gleichzeitigkeit

Mittwochmorgen. draußen krähen die ersten frühen Kindergartenkinder. meine beiden Schulkinder diskutierten leidenschaftlich die Treppe runter, ob der eine in seinem Bibliotheksdienst das Buch des anderen abgeben könne oder nicht. vor mir auf dem neuesten Sperrmüllschätzchen (ein echt großer schlichter Couchtisch ohne Anspruch an Qualität) eine angefangene Gravitrax-Bahn. „Die bau ich später fertig, Mama.“

vor uns dreien liegt ein schöner langer Tag voll mit Schule, Gitarren-Unterricht, Online-Teamsitzung, Inliner-Fahren, Gravitrax, Essen kochen und kleinen Momenten mit Nusskuchen, in denen die Sonne einfach nur auf die Nase scheint. so sieht es aus. von außen.

innerlich laufen permanent unendliche Papierstreifen mit komplizierten Lochmustern parallel durch meinen Kopf. wäre James Joyce eine alleinerziehende Mama gewesen, hätte ich genau gewusst, woher seine Ideen kamen. aber so bin da nur ich mit meinen Fragen. so viele Fragen. ob die Fragen zusammengepuzzelt ein Bild ergeben? oder ob ich erst die Antworten brauche? welche dieser Fragen ist denn wirklich wichtig und welche tut nur so? könnte ich, würde ein ein Jahr lang jeden Tag eine Frage bearbeiten, alle Fragen beantworten? oder würde es alles nur noch schlimmer machen, wie im Philosophie-Studium, das ich abbrechen musste, weil ich die Flut an Fragen nicht mehr aushalten konnte, die jeweils am Ende eines Seminars in mir aufgeplatzt sind?

ein Fragenkomplex ist der nach meinem Wert. also dem Wert, den ich mir beimesse. die Grundlage von „ich brauche“ und „ich gönne mir“. und auch die Grundlage für „ich kann“. es ist nämlich so, dass ich mich im Grunde für recht klug halte. nur: sobald ich das irgendwo auf den Tisch packe, wirke ich unsympathisch. aber wenn ich mich doof anstelle, dann lächeln alle freundlich und antworten: „ach nein, Du bist nicht doof, Du bist eine kluge Frau.“ mich macht diese Diskrepanz fertig. wieso bin ich klug, wenn ich mich doof anstelle, aber anmaßend, wenn ich stolz auf meine Auffassungsgabe bin? und: wenn es da so einen Sprung gibt, wie soll ich dann jemals ein realistisches Bild von meinen Fähigkeiten und meinem gesellschaftlichen Wert haben? denn: klar kann ich auf mich stolz sein wie Bolle und so unfassbar zufrieden mit mir selbst und unabhängig von der Meinung anderer. aber wenn ich dann in den Austausch gehe, reibt es doch wieder ganz gewaltig. mal ganz davon zu schweigen, dass ich „Selbstzufriedenheit“ einen schwierigen Begriff finde. mir ist nämlich klar, was ich alles so wirklich gar nicht weiß, was mir schwer fällt zu verstehen und zu was ich keinen Zugang habe. und ich weiß, was ich alles noch dazu gelernt habe, nachdem ich dachte, ich hätte etwas verstanden. wie soll ich da zufrieden sein? ich habe eher Verständnis für mich. ich verstehe, warum ich wann welche Haltung hatte und was dem voraus ging. ich verzeihe mir, dass ich etwas vertreten hatte, was ich heute für komplett falsch halte. ich übe „Selbstverständnis“ um nicht an meinen Fehlern hängen zu bleiben, selbst wenn ich für manche von denen noch heute Scham empfinde. aber kann ich daraus ableiten, was ich „verdiene“? ich sehe, was andere sich „gönnen“ und bleibe in meiner bescheidenen Existenz weit dahinter zurück. ich „gönne“ mir Teilzeitarbeit, damit ich mehr Handlungsoptionen habe, was meine beiden Grundschulkinder angeht. dieses „Gönnen“ hat zur Konsequenz, dass ich kaum Rücklagen bilden kann und nur sehr zurückhaltend in die Rentenkasse einzahle. Spannenderweise ist im letzten Jahr sogar mein Rentenanspruch gesunken, obwohl es eine tarifliche Gehaltserhöhung gab.

wenn ich mir anschaue, auf was ich alles verzichte, erscheint mir das ein hoher Preis dafür, dass ich Zeit für meine Kinder haben möchte. ein Preis, den ich ganz alleine zahle. ganz als ob nur ich einen Nutzen davon hätte. ein Preis, den mir niemand erleichtert oder mit mir teilt. gesellschaftlich bin ich Kategorie „Pech gehabt“, egal wie gut meine Auffassungsgabe ist. und beruflich auch. für die Hälfte der Fortbildungen, die mein Handlungsfeld innerhalb der Einrichtung erweitern würden, komme ich aufgrund meines Stundenumfanges nicht in Frage. und die andere Hälfte kann ich nicht besuchen, weil ich dafür irgendwo übernachten müsste und das mit zwei Grundschulkindern einfach nicht organisieren kann. leider habe ich aufgrund von Anpassungsschwierigkeiten verpasst, die digitale-Schulung-Welle zu nutzen. ich habe zu lange gebraucht, um unsere Routine wieder aufzubauen. „Pech gehabt“. ich kann mir das ganz gut verzeihen, weil ich quasi unentwegt mitgetrackt habe, an wievielen Tagen ich einfach leicht und glücklich war und an welchen Tagen ich zu früh angefangen habe zu schimpfen. an wievielen Tagen ich frei atmen konnte und an welchen ich froh war, überhaupt Luft zu bekommen. nur so viel: es gibt da ein deutliches Missverhältnis.

„kümmer Dich um Dich“, Selfcare, „koche Dir was Gesundes, weil Du es Dir wert bist“, „pflege Dich und hole das Beste aus Dir raus“, „live your best life“…wenn ich sehe, was andere Menschen durch die Corona-Einschränkungen vermissen, blicke ich erleichtert auf meinen Vorsprung. nee, mir fehlen keine Clubs oder Stammkneipen oder Cafés. ich bin schon angekommen in der Arroganz meiner Demut, weil das eben leichter ist, als ständig zu spüren, dass die Welt sich weiter dreht, egal ob ich tanzen kann oder nicht. ich vermisse auch keine Partnerschaft mehr, weil ich vermute, dass mein emotionaler Background inzwischen zu viel Spaß an seinem Abrissbirnen-Feature hat. wer möchte schon gern mit der Apokalypse Coldplay im Duett singen?

ich verstehe meine Anpassungsstrukturen. meine Anpassungsleistung. denn es ist eine Leistung, die dahinter steht. aber ich verstehe nicht, ob das jetzt bedeutet, dass ich irgendwo auf den Tisch hauen darf. ob ich etwas fordern darf. so, wie ich früher lange nicht wusste, dass ich mich anderen Menschen „zumuten“ darf, und auch heute wieder daran zweifle. so weiß ich heute nicht, was ich gesellschaftlich relevant vermissen darf. Zeit für mich? wirtschaftliche Absicherung im Alter (also Absicherung, die mir ermöglicht, tatsächlich eine Wohnung zu mieten und ein Haustier zu haben)? Unterstützung beim Erhalt meiner Gesundheit? oder sollte ich besser ganz ruhig sein, weil es mir ja gut geht? immerhin habe ich ja einen Job, der uns zumindest im prekären Bereich hält und nicht im armen Bereich. und meine Kinder sind gut in der Schule und gesund und normal entwickelt. Holla, was will ich mehr? andere haben ja nicht mal das!

…ich habe in meinem Leben lange gebraucht um eine Haltung zu entwickeln, die mir hilft zu entscheiden, ob ich arbeitsfähig bin oder nicht. das hat lange gedauert. wer ist schon gern krank. mir musste lange jemand sagen: „Du bist krank, leg Dich hin!“ und wenn mir das niemand gesagt hat, habe ich das nicht gemacht. mit allen möglichen dämlichen Konsequenzen. Burnout, beinah-Autounfall, kaum verheilender Bandanriss, Depression…ach, was hatte das nicht alles zur Folge. dann habe ich mich quasi selbst gescreent und festgeschrieben, was die Punkte sind, die mir auffallen, wenn es mir gut geht: nämlich keine. „ich bin gesund, wenn mir nichts weh tut.“ klingt sicherlich total banal, aber war eine gute Größe für mich, um mich daran entlang zu tasten, ob ich arbeiten gehen kann. als ich Mama war und entscheiden musste, ob ich morgens 90min aufwänden kann, die Kinder und mich fertig zu machen und zum Kindergarten zu bringen, half mir die Frage „wäre es vernünftig, so Fahrrad zu fahren?“. wenn ich die verneint habe, wusste ich: so kann ich nicht arbeiten. aber: die Konsequenzen waren andere. denn ich musste und muss nach wie vor für meine Kinder sorgen. egal wie scheiße es mir geht, müssen die Basics irgendwie gewährleistet sein. damit musste ich die Reißleine früher ziehen als früher. wenn ich weiß, dass ich mich nicht so erholen kann, wie ich müsste, muss ich früher stehen bleiben. das wiederum fand mein Arbeitgeber schlimm, obwohl ich bereitwillig AUs organisiert habe. und inzwischen ist die Krank-Scham wieder Teil meines Lebens. weil ich Mama bin und für meine Kinder sorgen muss und auch will.

niemand erhöht für mich den Referenzrahmen und bemerkt: „Gut, dass Sie so nach sich sehen.“ dabei ist das das absolute Minimum. ich habe kein Geld für Friseur, neue Styles, Sportkurse, SPA-Wochenenden oder Exerzitien. ich habe einen sorgsam austarierten Alltag, in dem ich meistens bestehen kann. und ich kann bemerken, wenn ich krank bin. aber darüber hinaus sind meine Möglichkeiten doch arg begrenzt, obwohl diese Welt so unfassbar groß ist. obwohl so viele Menschen Tag für Tag Neues erfinden, was das Leben leichter macht, fühle ich mich den Frauen näher, die auf keinem Gemälde und in keiner Statue verewigt wurden. den unsichtbaren Frauen, die Tag für Tag Alltag tragen und gestalten, ohne all zu viel daran ändern zu können.

würde ich das nicht schaffen, wären da wahrscheinlich schnell Leute mit Tipps, wie ich das wieder hin kriege. und die sind auch nur so lange da, wie es den Bedarf gibt, dann sind sie wieder weg. genauso wie die Gelder, die an zu kleine Zahlen auf dem Konto gebunden sind und die schlagartig wegfallen, wenn ein Einer sich um einen Zähler erhöht. wir haben schon eine sehr genaue Vorstellung davon, was Bedürftigkeit ist und was nicht. wer Hilfe erwarten darf und wer nicht. und dann schreiben alle möglichen Universitäten von ihren Studien über das gesellschaftliche Befinden und wie viel Hilfe tatsächlich doch nötig wäre, und wir diskutieren Spritpreise, als ob nur mangels Treibstoff keiner den Weg zur Haustherapeutin schafft. um mich herum Menschen, die erstaunt bemerken, wie die Jugend sich doch daneben benimmt, aber niemand schließt kurz die Augen und erinnert sich daran, dass wir nicht wissen, wie sich die letzten zwei Jahre in Zukunft auswirken werden und ob es nicht klug wäre, wenn wir uns diesen Gruppen mit neueren Konzepten nähern als mit „Konsequenzen“? und dann ärgere ich mich, dass ich mir das beruflich ansehen soll aber nichts tun darf und bekomme den Aufkleber „anmaßend“ wieder frisch aufgeklebt. was wäre die Alternative? wegschauen? Dienst nach Vorschrift? „uns hats ja a net geschadt“?

vielleicht wurden nicht nur sehr viele Frauen nie gemalt. vielleicht gilt dasselbe für Kinder und Jugendliche. und vielleicht bin ich deswegen auch lieber in deren Nähe als in der Nähe Gleichaltriger, die ihre eigene Überforderung noch viel weniger sehen als ich, weil sie eben auch funktionieren müssen. damit sie zum Friseur können, sich was Neues gönnen können, der Sportkurs möglich ist, das SPA-Wochenende nicht platzt und weil die Exerzitien schon gebucht sind.

nur falls das (wieder) anmaßend klingt: ich bin nicht besser als vollzeitarbeitende Eltern. ich bin anders klug. ich habe andere Entscheidungen auf Grundlage meiner Ressourcen getroffen und ich zahle den Preis. ich zahle ihn nicht unbedingt gern, weil ich sehe, dass meine Ressourcen ordentlich verknappt sind aufgrund eines Umstandes, den ich nicht habe planen oder verhindern können. und das ist der Punkt, an dem ich die Gesellschaft gern in die Pflicht nehmen würde. die Realität anzuerkennen, ohne zu bewerten. ja, Sorge für Familien ist anstrengend, egal ob das jemand freiwillig macht oder nicht. ja, Sorge zu zweit ist leichter als Sorge alleine. und das alleine-sorgen ist kein persönliches Pech sondern Konsequenz der feministischen Errungenschaft, nicht in schädlichen Abhängigkeitsverhältnissen bleiben zu müssen. das alleine-sorgen ist nicht die Konsequenz meines Fehlverhaltens sondern Konsequenz meines Selbstschutzes. die Scheidung war nicht das Scheitern meiner Ehe sondern die Auflösung einer schädlichen Beziehung. ich habe in diesen Punkten für mich gesorgt, obwohl ich wusste, dass ich danach in meiner Sorge um mich schon wieder herausgefordert sein werde.

ich wünsche mir, dass wir Realitäten beschreiben und nicht bewerten. dass wir auch Trennungen mit Kindern als etwas normales ansehen. eine Herausforderung, klar, aber nichts, was auf Scheitern oder mangelndes Durchhaltevermögen hinweist. und dass wir in unserer Selbsteinschätzung nicht immer erst mit einer hochgezogenen Augenbraue gemustert werden. na sicher irren wir uns trotzdem. immer wieder. „das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ wir müssen Fehler machen und sollten sie nicht aus lauter Angst vor irrwitzigen Konsequenzen vermeiden. das wäre Fehlerkultur. das Leben mit Fehlern als etwas, was Teil des Mensch-seins ist. und wenn ich mich heute für klug halte und morgen für bescheuert, dann kann beides wahr sein, je nachdem worauf ich mich beziehe. und genauso wahr ist, dass der Tag heute das Potenzial hat, schön zu werden. wegen des Sonnenscheins. wegen des Nusskuchens. aber gleichzeitig bleiben da Fragen nach Zukunft, Ansprüchen, Vergebung und Unterstützung. beides ist gleichzeitig wahr.

Liefs,

Minusch

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