängte Menschenmenge für den Zug sah, und meine Tochter mittendrin. Ich hab uns Masken aufgesetzt und sie ihr irgendwann wieder abgenommen. Ich hab sie auf das Einhalten von Abstand hingewiesen und aufgegeben, als sie eine Kindergartenfreudin nach über 1 Jahr wieder traf, die auf eine andere Schule geht, wobei ihre besten Freundinnen wesentlich zurückhaltender waren und gleich umarmten, während mein Mädchen erst mal vorsichtig abwartete. Aber sie hatte dsa andere Mädchen vermisst. Ein wichtiges Erlebnis für die Kinder.
    Als mir die Mutter dieses Mädchens dann später noch verdammt nahe kam, sie mir alkoholisiert von hren Beziehungsproblemen erzählte, um mich im nächsten Moment wieder einfach stehen zu lassen, dachte ich wieder einmal: WTF soll das ?
    Die ständige Angst und Sorge begleitet mich seit Februar 2020 und auch meine inzwischen 4 Monate zurückliegende Impfung ändert nur wenig daran, dass mich die Situation einfach auslaugt. Ich teste mich auch viel, schon aus beruflichen Gründen (und dabei waren auch schon etliche falsch positive, wir hatten nämlich eine verdammt schlechte Charge an Tests – und das Gerenne zum PCR-Test hat nicht nur genervt, sondern teilweise einiges auf den Kopf gestellt). Wir Musiker blasen uns nämlich die Aerosole direkt um den Kopf. Aber es war auch schön, nach fast 1 1/2 Jahren wieder ein paar Konzerte spielen zu dürfen, wieder eine Daseinsberechtigung zu haben neben dem Homeoffice und Homeschooling – und die Aussicht, dass die weiteren Auftritte jetzt abgesagt werden könnten, betrübt mich, obwohl ich es für sinnvoller erachten würde derzeit. Ich teste auch die Kinder nach Bedarf, weil ein Test die Woche in der Schule zu wenig ist. Ich vertraue auf dieses zusätzliche Mittel, auch wenn es da Unsicherheiten gibt. Ich weiß, dass das nicht jeder so sieht und handhabt und hab jetzt leider auch gerade Gegenwehr im Kollegenkreis erfahren. Ich fühle zunehmend Wut auf all die in meinem Augen Egoisten, die sich zwar über alle Maßnahmen beschweren, die das Leben vor Corona wieder haben wollen, aber ihren Beitrag nicht leisten wollen, damit es auch wieder mehr so sein k ann. Ich kann das Geschwurbele nicht mehr hören oder lesen. Und den laschen Umgang der Politiker damit auch nicht, die keinem Mimimi auf die Füße treten wollen. Und muss die für mich dennoch nicht ganz einfache Entscheidung treffen, ob ich demnächst meine beiden Kinder, beide noch unter 12 Jahre, impfen lasse. All die Ängste und Sorgen, die man noch zusätzlich zu denen hat, die eh schon immer da waren und immer da sind, diese Last drückt und drückt auf meine Schultern und meinen ganzen Körper, meine Seele….
    Ich fühle mit Dir und mit allen, denen es so geht.

    B.

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