rote Tulpen

25. März 2004. es war schon ein bißchen grüner damals. aber auch so hell wie heute. das Sonnenlicht fiel durch mein Erdgeschoss-Fenster und durch Gardinen. nicht durch die Gasscheibe einer Balkontür im vierten Stock. aber die Farbe war dieselbe. gestern bin ich an der alten Wohnung vorbeigegangen. die Wohnung, in der dDu zwei Nächte mit mir durchgemacht hast, von der ich in einer Nacht 3h lang mit der Telefonseelsorge telefoniert habe, während Du mir zugesehen hast. dort stehen jetzt Blumentöpfe auf der Fensterbank, was eigentlich verboten ist. und die Gardinchen haben Lochstickerei. eventuell war das eine Window-Color-Bild an unserem früheren gemeinsamen Schlafzimmer eine hellgraue Katze. bestimmt liegt noch immer PVC auf dem kalten Boden. die Sträucher vor den Fenstern sind jetzt immer so zurückgeschnitten, dass jeder reinschauen kann, der auf der Straße vorbeigeht.

hab ich Dir schon erzählt, dass ich jetzt in dem Haus neben dem ehemaligen Imbiss von Mithat wohne? ich bin nach Deinem Tod oft die Straße hinunter gelaufen um irgendwas zu tun und Mithat hat mir regelmäßig einen Tee angeboten. dann habe ich vor seinem Imbiss gesessen und er hat mich angelächelt und gefragt: „wie geht?“ und ich habe gelächelt und geantwortet: „schwer“. irgendwann musste Mithat den Laden schließen und war fort. aber sein Lächeln wohnt hier noch. und ich bin ins Nachbarhaus gezogen mit Deinen Brüdern. ich hatte mich damals gefragt, ob Menschen in dieser Straße glücklicher sind als in unserer alten Straße, weil die Abendsonne hier eine atemberaubende Schneise hineinschlägt. weil die Bäume in der Straße im Herbst mit einem Schlag golden sind. weil hier abends so viele Menschen vor den Kneipen lachen. in unserer alten Straße gab es das alles nicht, auch wenn sie nicht weit weg ist. in unserer alten Straßen wurden angebissene Döner durch Erdgeschossfenster geworfen und nachts an die Hauswand gepinkelt. mit einem Seemannslied auf den Lippen, aber trotzdem unangenehm.

ich bin glücklicher. ob das an der Straße liegt oder daran, dass ich gerade nicht vieles fürchten muss? oder an meinem Alter? an meinen Erinnerungen? das Leben ist meinem Leben mit Dir gar nicht so unähnlich, nur dass ich von niemandem wirtschaftlich abhängig bin und eben in einer goldenen Straße wohne. und ich sehe jeden Tag große Jungen an der Schule und frage mich, ob Du einer von ihnen hättest sein wollen. oder ob Dein Weg ein anderer gewesen wäre. ich putze Staub weg, wasche Wäsche, koche mehr oder weniger gern, backe Kuchen, höre die Vögel und erledige meine Aufgaben. und fühle mich immer noch eingezwängt. aber es ist ok. so wie es damals ok war, jeden Tag bei Dir im Krankenhaus zu sein, ist es jetzt ok, jeden Tag Deine Brüder in ihrem Alltag zu begleiten.

vorhin habe ich Deine Brüder wie jeden Morgen zum Abschied in den Arm genommen. sie sind beide schon so groß, bei einem der beiden muss ich mich nicht mal mehr bücken dafür. und ich würde auch so gern Dich in den Arm nehmen. Dir einen Kuss auf die Wange drücken. durch Deine Haare wuscheln und Dir hinterherrufen: „Du hast Deine Wasserflasche vergessen!“ oder „Wann kommst Du heute heim?“ oder „sehen wir uns heute Abend bei Deinem Onkel?“. ich würde mir so gern Gedanken über Dich machen. brauchst Du auch schon wieder neue Schuhe? oder eine neue Jacke? oder ist Dein Schreibblock leer? oder Dein Rucksack zu klein? ich war bereit dafür, mir über Dich Gedanken zu machen. bei Dir zu sein, wenn Du eingeschult wirst. Elterngespräche über Dich zu führen und mit Dir eine weiterführende Schule zu suchen. mit Dir Sportarten auszuprobieren und vielleicht ein Instrument zu lernen. ich war bereit dafür…

ich habe nie herausgefunden, wer Du wirklich bist. was Dein erstes Wort war oder ob Rot Deine Lieblingsfarbe geblieben wäre. welche Musik Dir gefallen hätte und welche Bücher Du gelesen hättest. ich habe nur die ersten zwei Seiten unseres gemeinsamen Buches, das mitten im Satz endet um dann in leeren Seiten weiterzublättern. ich ehre dieses Buch. aber es macht nicht glücklich. vielleicht brauche ich deswegen das Zuhause in dieser goldenen Straße, die für mich damals, als Du warst, unerreichbar schien. eine Nähe zu unserer gemeinsamen Zeit. eine Nähe zu meiner damaligen Sehnsucht, in der es Platz genug gibt für alles, was durch Dich nicht mehr wahr werden konnte, weil Du starbst.

mein lieber Junge, mein liebes Kind, Du bist in Wirklichkeit nie größer geworden. aber in mir ist ein Raum in dem Du gewachsen sein kannst. dort, wo in mir die Musik den Herzschlag ändert, kannst Du klein sein und groß sein und wirklich und tot gleichzeitig. mein Kind. gestern wie heute wie morgen.

ich liebe Dich,

Deine Mama

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